16.04.2024

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Ernst Reuter

Flammender Appell an die „Völker der Welt“

Vor 75 Jahren hielt (West-)Berlins Ober- und Regierender Bürgermeister seine berühmteste Rede – Vor 70 Jahren ist das Stadtoberhaupt gestorben

Martin Stolzenau
08.09.2023

Dicht gedrängt standen am 9. September 1948 350.000 Ber­liner auf dem Platz vor dem Reichstagsgebäude. Ernst Reuter (SPD) appellierte dort als ihr von der Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählter Oberbürgermeister an „die freien Völker der Welt“, Berlin nicht preiszugeben. Seit Juni 1948 blockierte die Sowjetunion die Westsektoren der Stadt und behinderte gezielt die Arbeit des rechtmäßig gewählten Stadtparlaments. Reuter verkörperte wie kaum ein anderer den Widerstand der Berliner in den Westsektoren gegen eine Einverleibung durch die Sowjets und die Kommunisten in den sowjetischen Machtbereich östlich des Eisernen Vorhangs.

Dabei war Reuter noch nicht einmal in Berlin zur Welt gekommen. Statt in der Hauptstadt Preußens und des Kaiserreiches stand die Wiege vielmehr an deren Rand, in Nordschleswig. Reuters Vater war nach seemännischer Ausbildung zum Kapitän der Handelsmarine aufgestiegen und wohnte zeitweilig in Apenrade. Der Ort war von 1867 bis 1920 Kreisstadt in der Preußischen Provinz Schleswig-Holstein. Dort wurde Sohn Ernst Rudolf Johannes am 29. Juli 1889 geboren.

Generalsekretär der KPD
1891 zog die Familie nach Leer, wo der Vater die Leitung der Steuermannsklasse an der Navigationsschule übernahm. Dort wuchs der junge Reuter auf. Im unmittelbaren Umfeld wirkten zwei Onkel als Gymnasiallehrer, zwei als Pastoren, einer als Realschullehrer und einer als Apotheker. Allesamt genossen sie großes Ansehen. Nach dem Abitur in Leer studierte Reuter ab 1907 in Marburg und München Germanistik und Philosophie. 1912 schloss er sein Studium mit dem Staatsexamen ab und sich der SPD an. Wegen seiner politischen Haltung wurde ihm trotz Staatsexamens der Eintritt in den Schuldienst verweigert. Deshalb verdiente er sein Brot als Hauslehrer, sozialdemokratischer Wanderredner und Journalist.

Während des Ersten Weltkrieges geriet Reuter 1916 in russische Kriegsgefangenschaft. Im Gefolge der Oktoberrevolution entwickelte er sich zum bekennenden Kommunisten. Als solcher wurde der Deutsche in der autonomen Republik der Wolgadeutschen als Volkskommissar eingesetzt.

Nach dem Kriegsende kehrte Reuter Ende 1918 nach Deutschland zurück. Dort schloss er sich dem linken Parteiflügel der KPD an und fungierte bis zu seinem Bruch mit der Partei als deren Generalsekretär. Nach dem Verlust dieses Amtes 1921 und dem Ausschluss aus der Partei 1922 fand er über die Unabhängigen Sozialdemokraten zur SPD zurück, für die er in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt wurde. Parallel wirkte er für deren Parteiorgan „Vorwärts“ als Redakteur. Nun machte er zügig Parteikarriere. Reuter wurde zunächst besoldeter Stadtrat für das Verkehrswesen in Berlin, Mitglied im Vorstand des Deutschen Städtetages und 1931 SPD-Oberbürgermeister von Magdeburg, das er ab Juli 1932 auch im Reichstag vertrat.

Die Nationalsozialisten jedoch unterbrachen seinen Aufstieg, vertrieben ihn aus allen Ämtern, brachten ihn mehrfach ins KZ Lichtenburg und bewogen ihn 1935 dazu, vor einer erneuten Verhaftung zu emigrieren. Mithilfe der Quäker ging Reuter über England in die Türkei. Dort erhielt er als Verkehrsexperte einen Posten im zuständigen Ministerium und lehrte als Professor an der Verwaltungshochschule.

Bei seiner Heimkehr im November 1946 ließ er sich auf Bitten der SPD in Berlin nieder. Er fungierte zunächst erneut als Stadtrat für Verkehr. Während Reuter ganz im Sinne der antikommunistischen Linie der Berliner SPD jede Zusammenarbeit mit der KPD ablehnte, verabredete sein Parteifreund und seit 1946 amtierender Oberbürgermeister Otto Ostrowski im Februar 1947 ohne parteiinterne Rücksprache ein Arbeitsprogramm zur Linderung der wirtschaftlichen Not der Berliner Bevölkerung mit der SED. Als Ostrowski sich dann auch noch weigerte, die SED-Mitglieder aus seinem Magistrat zu entlassen, stellte seine eigene Fraktion im April 1947 einen Misstrauensantrag gegen ihn. Dieser fand zwar nicht die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit, doch trat Ostrowski noch im selben Monat zurück.

Exil in der Türkei
Zu Ostrowskis Nachfolger wählte die Stadtverordnetenversammlung zwar am 24. Juni auf Vorschlag der SPD Ernst Reuter, doch die sowjetische Besatzungsmacht hatte rechtzeitig durchgesetzt, dass die Wahl von Oberbürgermeistern Berlins fürderhin von der Alliierten Kommandantur einstimmig bestätigt werden musste. Und diese Bestätigung blieb aus. Ab dem November 1948 hatte Berlin mit dem SED-Mitglied Friedrich Ebert junior einen weiteren, von der sowjetischen Besatzungsmacht gestützten Oberbürgermeister. Das Schisma endete insofern, als 1951 aus dem Oberbürgermeister in den Westzonen der Stadt der Regierende Bürgermeister wurde. Als Folge der deutschen Vereinigung gibt es seit 1991 in (Ost-)Berlin keinen Oberbürgermeister mehr und der Regierende Bürgermeister regiert die Gesamtstadt.

(West-)Berlins erster Regierender Bürgermeister wurde weder abgewählt noch trat er zurück. Ernst Reuter starb im Amt am 29. September 1953 in seiner Hauptwirkungsstätte Berlin.


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