05.01.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

Jahrestag

Goethes vergessener Baumeister

Der deutsche Architekt des Klassizismus Clemens Wenzeslaus Coudray setzte auf Symmetrie und Ordnung

Veit-Mario Thiede
21.11.2025

Jeder Besucher Weimars kennt diese Bauwerke. Auf dem Weg vom Bahnhof in die Altstadt wird man auf die Musikschule Johann Nepomuk Hummel aufmerksam. Auf dem Theaterplatz angekommen, wendet man sich wie Goethe und Schiller von ihrem Denkmalssockel einer einstigen Wagenremise zu, die heute als „Haus der Weimarer Republik“ firmiert. Vorbei am gusseisernen Goethebrunnen führt der Weg zum Historischen Friedhof, auf dessen höchstem Punkt die Fürstengruft mit den Särgen Goethes und Schillers steht. Aber wer weiß schon, dass der klassizistische Baumeister Clemens Wenzeslaus Coudray diese Gebäude, den Brunnen und die Särge entworfen hat?

Coudray wurde am 23. November 1775 im heute zu Koblenz gehörenden Ehrenbreitstein geboren. Er folgte 1815 einer Einladung des Großherzogs Carl August nach Weimar, über die er berichtete: „Besonders lieb zeigte sich mir der große Goethe, der sonst wohl die Excellenz zu spielen versteht.“ Der wiederum äußerte: „Ich wünsche, dass dieser vorzügliche Mann nächstens zu den unsrigen zählt.“ Und so kam es: Coudray trat 1816 das Amt des Oberbaudirektors des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach an, das er bis zu seinem Tod 1845 behielt.

Unter der Leitung Coudrays entstanden im Großherzogtum 26 Kirchen. Die prominenteste der 51 von ihm entworfenen Schulen ist die 1825 eröffnete Weimarer Bürgerschule, in deren Räumen sich heute die Musikschule Johann Nepomuk Hummel befindet. Über die dreiflügelige Anlage mit Ehrenhof urteilte Goethe: „Das Gebäude bewirkt schon selbst Cultur, wenn man es von außen ansieht und hineintritt.“ Nebenan steht das Stadtmuseum, das mit der Kabinettausstellung „Goethes vergessener Baumeister“ aufwartet. Sie stellt Coudray mit Texten, Objekten und historischen Bildern seiner Bauten vor.

Goethe war sich sicher: „Coudray ist einer der geschicktesten Architekten unserer Zeit.“ Seine Maxime war: Simplizität, Symmetrie und Ordnung. Er war der Überzeugung, dass das Erhabene im Einfachen seine Wurzel habe. Coudray setzte auf Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit und schlichte Eleganz unter weitgehendem Verzicht auf Bauschmuck. Eine Ausnahme bildet dabei der Mitteleingang seines 1817/18 in der heutigen Heinrich-Heine-Straße errichteten Wohnhauses. Über dem Eingang flankieren die Reliefs zweier Greifen die lateinische Inschrift „Gott möge Glück spenden“. Eine Etage höher überfangen drei Rundbögen die von Kränzen umschlossenen Embleme der Zimmerer, Maler und Architekten.

Für Goethes Gartenhaus entwarf Coudray die beiden weiß gestrichenen Grundstückstore, Gartenmöbel und das Mosaikpflaster aus schwarzen und weißen Saalekieseln. Goethe bekannte: „Er hat sich zu mir gehalten und ich mich zu ihm, es ist uns beiden von nutzen gewesen.“ Coudray hielt Goethe in dessen letzter Stunde die Hand und arrangierte dessen Trauerfeier. Er selbst ruht nahe der Fürstengruft an der Westwand des Friedhofs unter einem von ihm gestalteten Grabstein.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS