14.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden

Der Wochenrückblick

In der Naivitätsfalle

Wie Deutschland und der Westen aus alten Träumen erwachen – und doch darin gefangen sind

Reinhard Mohr
20.10.2023

Ältere Zeitgenossen fragen sich in diesen Tagen, ob es früher auch so schlimm zuging in der Welt oder ob die mediale Dauerbeschallung mit ihrer pausenlosen Runduminformation daran schuld ist, dass wir das Gefühl haben, der Wahnsinn nehme kein Ende. Putins Krieg gegen die Ukraine, das Massaker der Hamas an über tausend Juden, der Krieg um Gaza, rasender Antisemitismus auf deutschen Straßen, dazu die wachsenden Migrantenströme, die Klimaveränderung und die Rezession in Deutschland: Fehlt noch was?

Die ganz Alten erinnern sich noch an Hitler, den Holocaust und die Bomben auf Dresden, an die Vertreibung und den Kalten Krieg zwischen Westen und Ostblock, an Ungarn-Aufstand, Kuba-Krise und die Okkupation der ČSSR durch die Truppen des Warschauer Pakts. War das besser? Nein: Schlimmer. Aber jede Gegenwart muss mit ihren eigenen Herausforderungen selber fertig werden, und wahrscheinlich stimmt es doch, dass der historisch unglaubliche Wohlstand in ungekannter Freiheit, den wir seit Jahrzehnten genießen, uns verwöhnt und träge gemacht hat, und ja, auch ein bisschen feige. Und naiv. Die ganze Weltverbesserungsrhetorik vor allem von linksgrüner Seite mit ihren unendlichen gender- wie selbstgerechten, achtsamen und nachhaltigen Fußnoten der politischen Korrektheit hat uns vergessen lassen, wie anfällig unsere freie Gesellschaft ist, wenn sie sich mit brutalen Herausforderungen konfrontiert sieht und einer Bestialität wie bei der Hamas, vor der jedes Argument versagt.

Seit dem Mauerfall von 1989 und dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums hat die gute alte „Verteidigungsbereitschaft“ in Deutschland, aber auch in ganz Westeuropa dramatisch nachgelassen. Man konnte und wollte sich einfach nicht mehr vorstellen, dass Pluralismus und parlamentarische Demokratie derart bedroht sein könnten, dass man irgendwann wieder zu den Waffen greifen müsste. In Vorzeigebezirken der Besserlebenden wie Berlin-Prenzlauer Berg, wo man bis zum frühen Abend noch frühstücken kann und den dritten Café Latte intus hat, ist das bis heute eine geradezu absurde Vorstellung. Hier geht es vor allem um sozial gerechte Parkraumbewirtschaftung und 1,50 Meter breite Fahrradwege, damit auch ja zwei Lastenräder aneinander vorbeifahren können.

Nun aber zeigt sich die tödliche Gefahr ganz ungeschminkt, und sie kommt von innen wie von außen. Putins Russland, Xi Jinpings China und der Iran der islamistischen Ajatollahs versuchen mit allen Mitteln, den Westen zu schwächen, ob militärisch oder wirtschaftlich, mit Cyber-Attacken oder durch Bündnisse mit anderen Schurkenstaaten wie Nordkorea, Syrien und Venezuela. Gerade gegenüber Russland und China rächen sich Naivität und Gutgläubigkeit sowie das bloße Schielen auf ökonomische Vorteile, die die Abhängigkeiten noch verstärkt haben.

Realitätsblindheit und Feigheit
Innenpolitisch ist die „Migrationsfrage“, also der weiterwachsende Asylbewerberstrom, der sich nicht zufällig auf Deutschland konzentriert, zum Thema Nummer 1 geworden. Nur ganz mühevoll, zögerlich und langsam stellt sich die Ampelregierung diesem Problem. Die Geschwindigkeit, in der nur wenige Tage nach dem Desaster der Landtagswahlen in Hessen und Bayern für SPD, Grüne und FDP Bundeskanzler Olaf Scholz zum Gipfelgespräch mit CDU-Chef Friedrich Merz lud, unterstreicht die Hilflosigkeit der Regierenden. Lange Zeit hat man das Thema der AfD überlassen und sie so zu Rekordergebnissen getrieben, die zum Gradmesser der Unzufriedenheit in der Bevölkerung geworden sind. Nun, da die Migrantenunterkünfte aus allen Nähten platzen und unzählige „Brandbriefe“ von Bürgermeistern und Landräten im Kanzleramt eintreffen, ist plötzlich erstmals von „Begrenzung“ die Rede.

Man staunt: Auch hier dieselbe Realitätsblindheit wie nach außen, leider wieder mit Feigheit vermischt, mit der Angst, Abschied von schönen Illusionen nehmen zu müssen. Zuallerletzt haben die schier unvorstellbaren Massaker von Hamas-Terroristen an jüdischen Männern, Frauen und Kindern und die anschließenden Straßenfeierlichkeiten von deutsch-palästinensischen Sympathisanten die Erinnerung daran geweckt, dass hier weder eine „feministische Außenpolitik“ hilfreich sein kann noch die Idee von „Bürger- und Gesellschaftsräten“, die im „herrschaftsfreien Diskurs“ auf sanfte Weise die Wahrheit über den Weltfrieden herausfinden.

Die zentrale Frage stellte dieser Tage eine Redakteurin der „Bild“-Zeitung: „In was für einem Europa, in was für einem Deutschland wollen wir in Zukunft leben? Ich will nicht Seite an Seite mit Menschen leben, die das Werk von Bestien beklatschen. Ich will nicht Seite an Seite mit Müttern leben, die die Enthauptung israelischer Babys feiern. Ich will nicht Seite an Seite mit Frauen leben, die feiern, dass jüdische Mädchen auf den Leichen ihrer Freundinnen vergewaltigt werden – und danach abgeknallt wie Vieh. In meinem Deutschland 2023 ist kein Millimeter Platz für Israel-Hasser. Kein Millimeter Platz für Menschen-Hasser. Kein Millimeter Platz für gottlose Barbaren. Und in Ihrem?“

Aber wen spricht die Kollegin da eigentlich an? Uns alle? Das Volk? Welches Volk? Oder doch lieber: die „Bevölkerung“, die in weiten Teilen, zu einem Drittel oder zur Hälfte, schon einen „Migrationshintergrund“ hat und in einigen Jahrzehnten die Mehrheit stellen wird? Oder vielleicht jene Bürgerinnen und Bürger in Berlin, über die die Integrationsbeauftragte Güner Balci im „Spiegel“ sagte: „Breite Teile der arabischsprachigen Bevölkerung in Neukölln hegen Sympathien für die Hamas“? An wen genau richtet sich künftig also Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, wenn er in seinen unzähligen Reden im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus an den „Zusammenhalt“ der „Zivilgesellschaft“ appelliert und das nachkriegsdeutsche Mantra „Nie wieder!“ routiniert in den Raum wirft?

Auch wenn man nicht so weit gehen will wie Karl Lagerfeld, der im November 2017, kurz nach dem Höhepunkt der letzten Zuwanderungswelle, im französischen Fernsehen sagte: „Man kann nicht, selbst wenn Jahrzehnte dazwischen liegen, Millionen Juden töten und danach Millionen ihrer schlimmsten Feinde kommen zu lassen“ – die Frage ist brandaktuell und betrifft das vielleicht größte Tabuthema der deutschen Talkshow-Gesellschaft: Wie viele Menschen, von Jahr zu Jahr mehr von ihnen als eingebürgerte Deutsche, leben in der Bundesrepublik, die mit der Geschichte des Landes und seiner Kultur im Grunde nichts zu tun haben, ihr gleichgültig gegenüberstehen oder sie sogar verachten wie im Falle der muslimischen Israelfeinde, Dschihadisten, Erdoğan-Fans oder patriarchalisch geprägten arabischen Männer, die ihre Frauen als persönlichen Besitz betrachten?

Welches Land haben wir uns also in Zukunft vorzustellen? Wenn es ein freies, demokratisches Land in einem freien Europa bleiben soll, müssen wir uns jedenfalls unserer doppelten Naivität entledigen und für die zivile Republik kämpfen, die sich ihrer Feinde entschlossen erwehrt.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentare

Max Müller am 23.10.23, 12:30 Uhr

@Gregor Scharf

Die Polizisten könnten schon hinlangen, werden dann aber verknackt wegen fehlendem pol. Rückhalt.

Kersti Wolnow am 23.10.23, 07:44 Uhr

All die Verfechter der Rechte für Juden, wo waren die, als Deutsche bepöbelt wurden mit "Köterrasse" oder von Moslems gemessert wurden? Wie viele Deutsche sind Opfer von islamischen Mördern geworden? Denkt noch jemand an den Breitscheidplatz?
Alle wissen, was im Koran steht, aber dessen Anhänger wurden gezielt seit 1961 hier angesiedelt. Gibt es Rufe nach Rückführung?

E. Berger am 21.10.23, 09:29 Uhr

Weder Putin noch Xi versuchen uns zu schwächen, vor allen Dingen nicht militärisch. Wir schwächen uns selbst, indem wir auf das preiswerte russische Gas verzichten und Milliarden von Euro in der korrupten und als Staat gescheiterten Ukraine versenken.

Michael Holz am 20.10.23, 22:28 Uhr

Gut gekläfft Herr Mohr!
"... müssen wir uns jedenfalls unserer doppelten Naivität entledigen und für die zivile Republik kämpfen, die sich ihrer Feinde entschlossen erwehrt."
Zivile Republik? Mir ist ein Kaiserreich lieber, indem Rechtsstaatlichkeit und Demokratie herrschen als diese Karikatur einer Demokratie. Man kämpft nicht gegen einen entschlossenen Feind mit dem Mundwerk, sondern mit einer Waffe in der Hand. Ist Ihnen der Art. 20 Absatz 4 GG geläufig?

Gregor Scharf am 20.10.23, 08:07 Uhr

Die aufgeführten Fragen hätte man sich vorher stellen müssen! Man hätte auch von Beginn an auf das deutsche Volk hören sollen, das diese Vergewaltigung seiner Seele nicht wollte, gemeint ist die Vermischung! Doch der Plan und die Arroganz der Spinner, genannt Eliten, sah das nicht vor. Und so kommt es, wie es kommen muss.
Demokratie geht ihrem unvermeidlichem Ende entgegen. Die Prognose steht und sollten wir es überleben, sprechen wir uns in zehn Jahren wieder.
Die innere Sicherheit wird sich nicht halten lassen mit einer Polizei, die den Randalierern im Laufschritt hinterher hetzt wie ein Fliegenschwarm und lächerlicher Ausrüstung. Schaut mal nach Russland oder Frankreich, wie man eine Straße von Randalierern und Idioten räumt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das ist die einzige Antwort. Aber, wer noch nie gezwungen war, hinzulangen, um sich zu verteidigen und sich durch Dummschwätzerei, unsere Politiker, durch das Leben auf Kosten anderer schlängeln konnte, versteckt sich lieber auch weiterhin hinter Sprechblasen.
Der Krieg, vor dem wir warnten ist angekommen. Jeder, der vor ihm geflohen ist, hat ihn in seinem Gepäck, dem Rucksack in seinem Kopf. Und bald ist er überall sichtbar. Wehret den Anfängen wurde ganz bewusst nicht befolgt. Jetzt kommt die Quittung und ich hoffe, dass es auch die Verantwortlichen erwischt, die uns diese Suppe entgegen unserem Willen eingebrockt haben.

Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS