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Bergkarabach-Konflikt

In Arzach regiert das Recht des Stärkeren

Christen auf der Flucht – Seit den Anschlägen im September verlassen Tausende Armenier ihre Heimat Nach dem jüngsten aserbaidschanischen Angriff gegen die armenische Exklave in der seit Jahren umstrittenen Gebirgsregion des Kaukasus befürchten viele Armenier einen zweiten Genozid

Bodo Bost
05.10.2023

Nach Aserbaidschans blitzartiger Militäroffensive gegen Bergkarabach mit Hunderten Toten steht die Zukunft und das Leben der 120.000 christlichen Armenier in der Region am Rande Europas auf dem Spiel. Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew erklärte nach dem zweiten Tag des Angriffskriegs am 20. September bereits den Sieg über die Enklave und prahlte damit, dass sie nun vollständig unter der Kontrolle Bakus stehe und die Idee eines unabhängigen Bergkarabach endgültig der Geschichte angehöre.

Unter der Kontrolle Bakus explodierte am 25. September ein Treibstofflager bei Stepanakert, der Hauptstadt Arzachs, wobei nach armenischen Angaben mindestens 120 Armenier ums Leben gekommen sind, die dort auf Benzin warteten, um aus der Region zu flüchten. Hunderte werden noch vermisst.

Alijew versprach, nach neun Monaten Blockade und Aushungerns der Bevölkerung die Rechte und die Sicherheit der in der Region lebenden Armenier zu garantieren. Auf einen Appell von Außenministerin Annalena Baerbock, internationale Beobachter zuzulassen, ging er jedoch nicht ein. Bei der ethnischen Säuberung sind Beobachter offenbar nicht erwünscht.

Im Jahr 1915 waren die internationale Presse sowie deutsche Offiziere beim Völkermord anwesend, genutzt hat es jedoch nichts. Armenierhass gehört seit 40 Jahren, wie vor 120 Jahren in der Türkei, zur Staatsraison Aserbaidschans. Noch 2020, vor Beginn des ersten Angriffskrieges gegen die Enklave, hatte Alijew selbst seine Bevölkerung und Armee aufgehetzt, die „armenischen Hunde zu Tode zu jagen“.

Mit der Abgabe der Waffen hatte 1915 der Völkermord an den Armeniern in der heute mit Aserbaidschan verbrüderten Türkei begonnen. Unter den Armeniern geht der blanke Horror wie 1915 um, niemand glaubt an eine friedvolle Integration des Gebiets, die Angst vor Gefangenschaft und Vertreibung geht um.

Angst vor Gefangenschaft
Als erstes wurde zu Beginn der Blitzoffensive die älteste Kirche Arzachs, das Kloster Amaras, eine Keimzelle des armenischen Christentums, von aserbaidschanischen Streitkräften besetzt. Welch ein Signal an die Christenheit. Armenien war im Jahre 301 das erste Volk weltweit, welches das Christentum annahm. Gregor der Erleuchter, der Apostel Armeniens, war der Erbauer des Klosters Amaras.

Verhandlungen zwischen Vertretern Aserbaidschans und Arzachs über Sicherheitsgarantien und humanitäre Hilfe erbrachten keinerlei Ergebnisse. Die Zeit spielt sowieso für Aserbaidschan, das darauf spekuliert, dass sich mit der Vertreibung beziehungsweise Flucht der Karabacharmenier das Problem von selbst lösen wird. Nach einer Woche haben bereits fast 85.000 Armenier Bergkarabach durch den neun Monate lang auch von jüdischen Extremisten aus Aserbaidschan gesperrten Latschin-Korridor Richtung Armenien verlassen. Die allermeisten haben ihre Häuser vorher verbrannt.

Das armenische Arzach mit seinen jahrhundertealten armenischen Kirchen und Klöstern wird bald der Geschichte angehören, wie das armenische Anatolien mit der einst armenischen Stadt Angora, die bald als Ankara den 100. Jahrestag ihrer Neugründung als Hauptstadt der Türkei feiern wird. An die Armenier erinnert bald nichts mehr in Arzach, das jetzt Karabagh heißt.

Bald gibt es keine Armenier mehr in Arzach
Dass Alijew den Angriff gegen Bergkarabach während der UN-Vollversammlung startete, beweist auch seine Missachtung des Völkerrechts. Zu keiner Zeit war er bereit, den Konflikt um diese seit Jahrhunderten armenisch besiedelte Region mit friedlichen diplomatischen Mitteln zu lösen. Verhandlungen mit ihm waren immer nur Zeitschinderei.

Die Weltgemeinschaft erlaubte ihm jedoch, mit dem Völkerrecht seinen Anspruch auf das armenische Gebiet zu legitimieren. Auch der türkische Präsident Erdoğan beglückwünschte seinen „Bruder“ Alijew zum Sieg über das armenische Bergkarabach.

Aserbaidschan habe ein Recht dazu gehabt, weil das Gebiet ja völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehöre. Das klingt so, als ob auch die Türkei 1915 das Recht gehabt hätte, seine armenischen Staatsbürger, wenn diese nicht Muslime wurden, einfach zu ermorden. Bislang hatte Erdoğan immer behauptet, die Armenier seien damals Kollateralopfer des Ersten Weltkrieges geworden.

Der Westen braucht Aserbaidschan
Ermutigt durch seinen Sieg betrachtet Baku Bergkarabach jetzt als eine interne Angelegenheit, wo nur noch das Recht des Stärkeren gilt. Russland, die einstige Schutzmacht, will und kann nichts mehr für die Armenier tun. Selbst ein halbes Dutzend russische Soldaten sind beim Angriff Alijews ums Leben gekommen. Der Westen braucht Aserbaidschan, um sich von russischem Gas unabhängig zu machen. Alijew plant derzeit bereits seinen nächsten Coup, einen Angriffskrieg gegen die Südhälfte Armeniens, die Provinz Sangesur, dort, wohin jetzt die Karabacharmenier flüchten. Die Geschichte wiederholt sich gerade.


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