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Begründete Ende des 19. Jahrhunderts einen neuen Körperkult: Eugen Sandow
Foto: imago/piemagsBegründete Ende des 19. Jahrhunderts einen neuen Körperkult: Eugen Sandow

Ostpreußischer Herkules

Eugen Sandow galt als „stärkster Mann der Welt“

Lieber Kraftmensch als Theologe – Der gebürtige Königsberger gründete 1897 in London das erste Fitness-Studio weltweit

Wolfgang Kaufmann
17.08.2022

Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Männer aus der Mittel- und Oberschicht ein Problem: Sie waren zwar kultiviert und gebildet, wurden aber vielfach in puncto Körperkraft und dem dazugehörigen muskulös-maskulinen Aussehen von Vertretern der Unterschicht in den Schatten gestellt. Deshalb traf Eugen Sandow haargenau den Nerv der Zeit, als er 1897 in London das erste Fitness-Studio der Welt eröffnete.

Bis dahin war es ein weiter Weg für den am 2. April 1867 in Königsberg geborenen unehelichen Sohn eines jüdischen Gemüsehändlers. Der trug zunächst den Namen Friedrich Wilhelm Müller und sollte später in Göttingen Theologie studieren, zog es aber stattdessen vor, im Zirkus als „Kraftmensch“ aufzutreten. 1887 verschlug es den Herumtreiber nach Brüssel, wo er den Athleten Louis Durlacher traf, der ihn trainierte und einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte.

Durchbruch in London

Der Durchbruch gelang dem nunmehr als Eugen Sandow auftretenden Ostpreußen 1889 in London mit seinem Sieg im Wettkampf gegen den damals angeblich stärksten Mann der Welt, Charles Sampson. Anschließend brillierte er im Alhambra-Theater der britischen Hauptstadt in unzähligen spektakulären Vorstellungen als fast nackter „Herkules“, welcher sowohl die Damenwelt als auch Vertreter des Königshauses und bekannte Persönlichkeiten wie den Schriftsteller Arthur Conan Doyle aufs Nachhaltigste beeindruckte. So stemmte der Athlet unter anderem ein Klavier mit acht darauf sitzenden Musikern oder ließ sich Eisen im Gesamtgewicht von 680 Kilogramm auf den Brustkorb legen.

Zwischen 1893 und 1897 weilte Sandow dann in den USA, wo er wie ein Superstar gefeiert und schließlich sogar im März 1894 von dem legendären Erfinder Thomas Alva Edison gefilmt wurde. Damit löste der Ostpreuße auch in Amerika einen Körperkult sondergleichen aus.

Nach seiner Rückkehr nach England eröffnete Sandow das erste „Physical Culture Studio“ in der Londoner St. James's Street, dem ab 1905 eine ganze Kette ähnlicher Einrichtungen namens „Institutes of Physical Culture“ folgten. Diese bescherten dem Kraftsportler erhebliche Einnahmen, weil seine Trainingsmethoden schlichtweg revolutionär waren. Bislang glaubte man, Muskeln und Kraft seien die Folge des äußerst angestrengten, jedoch nur selten wiederholten Stemmens von möglichst großen Gewichten.

Revolutionäre Trainingsmethode

Sandow hielt es indes für sinnvoller, Übungen mit kleineren Hanteln durchzuführen, aber fünfzig Mal und öfter zu wiederholen. Und damit lag er auch vollkommen richtig: Sein 1904 erschienenes Buch „Kraft und wie man sie erlangt“ enthält zahlreiche Zuschriften und Fotos von Anwendern der neuen Methode, die den Erfolg dieser Art und Weise der Körperertüchtigung zeigen und von der tiefen Dankbarkeit vieler Schreibtischmenschen über das hierdurch gewonnene Lebensgefühl künden.

Neben dem Buch veröffentlichte Sandow auch Anleitungen zur Ernährung für Kraftsportler; dazu kam der Vertrieb von selbst entwickelten Fitnessgeräten.

Um dem von ihm aus der Taufe gehobenen Bodybuilding weitere Popularität zu verleihen, initiierte Sandow 1898 einen ersten Wettbewerb in der Royal Albert Hall in London, zu dem noch kein weibliches Publikum zugelassen wurde. Dem folgte am 14. September 1901 „The Great Competition“ für Kraftsportler aus aller Welt mit 80 Teilnehmern, die 15.000 Zuschauer anzog. Sieger war damals William Joseph Murray aus Lancashire, der ein hohes Preisgeld und eine goldene Statue von Sandow erhielt. Nachbildungen dieses „Eugen“ bekommen heute übrigens auch die Gewinner des seit 1965 von der International Federation of Bodybuilding & Fitness (IFBB) veranstalteten Spektakels „Mister Olympia“.

Förderer von Antarktis-Expeditionen

Sandow, der im Jahr 1904 die britische Staatsbürgerschaft erlangte, zog sich im Jahr darauf von der Bühne zurück. In der Folgezeit spendete er Teile seines beträchtlichen Vermögens für die Olympischen Spiele von 1908 in London sowie die Antarktis-Expedition des australischen Geologen Douglas Mawson, die von 1911 bis 1914 dauerte. In deren Verlauf wurde auch ein neuentdeckter Berg im Queen-Mary-Land nach Sandow benannt.

Weitere Ehrungen erfuhr der Bodybuilder durch den US-Präsidenten Theodore Roosevelt und den britischen König Georg V.: Ersterer ernannte ihn zum Nationalen Gesundheitsberater und Letzterer zum persönlichen Trainer sowie Professor für wissenschaftlichen Körperkult.

Sandow starb am 14. Oktober 1925 im Alter von nur 58 Jahren in seinem heute noch existierenden Haus in der Londoner Holland Park Avenue, wobei die genaue Todesursache umstritten ist, weil keine Obduktion erfolgte.

Damaligen Zeitungsmeldungen zufolge soll er eine Hirnblutung erlitten haben, die aus der Anstrengung beim Hochstemmen eines Autos anlässlich der Rettung eines verunglückten Kindes resultierte. Es gibt jedoch auch Hinweise darauf, dass der Kraftsportler der damals noch nicht heilbaren Syphilis zum Opfer gefallen ist. Auf jeden Fall hinterließ er eine schwer geschockte Anhängerschaft, der das relativ frühe Ableben ihres immer so vital wirkenden Idols sichtlich unter die Haut ging.



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Kommentare

Chris Benthe am 22.08.22, 08:50 Uhr

Solche Artikel sind die "kleinen" Glanzpunkte im Lesealltag. Wunderbar. Danke dafür.

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