Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Eine der seltenen Stimmen der Ostpreußen in der DDR – Vor 60 Jahren starb in Ost-Berlin der Dichter Johannes Bobrowski
Die deutschen Ostgebiete waren in der DDR ein Tabuthema: Wer es wagte, an die ostpreußische, pommersche oder schlesische Heimat zu erinnern oder gar Fluchtgeschichten zu erzählen, bekam die Stasi auf den Hals gehetzt. Im Arbeiter- und Bauernstaat durfte nichts die deutsch-sowjetische „Freundschaft“ trüben.
Bei Johannes Bobrowski drückten die Zensoren jedoch ein Auge zu. Der aus Tilsit stammende Dichter, der vor 60 Jahren in Ost-Berlin gestorben ist, war in der DDR eine ähnlich gewichtige Stimme des deutschen Ostens wie es Günter Grass und Siegfried Lenz im Westen waren und Arno Surminski heute noch ist. Dieses Kunststück gelang ihm, obgleich er nie die Nähe zu den Machthabern suchte, um sich opportunistisch unter den Schutzschirm der SED-Elite zu stellen.
Bobrowski war als Verlagslektor unter anderem für den von der damaligen Ost-CDU geführten Berliner Union Verlag gewieft genug, um selber später als Autor die Fallstricke der Zensur zu umlaufen. In seinen Anfängen als Dichter war er, dessen erste Gedichte in den 1950er Jahren vereinzelt unter anderem in der DDR-Zeitschrift „Sinn und Form“ erschienen waren, ein geschickter Grenzgänger zwischen Ost und West. Ab 1960 nahm er in der Bundesrepublik an den Treffen der Gruppe 47 teil. Seine ersten beiden Gedichtbände „Sarmatische Zeit“ und „Schattenland Ströme“ erschienen Anfang der 60er Jahre zuerst im Westen, ehe sie jeweils ein Jahr später auch in der DDR publiziert wurden. Und immer wieder fand er für seine reimlose Lyrik Motive in der ostpreußischen Heimat, so im Gedicht „Die Memel“, dessen Anfangsstrophe lautet: „Hinter den Feldern, weit, / hinter den Wiesen / der Strom. / Von seinem Atem / aufweht die Nacht. / Über den Berg / fährt der Vogel und schreit.“
Seinen größten und bis heute andauernden Ruhm erlangte Bobrowski mit seinem lyrisch angehauchten Roman „Levins Mühle. 34 Sätze über meinen Großvater“ von 1964. Auch dieses Werk spielt in den Ostgebieten, dieses Mal in Westpreußen. Dort ficht der nationalgesinnte Großvater des Erzählers einen Kleinkrieg mit einem jüdischen Mühlenbesitzer aus. Erst zerstört er die Mühle durch heimtückisches Öffnen einer Schleuse, und später setzt er das Haus in Brand, in dem sich Levin versteckt hält. Am Ende ist es nicht Levin, sondern der antisemitische Großvater, der resigniert seine Heimat verlässt. Die große Katastrophe, die Ost- und Westpreußen heimgesucht hat, spielt Bobrowski hier an den Einzelschicksalen zweier Kontrahenten durch.
Bobrowski mag sich selbstkritisch als ein in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gealterter „Großvater“ gesehen haben, der sich nach vierjährigem Sklavendienst im Kohlebergbau am Asowschen Meer und durch den Zwangsbesuch zweier Antifa-Schulen geläutert 1949 in der neu gegründeten DDR wiederfand. Trotzdem konnte er sich der ideologischen Indoktrination entziehen. Dass er auch kein Freund des sozialistischen Realismus war, beweist sein 1966 posthum veröffentlichter Roman „Litauische Claviere“, in dem er nicht Arbeiter und Bauern, sondern den preußisch-litauischen Dichter Christian Donalitius auf den Sockel erhebt.
Am 2. September 1965 starb Bobrowski an einer Blinddarmentzündung. An seiner Beerdigung nahmen auch viele Autoren aus dem Westen teil, darunter Ingeborg Bachmann oder der DDR-Flüchtling Uwe Johnson, der eigens dafür eine Einreiseerlaubnis erhielt.