31.05.2020

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Werden nach ihrer Verhaftung der Presse präsentiert: Albert Speer, Karl Dönitz und Alfred Jodl (von links)
Foto: paWerden nach ihrer Verhaftung der Presse präsentiert: Albert Speer, Karl Dönitz und Alfred Jodl (von links)

Operation Blackout vor 75 Jahren

„Heute starb das Deutsche Reich“

Mit der Verhaftung der Regierung Dönitz verlor der durch Otto von Bismarck gegründete Nationalstaat im 75. Jahr seiner Existenz die Handlungsfähigkeit

Klaus J. Groth
23.05.2020

Das Ende vom Ende vollzog sich am 23. Mai 1945 im Hinterhof der Polizeidirektion Flensburg. Der britische Stadtkommandant ließ die Mitglieder der letzten Reichsregierung, an der Spitze Großadmiral Karl Dönitz, Generaloberst Alfred Jodl und Albert Speer, verhaften. Am folgenden Tag meldete die „New York Times": „Heute starb das Deutsche Reich". Und das ebenfalls US-amerikanische Magazin „Time" meldet einige Tage später: „Das Deutsche Reich starb an einem sonnigen Morgen des 23. Mai in der Nähe des Ostseehafens Flensburgs."

Der von Adolf Hitler vor seinem Suizid vom 30. April 1945 zu seinem Nachfolger als Reichspräsident bestimmte Großadmiral Karl Dönitz beauftragte in dieser Funktion am 2. Mai das dienstälteste Kabinettsmitglied, den seit 1932, also bereits seit der Weimarer Zeit, amtierenden Finanzminister Johann Ludwig „Lutz" Graf Schwerin von Krosigk mit der Bildung einer Reichsregierung. Isoliert im sogenannten Sonderbereich Mürwik, einem ungefähr 14 Quadratkilometer großen Gebiet bei Flensburg-Mürwik unter Einschluss des Marinestützpunktes samt Marineschule, war sie eine Regierung ohne Funktion. Mit den Briten, die am 10. Mai bis an die dänische Grenze vorgerückt waren, handelte Dönitz Regeln für das „Sondergebiet Mürwik" aus: Sitz der Reichsregierung in der Marineschule Mürwik, eigenes Wachbataillon, gepanzerter Mercedes mit Reichsadler-Stander.

Mehr als 60 Journalisten

Vielleicht erlag Dönitz wegen derartiger geringer Zugeständnisse der Illusion, die sogenannte Flensburger Regierung könne noch Gesprächspartner sein. Er bot den Alliierten seine Hilfe beim Abbau der Wehrmacht an, entwarf Pläne für den Wiederaufbau, bot seinen Rücktritt an, falls es dem Land nutzen könne. Die Situation war bizarr: Jeden Morgen wurde auf dem Dach des ehemaligen Polizeipräsidiums in Flensburg, nunmehr britisches Hauptquartier, die britische Kriegsflagge aufgezogen, während in Sichtweite auf dem Dach der Marineschule Mürwik die deutsche Kriegsflagge hochging.

Die Briten setzten das absurde Theater fort, bis sich ausreichend Reporter, Fotografen und Kameraleute nach Flensburg durchgekämpft hatten. Das Ende der Reichsregierung sollte in Szene gesetzt werden. Das war am 23. Mai der Fall. Mehr als 60 Journalisten aus aller Welt erlebten an dem Tag die Festnahme der Reichsregierung bei einer Operation mit dem sinnigen Namen Blackout.

Am Vormittag hatten die Briten die Deutschen auf die „Patria", einen ehemaligen Dampfer der HAPAG, vorgeladen. Sie erklärten Dönitz, den Oberbefehlshaber der Marine, Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg, sowie den Chef des Wehrmachtführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht und geschäftsführenden Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generaloberst Alfred Jodl, zu Kriegsgefangenen. Die Herren dürften noch einen Koffer packen, aber nur einen. Friedeburg packte nicht, er nahm Gift. Dönitz beklagte sich über die Gepäckbeschränkung, bei einer späteren Leibesvisitation soll er fünf seidene Unterhosen getragen haben.

Im britischen Hauptquartier mussten die Deutschen sich vollständig entkleiden. Sie wurden gründlich nach Zyankali durchsucht. Wieder angekleidet, führte man sie mit den Händen über dem Kopf der Presse vor. Die Hauptakteure, Dönitz, Jodl und Wirtschaftsminister Albert Speer, mussten sich mehrfach vor einer weißen Wand aufstellen, bis alle Bilder gemacht waren.

40 gepanzerte Fahrzeuge brachten die Mitglieder der Reichsregierung in Gefangenenlager. Dönitz, Jodl und Speer wurden nach Bad Mondorf im Großherzogtum Luxemburg geflogen, dem Sammellager der wichtigsten NS-Funktionäre.

Dönitz und Jodl hatten erleben müssen, dass ein Krieg leichter begonnen als beendet ist. Einen Tag nach Amtsantritt sandte Reichspräsident Dönitz einen Parlamentär in die Lüneburger Heide. Er sollte dem britischen Field Marshal Bernard Montgomery die Kapitulation der Wehrmacht in Deutschland anbieten. Montgomery lehnte ab. Die Soldaten, um die es gehe, argumentierte der Brite, kämpften überwiegend gegen die Sowjets, dann sollten sie sich auch denen ergeben.

Dönitz hatte bei seinem Weg durch Schleswig-Holstein häufig erlebt, dass die Straßen blockiert waren von flüchtenden Menschen, ein Durchkommen für das Militär unmöglich war. Es blieb nur die Kapitulation. Aber seit den Konferenzen von Casablanca und Quebec war ihm klar, dass Deutschland aufgelöst werden solle. Dönitz hoffte dennoch auf Großmut der westlichen Alliierten.

Im US-amerikanischen Hauptquartier in Stendal an der Elbe versuchte der General der Panzertruppe Maximilian von Edelsheim am 4. Mai ein Abkommen auszuhandeln auf der Basis, dass die 9. und die 12. Armee sich kampflos ergeben, sofern denn Soldaten ohne Waffen, Verwundete und Flüchtlinge vom östlichen Elbufer auf die westliche Seite wechseln dürfen. Die Amerikaner waren grundsätzlich einverstanden mit Ausnahme der Flüchtlinge. Sie glaubten die Schilderung sowjetischer Gräueltaten nicht. Hunderttausende Flüchtlinge waren am östlichen Ufer der Elbe gestrandet. Als einige Verzweifelte versuchten, die Elbe zu überqueren, feuerten die Amerikaner auf sie.

Zur gleichen Zeit bemühte sich Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg, bei Montgomery um die Annahme einer Teilkapitulation der Wehrmachtsteile in Norddeutschland. Montgomery verlangte stattdessen die Kapitulation der gesamten West- und Nordflanke. Die Soldaten würden wie Kriegsgefangene behandelt, für die Flüchtlinge aber könne man nichts tun. Am 4. Mai kapitulierte die Wehrmacht in Nordwestdeutschland, den Niederlanden und Dänemark.

40 gepanzerte Fahrzeuge

Friedeburg versuchte, unterstützt von Jodl, ein ähnliches Abkommen mit den US-Amerikanern in Reims auszuhandeln. Aber der General of the Army Dwight David „Ike" Eisenhower hatte die Direktive ausgegeben, eine Kapitulation komme nur für die gesamte deutsche Armee allen Alliierten gegenüber in Frage. Soldaten würden dort in Gefangenschaft geführt, wo sie sich ergeben. Dönitz gab auf, er erteilte Vollmacht zum Abschluss nach den Bedingungen der Amerikaner.

Zur öffentlichen Unterzeichnung wurden Korrespondenten aus Paris eingeflogen, aber vergebens. Die Amerikaner hatten zur Kenntnis nehmen müssen, dass Josef Stalin keine Kapitulation ohne die Sowjets wollte. Und so fand die Kapitulation in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Für die deutsche Seite unterschrieb in Dönitz' Auftrag Jodl.

Das Finale der Kapitulation in Berlin war sorgsam inszeniert. Am 9. Mai 1945 um 0.16 Uhr, wurde in der Heerespionierschule der Wehrmacht Karlshorst die Kapitulation ein weiteres Mal unterzeichnet. Die deutsche Delegation führte der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel an, ihm zur Seite standen als Oberbefehlshaber der Marine Friedeburg sowie in Vertretung des verletzten Oberbefehlshabers der Luftwaffe der Generalstabschef der Luftwaffe Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff. Alle drei unterschrieben, auch sie hierzu bevollmächtigt durch Dönitz.



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Kommentare

wana meiher am 26.05.20, 13:53 Uhr

Mit der Verhaftung der Regierung Dönitz verlor der durch Otto von Bismarck gegründete Nationalstaat im 75. Jahr seiner Existenz die Handlungsfähigkeit
Genau und nicht seine Existenz warum wurde er nach fast 80Jahren nicht wieder in seinen Völkerrechtlichen grenzen Handlungsfähig gemacht.https://paz.de

Andreas Auer am 25.05.20, 08:17 Uhr

Es wäre interessant gewesen, einige Worte zu der durchaus umstrittenen Frage zu hören, ob das Reich nach Kapitulation der Wehrmacht (eine Kapitulation "Deutschlands" ist zu keiner Zeit erfolgt) weiterbestand. Das deutsche Grundgesetz zumindest bejaht dies nämlich implizit. Die Beseitigung der legitimen Regierung wäre unter dieser Voraussetzung völkerrechtswidrig erfolgt. Dönitz ist somit nicht ganz ohne Berechtigung davon ausgegangen, die Sieger würden sich an die Spielregeln der Kriegsführung halten.

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