04.03.2024

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In der „Row Zero“ zur Erlösung

Sommertage in Jerusalem. Jener Welthauptstadt des Glaubens, wo Religionsfreiheit weniger eine Frage gelebter Toleranz ist als vielmehr geladener Maschinengewehre. Und wo trotz allem auch ein Gefühl von Sicherheit, Ruhe und Gastfreundschaft herrscht

Birgit Kelle
20.08.2023

Tageserwachen in Jerusalem. Über dem Dach meiner Herberge weht eine Vatikanfahne, und wie jeden Morgen um vier Uhr schreit ein Muezzin von der anderen Straßenseite mit seinem Megaphon durch mein offenes Fenster. Unten an der Straße stehen junge Frauen und Männer der israelischen Armee Wache. Gegen Fünf zieht ein leise singender Pilgerchor vorbei Richtung Grabeskirche, danach in Gegenrichtung eine laut lamentierende Gruppe arabischer Jugendlicher. Einer von ihnen brüllt dramatisch in die leere Gasse: „This is a racist state!“ Die aufgehende Sonne erleuchtet in sanftem Licht die Dächer der Stadt.

Wahrscheinlich nirgendwo auf der Welt tragen so viele Religionen auf so engem Raum so gut sichtbar ihren Glauben auf der Straße wie in Jerusalem. Jüdische Frauen mit kunstvollen bunten Tüchertürmen über den Haaren. Orthodoxe Männer mit Schläfenlocken, Hüten und gewagten Pelzmonstern auf dem Kopf, die mich nicht anblicken, sondern im Vorbeilaufen mit der Hand gar die Augen vor dem Anblick meines Ausschnittes beschützen. Nun gut, wenigstens beharren sie nicht darauf, dass ich mich verhülle. Arabische Frauen in allen Verschleierungsgraden, muslimische Männer in langen Gewändern. Ein katholischer Priester in kurzem Hemd, pilgernde Christen in allen Hautfarben.

Religionsfreiheit ist in Jerusalem keine Frage gelebter Toleranz, sondern geladener Maschinengewehre. Und doch ist es ein Wunder, wie man hier gleichzeitig das Gefühl von Sicherheit, Ruhe und Gastfreundschaft vorfindet.

Es hatte mich ein bisschen beschämt vor der Reise, wie wenig ich über Israel wusste. Aus der Schule erinnere ich nichts über den Nahostkonflikt, so als sei der Geschichtsunterricht nach dem Holocaust stehen geblieben. Noch heute beschwören alle das „Nie wieder“ auf deutschem Boden, doch keiner redet über das „Wie weiter?“ der Juden. Dafür solidarische Palästinensertücher auf den Schulhöfen, damals wie heute. Man gefällt sich konstant in der Rolle des Minderheitenbeschützers, selbst wenn die vermeintliche Opfergruppe auf deutschen Straßen „Juden ins Meer“ skandiert.

15 Sekunden bis in den Bunker
Es gäbe kein „passiv-aggressiv“ in Israel, nur ein „aggressiv-aggressiv“, erklärt unser Reiseleiter Aaron, ein kalifornischer Jude, ausgewandert ins Land seiner Glaubensväter, auf dem Weg in die Wüste Negev. Besuch in der „15-Sekunden-Zone“ im Dreieck zwischen ägyptischer Grenze und Gazastreifen. „Only 15 seconds to grab your kids and make it to the safe room“, erklärt die Leiterin der Ganztagsbetreuung der zentralen Schule dieser Gegend. Die Eltern könnten tagsüber in Ruhe arbeiten, weil die Kinder hier sicher seien.

Die ganze Schule ist raketensicher, die zusätzlichen Schutzräume im Haus als Wissenschaftsräume ausgebaut. Der Pausenraum hat eine Spielkonsolen-Auswahl wie aus dem feuchten Traum eines Teenagers. Es gibt ein Planetarium und High-Tech-Teleskope dank einer Kooperation mit der NASA.

Einer der Schutzräume ist völlig interaktiv, man kann jede Landschaft auf Boden und Wände bringen. Genutzt wird er auch für die Traumatherapie jener Kinder, die nicht so gut zurechtkommen mit einem Leben in dauerndem Alarmzustand.

Der Staat investiert in seine Kinder, bildet sie aus, in einem Land zu überleben, das von Feinden umzingelt ist. „Sie sollen sich nicht als Opfer fühlen“, sagt die Leiterin, sondern Lösungen, Handlungsfähigkeit und „Out of the box thinking“ lernen. Noch vor wenigen Jahren herrschte extremer Wassermangel im Wüstenstaat Israel, heute exportiert das Land sogar Wasser nach Jordanien. Überlebenswille, lösungsorientiert.

Wir fahren weiter zu einem alten Kibbuz. 1945 haben dort 110 Juden acht Meter unter der Erde über zwei Millionen Patronen in einer Geheimaktion von Hand produziert, während man über der Erde auf Sichtweite der britischen Armee residierte und in der Wäscherei über der Munitionsfabrik zur Tarnung gar die Uniformen der Briten wusch. Eine Geschichte, die nach Verfilmung schreit. Nur einmal hatte eine der unwissenden Arbeiterinnen im Kibbuz die geheime Tür zur Wendeltreppe unter der Wäscherei entdeckt. Man hat sich entschieden, sie einzuweihen, anstatt sie zu erschießen, was als Option offen diskutiert wurde, erklärt Shmuel, der uns in das Kellerverließ hinabführt. Ohne diese Munition wäre man nach Abzug der Briten 1947 erledigt gewesen.

Es war der „War of Independence“ der Juden – und er ist es bis heute. Sie verlassen sich nicht auf Fremde, jeder muss hier seine Verantwortung tragen. Die israelische Jugend kämpft für ihr Volk, die deutsche Jugend gegen den Klimawandel.

„Ich gebe ihnen ein Denkmal und einen Namen“
Yad Vashem. Ich verliere mich in den Zeugnissen der Gedenkstätte für die Toten des Holocaust. Die Zeugenberichte der Überlebenden auf Videowänden sind das Erschütterndste. Alte Männer in Tränen über jene, denen sie nicht helfen konnten. Kinder von einst, die bei den Erschießungen unter Leichenbergen zufällig überlebten. Notizen aus dem Warschauer Ghetto, geschrieben von jenen, die begriffen hatten, dass sie das Grauen aufzeichnen müssen, weil wahrscheinlich niemand überleben würde. Schreiben gegen das Vergessen, Beweissammlung für die Nachwelt.

Zeugnisse unendlichen Mutes versammeln sich in den Geschichten der „Gerechten unter den Völkern“, jenen nichtjüdischen Helfern, die bewiesen, wie viel jedermann hätte tun können, statt wegzusehen. Wie viele der aktuellen „Nie wieder“-Rufer stünden heute wohl wo, wenn das „Nie wieder“ vielleicht das eigene Leben kostet und nicht nur Gratismut an staatlich organisierten Gedenktagen?

Zahlreiche israelische Soldatengruppen ziehen mit mir durch die beklemmenden Betonwände von Yad Vashem. Man erzählte uns, alle Soldaten würden vor ihrer Vereidigung hierhergebracht, damit sie wüssten, wofür und warum sie ihr Land und ihr Volk verteidigen.

Fliegende Teppichhändler
Zurück in der Altstadt. Jeder der unzähligen Händler, die einen in ihren Laden locken wollen, kann ein paar Brocken Deutsch. Der Keramikhändler hat einen Cousin in Tübingen, „Tschüßle“ sagt er lachend zum Abschied. Preise sind Verhandlungssache, wer wie ein Opfer aussieht, wird eines. Ich lasse mir aus Versehen von einem Teenager 40 Euro für vier Bier aus der Tasche ziehen. Lehrgeld.

Beim Antiquitätenhändler Baidun sind wir damit gut gerüstet, der Versuchung zu widerstehen, sich in seinen berühmten Laden hineinziehen zu lassen. Stolz zeigt er uns also auf der engen Gasse abgegriffene Exemplare des „National Geographic“ sowie welcher deutsche A- und B-Promi sich bereits in sein Gästebuch eingetragen hat. Ich bin sicher, er hat auch fliegende Teppiche und Aladdins Lampe oder weiß wenigstens, wo er diese besorgen kann.

Ein anderes Bethlehem
„Everything is about three things in Israel: Security, security and more security“, hatte schon Reiseleiter Aaron am ersten Tag erklärt. Was es ganz konkret bedeutet, zeigt uns heute Kobi auf einer „Sicherheitstour“ rund um Jerusalem. Er ist Reservist, hat schon zwei Kriege überlebt, Juden aus dem Libanon und aus Äthiopien in Rettungsaktionen herausgeholt. Den Selbstmordattentäter, der sich vor seiner Motorhaube in die Luft sprengte, hat er nur überlebt, weil sein Fahrzeug gepanzert war, die Kameraden im Auto hinter ihm hatten weniger Glück.

Wir stehen auf dem Hügel gegenüber von Bethlehem mit Blick auf die acht Meter hohe Mauer, die rund um Jerusalem einen Schutzwall zum Westjordanland zieht. Früher habe man Raketenbeschuss aus Bethlehem bis zu den Wohnhäusern hinter uns gehabt, heute sei das unterbunden. „Mein“ Bethlehem hatte bislang Hirten, Engel und Weise aus dem Morgenland. Heute findet man dort keine Krippe, und auch einen Friedensfürsten sucht man weit und breit vergebens.

Danach geht es in den Sicherheitsbereich direkt an die Mauer. Betonwände türmen sich neben dem Bus auf. Sicherheitstore, Kameras in alle Richtungen, denn hier ist auch ein Übergang für jene 70.000 Bewohner des Westjordanlandes, die täglich zur Arbeit nach Jerusalem pendeln. Wir stehen direkt auf dem Kuppeldach über Rachels Grab, eine Pilgerstätte für Juden und Christen. Während acht Meter tiefer gerade orthodoxe Juden ihre Kinderwägen in die Grabstätte schieben, hat vor uns ein Grenzposten die Waffen und Gummigeschosse auf einem Tisch ausgebreitet, die man hier standardmäßig mit sich führt. Die Mauer habe ihre Berechtigung selbst bewiesen, „seit es sie gibt, hatten wir keinen einzigen Selbstmordattentäter mehr in der Stadt“. Die Leichtigkeit meines Sommerabends in der Stadt wird hier verteidigt.

Im Hauptquartier der Sicherungsanlagen treffen wir die jungen Frauen, die alle vor zig Bildschirmen täglich 24 Stunden lang jeden Zentimeter der Mauer im Auge behalten, Verdächtige erfassen und über Funk an die Außenposten melden. „Warum arbeiten hier nur Frauen“, will ich von ihm wissen.

„Weil sie das einfach besser können als die Männer“, lautet die Antwort. Israel braucht keine Frauenquote, sie nehmen einfach überall die Besseren.

„I don't want to share my country!“
Letzter Falafel vor der Grenze. Der arabische Taxifahrer Fadi gibt uns das totale Kontrastprogramm zu den vergangenen Tagen:
„I don't want to share my country!“, sagt er. Seine Familie lebe bereits seit 120 Jahren in Jerusalem, man merkt es am selbstbewussten Fahrstil durch die engen Gassen. Bei der Ausfahrt am Löwentor zeigt er uns den Friedhof links, dort werde man irgendwann auch ihn beerdigen. Er erzählt aus seinem Leben und schimpft zwischendurch auf die orthodoxen Juden. „Sie machen nur drei Dinge, den ganzen Tag: Bus fahren, Shoppen und Sex.“ Und natürlich das Land besetzen.

Fadi fragt, ob wir ein paar palästinensische Dörfer sehen wollen? Gott sei Dank nimmt ein Lkw, der uns die Abbiegespur dorthin blockiert, die Entscheidung ab. Er selbst will übrigens auch nicht im Westjordanland wohnen, plaudert er munter weiter, denn da würde nichts funktionieren und keiner wisse, wo eigentlich die Millionen aus dem Ausland versickern. So lebt er lieber im besetzten Land, schickt hier seine Kinder auf eine Privatschule. Später dürfen diese Kinder hier kostenlos studieren. Ja, immer diese furchtbaren Besetzer.

Am Morgen noch ein letzter Spaziergang zur Klagemauer und zum jüdischen Viertel. Alles hier ist heilig, auch der Kaffee und die Bagels. Der McDonalds ist koscher. An der Grabeskirche ergattern wir eine katholische Messe mit dem Patriarchen persönlich direkt in der kleinen Vorkammer am Grab Jesu und drängen uns mit einer Gruppe Inder in den winzigen Raum.

Danach geht es auf den Ölberg gegenüber der Stadt, zu Fuß wieder bergab durch die brütende Hitze. Rast im orthodoxen Kloster auf halber Strecke und dann zu den uralten Olivenbäumen im Garten Getsemani. Ein Schild warnt am Eingang, dass hier Waffen nicht erlaubt seien.

Auf dem Weg in die Stadt vorbei an jüdischen, christlichen und muslimischen Gräbern. Alle warten hier gemeinsam vor dem zugemauerten Goldenen Tor, dass der Herr wiederkommt, es öffnet und sie dann die Ersten sind – in der „Row Zero“ zur Erlösung.

Birgit Kelle ist Publizistin und schreibt unter anderem für „The European“, „Die Welt“ und „Focus“. Zuletzt erschien „Noch Normal? Das lässt sich gendern! Gender-Politik ist das Problem, nicht die Lösung“ (FinanzBuch Verlag 2020). www.birgit-kelle.de


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