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Die pure Provokation in 22 Punkten: Palantir-Chef Alexander Karp zweifelt sogar an der „Gleichwertigkeit der Kulturen“ – und löst damit einen Sturm der Empörung aus
Angesichts der traumatischen islamistischen Anschläge vom 11. September 2001 suchte der US-amerikanische Geheimdienst Central Intelligence Agency (CIA) nach innovativen technischen Möglichkeiten, große Datenmengen aus ganz unterschiedlichen Quellen zusammenzuführen, um Terroristen künftig so früh als möglich das Handwerk zu legen. In diesem Zusammenhang finanzierte die CIA über ihre Risikokapitalgesellschaft In-Q-Tel unter anderem das junge Unternehmen Palantir Technologies. Das wiederum entwickelte sich dann peu à peu zum milliardenschweren Marktführer auf dem Gebiet der KI-gestützten Datenanalyse und Entscheidungsfindung.
Zu Palantirs Kunden zählen heute sowohl die Streitkräfte der USA, Israels und der Ukraine, welche Palantir-Produkte wie Maven auf dem Schlachtfeld einsetzen, als auch Geheimdienste und Sicherheitsbehörden in den Vereinigten Staaten und anderswo – einschließlich der Landespolizeien von Bayern, Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Dabei lautet das Credo des Konzerns nach ausdrücklicher Aussage von dessen Executive Vice President für Großbritannien und Europa, Louis Mosley: „Palantir wurde gegründet, um sicherzustellen, dass der Westen gewinnt.“
Bei dieser ambitionierten Ansage sollte es jedoch keineswegs bleiben. Unter der Überschrift „Weil wir oft danach gefragt werden. Die technologische Republik, kurz gefasst“ veröffentlichte der Palantir-Chef und -Mitbegründer Alexander Karp vor Kurzem noch ein 22 Punkte umfassendes Manifest, das nicht nur die Unternehmensphilosophie von Palantir, sondern auch die allgemeinen Vorstellungen des IT-Milliardärs Karp über Technologie, Politik und Gesellschaft im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz in aufschlussreicher Weise skizziert.
„Die Entmachtung Deutschlands muss rückgängig gemacht werden“
So heißt es eingangs, „die Ingenieurselite des Silicon Valley hat eine positive Verpflichtung, sich an der Verteidigung der Nation zu beteiligen“. Danach stellt Karp fest, dass „der Erfolg freier und demokratischer Gesellschaften mehr erfordert als moralische Appelle. Er erfordert harte Macht, und diese wird in diesem Jahrhundert auf Software basieren ... Die Frage ist nicht, ob KI-Waffen entwickelt werden, sondern wer sie entwickelt und zu welchem Zweck. Unsere Gegner werden nicht in theatralischen Debatten über die Vorzüge der Entwicklung von Technologien mit kritischen militärischen und nationalen Sicherheitsanwendungen verweilen. Sie werden voranschreiten.“
Und weiter meint der Palantir-CEO: „Das Atomzeitalter geht zu Ende. Ein Zeitalter der Abschreckung ... endet, und eine neue Ära der auf KI basierenden Abschreckung steht bevor.“ Gleichzeitig brauche es natürlich nach wie vor Menschen zur Bedienung der KI-Systeme im Kriegsfall. In diesem Zusammenhang verkündet Karp: „Der Wehrdienst sollte eine allgemeine Pflicht sein. Wir sollten als Gesellschaft ernsthaft darüber nachdenken, von einer reinen Freiwilligenarmee abzurücken und den nächsten Krieg nur dann zu führen, wenn alle das Risiko und die Kosten teilen.“
Anschließend philosophiert der Palantir-Chef über die Rolle der Vereinigten Staaten: „Kein anderes Land in der Geschichte der Welt hat progressive Werte so stark gefördert wie die USA ... Die amerikanische Macht hat einen außergewöhnlich langen Frieden ermöglicht.“ Dem folgt jedoch die Forderung: „Die Nachkriegs-Entmachtung Deutschlands und Japans muss rückgängig gemacht werden. Die Entmachtung Deutschlands war eine Überreaktion, für die Europa nun einen hohen Preis zahlt. Ein ähnliches, höchst theatralisches Bekenntnis zum japanischen Pazifismus droht ... das Machtgleichgewicht in Asien zu verschieben.“
Außerdem feiert Karp, dessen Vermögen auf mehr als 13 Milliarden Dollar geschätzt wird, Personen seines Schlages: „Wir sollten jene loben, die dort etwas aufbauen, wo der Markt versagt hat. Die Gesellschaft belächelt Musks Interesse an großen Erzählungen beinahe, als sollten Milliardäre sich einfach nur darauf beschränken, sich selbst zu bereichern.“ Und dann wird es zum Schluss noch ganz grundsätzlich: „Manche Kulturen haben bedeutende Fortschritte hervorgebracht; andere bleiben dysfunktional und rückschrittlich. Alle Kulturen sind nun gleichgestellt. Kritik und Werturteile sind verboten. Doch dieses neue Dogma verschleiert die Tatsache, dass bestimmte Kulturen und Subkulturen ... Großartiges geleistet haben. Andere hingegen haben sich als mittelmäßig, ja sogar als rückschrittlich und schädlich erwiesen.“
Die Reaktionen auf Karps Manifest waren über weite Strecken negativ. Oft hieß es, der Palantir-CEO propagiere nichts anderes als eine von den Technologiekonzernen kontrollierte, postdemokratische Weltordnung. Besonders scharf fiel dabei die Replik des linken Wirtschaftswissenschaftlers und früheren griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis aus. Aus dessen Sicht signalisiert Karp vor allem, dass es an der Zeit sei, „alle verbleibenden Bürgerrechte und Menschenrechte auszulöschen“ und „Hitlers Rassenhierarchie wieder einzuführen, mit den Gründern von Palantir und Elon Musk an ihrer arischen Spitze“.
„Abscheuliche Ideologie“
Für den französischen Geopolitik-Experten und Unternehmer Arnaud Bertrand wiederum ergibt sich aus der „abscheulichen Ideologie“ Karps die zwingende Notwendigkeit, die Palantir-Software aus allen Streitkräften, Geheimdiensten, Polizeibehörden und öffentlichen Institutionen zu verbannen. Und tatsächlich setzt angesichts des 22-Punkte-Manifests ein sichtbares Umdenken ein. So wollen hierzulande nun weder die Bundeswehr noch der Verfassungsschutz oder das Bundeskriminalamt auf Produkte aus dem Hause Palantir zurückgreifen, was freilich mindestens genauso sehr aus dem Bemühen um europäische Autarkie auf dem Gebiet der sicherheitsrelevanten KI-Datenverarbeitung herrührt.
Das heißt, man ist trotz aller rechtlichen und ethischen Bedenken nicht gewillt, auf die Massenüberwachung mittels Künstlicher Intelligenz zu verzichten. Bloß sollen zukünftig eben keine aus dem Silicon Valley stammenden Software-Lösungen, sondern Entwicklungen wie ChapsVision aus Frankreich oder Almato und Orcrist aus Deutschland zum Einsatz kommen.