27.03.2026

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Postkarte von zirka 1915 mit der  Beschriftung:  „Unser Kronprinz mit seinem Töchterchen.“
picture alliance / KPA Honorar & BelegePostkarte von zirka 1915 mit der Beschriftung: „Unser Kronprinz mit seinem Töchterchen.“

Welt-Down-Syndrom-Tag

Integrieren oder verstecken?

Wie „bemerkenswert“ das preußisch-deutsche und das britische Herrscherhaus mit „Sorgenkindern“ umgingen

Manuel Ruoff
27.03.2026

Vergangenen Sonnabend war Welt-Down-Syndrom-Tag. Der Aktionstag wurde erstmals 2006 in Genf organisiert. Seit 2012 ist der World Down Syndrome Day offiziell von den Vereinten Nationen anerkannt. Der 21. Tag des dritten Monats des Jahres wurde gewählt, weil das dreifache Vorhandensein des 21. Chromosoms das charakteristische Merkmal des Down-Syndroms ist.

Jürgen Dusel, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, nutzte den diesjährigen Tag zu einer Beschreibung des Status quo. Trotz gewachsener Offenheit gegenüber Menschen mit Down-Syndrom sieht der Behindertenbeauftragte weiterhin gesellschaftliche Defizite. So würden sie deutlich benachteiligt, vor allem im Gesundheitsbereich. Es gebe zu wenige Begegnungen. Würden Menschen mit Down-Syndrom oder einer anderen sichtbaren Behinderung weniger separiert, würden die Leute sie im Alltag auch weniger anstarren. Rückblickend konstatierte Dusel, dass Deutschland aus einer sehr finsteren Zeit komme.

Ungeachtet der Singularität der sogenannte Euthanasie, auf die Dusel anspielt, ist die Diskriminierung sogenannter Sorgenkinder (leider) nicht nur ein national begrenztes Problem. Das zeigt allein schon ein Vergleich des Umgangs des preußisch-deutschen und des britischen Herrscherhauses beim Umgang mit derartigen Angehörigen und Verwandten.

Zu letzteren gehörten Alexandrine von Preußen sowie Nerissa und Katherine Bowes-Lyon. Alexandrine, die am 7. April vor 111 Jahren im Kronprinzenpalais zu Berlin zur Welt kam, war die älteste Tochter des letzten preußischen und deutschen Kronprinzen Wilhelm, also eine Enkelin Wilhelms II. Nerissa und Katherine waren Töchter von John Herbert Bowes-Lyon, Sohn des 14. Earl of Strathmore and Kinghorne und Schwester der berühmten „Queen Mum“. Die beiden Schwestern waren also Cousinen ersten Grades von Königin Elisabeth II.

Alexandrine von Preußen

Die beiden Herrscherhäuser von Preußen und Deutschland sowie Großbritannien standen vor der Frage, wie sie sich zu diesen Familienmitgliedern und Verwandten verhalten, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Die Hohenzollern und ihre britischen Verwandten entschieden sich für ganz unterschiedliche Lösungen.

Die Familie von Alexandrine, die das Down-Syndrom hatte, entschied sich für Liebe, Integration und Normalität. Die offizielle Postkarte nach der Geburt zeigt den Kronprinzen mit seinem jüngsten Kind auf dem Arm. Der Vater hält die Hand seiner Tochter, als wolle er sie vor allem beschützen. Auch später wurde Adini, wie sie liebevoll im Familienkreis genannt wurde, auf offiziellen Grußkarten und Fotos gezeigt.

Die Prinzessin wuchs im Kreise ihrer Geschwister und Eltern heran, wurde nicht nur zu Hause behütet und geliebt, sie wurde auch gefördert und unterrichtet. 1932 bis 1934 besuchte sie die Trüpersche Sonderschule in Jena, die erste pädagogische Einrichtung in Europa, die sich der schulischen und künstlerischen Ausbildung von Kindern mit kognitiver und körperlicher Beeinträchtigung widmete.

Die folgenden zwei Jahre verlebte sie wieder in Potsdam, bis sie 1936, mittlerweile eine junge Frau, nach Niederpöcking am Starnberger See zog. Ende 1945 bezog sie ein am See gelegenes kleines Haus, das sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1980 bewohnte. Danach fand sie wie ihre Eltern und andere Mitglieder ihrer Familie ihre letzte Ruhestätte auf dem kleinen Familienfriedhof im Offiziersgärtchen der Sankt-Michaels-Bastei auf der Burg Hohenzollern.

Nerissa und Katherine Bowes-Lyon

Im Unterschied dazu entschieden sich die Windsors für Verstecken, Verleugnen und Wegsperren. Bis 1941 wurden die 1919 und 1926 geborenen beiden Schwestern Nerissa und Katherine Bowes-Lyon im Wohnsitz ihrer Eltern von Hausangestellten gepflegt. Dann wurden sie von ihrer Familie ins Royal Earlswood Hospital verbracht. Dabei handelte es sich um eine unweit von London gelegene geschlossene Nervenheilanstalt mit entsprechenden Gepflogenheiten. Die Insassen trugen Anstaltskleidung, und Fluchtversuche wurden mit einer Spritze zur Ruhigstellung geahndet. Nerissa und Katherine waren kein Einzelfall. Ihre gleichfalls kognitiv beeinträchtigten Cousinen Idonea Elizabeth, Rosemary Jean und Etheldreda Flavia Fane waren dort ebenso verwahrt.

Gegenüber der Öffentlichkeit wurden die zwei Schwestern für tot erklärt. 1963 hieß es im Adelskalender „Burke's Peerage, Baronetage & Knightage“, sozusagen der britische „Gotha“, die Ältere sei 1940 und die Jüngere 1961 gestorben. Dabei ist Nerissa erst 1986 gestorben und Katherine erlebte sogar noch die Schließung des Royal Earlswood Hospital im Jahr 1996 mit.
Danach wurden sie und ihre noch lebenden Cousinen ins Ketwin House verlegt. Dabei handelte es sich um ein für seine unwürdigen Pflegezustände öffentlich kritisiertes Pflegeheim in South Nutfield, das 2001 geschlossen wurde. Drei Jahre später starb Katherine Bowes-Lyon.

Ab 1987 wurde das unwürdige Versteckspiel um die vorgeblich 1940 und 1961 verstorbenen Schwestern aufgedeckt. Doch bis dahin wurde das Spiel noch über den Tod von Nerissa hinaus fortgeführt. So wurde sie 1986 in einem nur mit Plastiketiketten und einer Seriennummer ausgestatteten Armengrab auf dem Redhill-Friedhof verscharrt.


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