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Beruf

Jobbewerbung nach Schema F

Dienstleister bieten formalistisch erstellte Bewerbungsschreiben an – Diese mögen perfekt sein, sind aber charakterlos

Stephanie Sieckmann
26.03.2024

Anschreiben und Lebenslauf galten lange Zeit als Aushängeschild eines Bewerbers. Waren die Unterlagen bestens aufbereitet und wurden sie ohne Rechtschreibfehler eingereicht, konnte sich ein Bewerber allein mittels dieser Formalien gut in Szene setzen und durchaus den einen oder anderen Bewerber hinter sich lassen. Inzwischen muss man dafür nicht mehr so viel Mühe aufwenden. Service-Firmen bieten ihre Dienste an, um vollständige Bewerbungsunterlagen oder Teile davon professionell und fehlerfrei, noch dazu in geschliffenem Wortlaut zu erstellen.

Über Sinn und Unsinn solcher Servicefirmen lässt sich sicher gut streiten. Die Sorge, dass eine Bewerbung keine Aussagekraft mehr hat, wenn zunehmend mehr Bewerber Dienste wie die der Unternehmen „Die Bewerbungsschreiber“, „Bewerbungs-Service“ oder „Bewirb-dich-erfolgreich“ in Anspruch nehmen, ist nicht von der Hand zu weisen. Gleichen sich die für eine Stellenausschreibung eingegangenen 740 bis 2000 Bewerbungen wie ein Ei dem anderen, haben die Mitarbeiter der Personalabteilung keine Möglichkeit einer schnellen Vorauswahl. So bleibt dem Bewerber nur zu hoffen, dass er sehr weit oben auf dem Stapel liegt und der mit der Auswahl betraute Mitarbeiter bei der Ansicht dieser Unterlagen noch wach genug ist, um die herausragende fachliche Qualifikation bewusst wahrzunehmen.

Geht die Aussagekraft eines Lebenslaufs und eines Anschreibens verloren, wenn der Großteil der Bewerbungen ohnehin fehlerfrei und wie aus einem Guss vorliegt? Oder kommt der fachlichen und damit der eigentlichen Qualifikation für die Arbeitsstelle wieder mehr Aufmerksamkeit zu? Auch in diesem Punkt lässt sich streiten. Über die rein fachliche Qualifikation an sich sagt eine modern aufgemachte Bewerbung vom Auftragsservice nicht mehr aus als eine selbstgeschusterte Unterlagensammlung. Es sei denn, eine Designerin bewirbt sich mit einer lieblos gestalteten Bewerbung im Stil der 90er Jahre, ohne einen Anspruch auf Retro-Schick zu erheben. Auch der eine oder andere Schreibfehler muss keine Aussage über die Fertigkeiten treffen, vorausgesetzt, es handelt sich nicht um die Unterlagen einer Sekretärin oder Geschäftsführungsassistentin.

In jedem Bewerbungstraining der Bundesagentur für Arbeit wird darauf hingewiesen, dass der Lebenslauf straff dargestellt werden muss und die bei verschiedenen Stellen erworbenen Fähigkeiten über dieses Element der Bewerbung für den Personalentscheider herauszulesen sind. Wer nie arbeitslos war, kommt nie in die Situation, ein derartiges Training aufgedrückt zu bekommen. Er steht also allein da, wenn es darum geht, die Unterlagen zu erstellen. Die Routine im Schreiben von Bewerbungen fehlt. Genauso das Wissen darum, wie moderne Bewerbungen auszusehen haben.

Wer als Ingenieur, IT-Spezialist, Elektriker oder Bademeister einen neuen Arbeitgeber sucht, will vor allem seine beruflichen Qualifikationen in einem guten Licht präsentieren. Was ist falsch daran, die Unterstützung bei einem professionellen Schreiber oder einem Studenten zu suchen, der sich mit Aufträgen dieser Art sein Studium verdient?

Abgesehen von den Kenntnissen in Sachen Rechtschreibung gibt ein Anschreiben Aufschluss über Motivation und Stärken eines Bewerbers. Wer sich selbst nicht gut verkaufen kann, sich seiner Motivation oder seines Wertes nicht einmal bewusst ist, geht mit einem erkauften, perfekt gestalteten Anschreiben das Risiko ein, spätestens beim Vorstellungsgespräch auf dünnem Eis unterwegs zu sein und auf einige Fragen keine Antwort zu haben. Dann wird es heikel, weil der Entscheider den Eindruck bekommt, dass der kompetente Eindruck, den die Unterlagen vermittelt haben, kein authentisches Bild des Bewerbers wiedergegeben hat. Spätestens hier trennt sich also die Spreu vom Weizen.Stephanie Sieckmann


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Kommentare

Max Müller am 26.03.24, 07:56 Uhr

2000 Bewerber auf eine Stelle, gibt es sowas überhaupt noch?

In Ausnahmefällen und beim DFB vielleicht.

Ansonsten sind Firmen froh um jeden Bewerber.

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