01.01.2026

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Sinnierend nach fast eineinhalb Jahrzehnten Kanzlerschaft: Konrad Adenauer
Bild: action pressSinnierend nach fast eineinhalb Jahrzehnten Kanzlerschaft: Konrad Adenauer

Konrad Adenauer

Kanzler der Alliierten oder der Deutschen?

Der erste Kanzler und CDU-Vorsitzende der Bundesrepublik kam vor 150 Jahren in Köln zur Welt

Konrad Adenauer
01.01.2026

Am 5. Januar 2026 jährt sich der Geburtstag Konrad Adenauers zum 150. Mal. Der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland war von 1949 bis 1963 im Amt. Seine Verdienste um den Wiederaufbau, die Schaffung einer stabilen Demokratie und die Wiederherstellung des Ansehens Deutschlands in der Welt sind unbestritten. Hier wird versucht, auch einige wenig beachtete Versäumnisse des großen Staatsmannes zu beleuchten.

Adenauer wurde 1876 als drittes von fünf Kindern in Köln geboren. Sein Vater war als Justizbeamter im mittleren Dienst kein Akademiker, die Groß- und Urgroßeltern waren Bäcker gewesen. Die wirtschaftliche Lage der fromm katholischen Familie war bescheiden, ja ärmlich. Als Kind war Adenauer kränklich, dem Militärdienst entging er mit einem medizinischen Attest, was damals ein Karrierehindernis war. Der zielstrebige Adenauer konnte Rechts- und Staatswissenschaften studieren, sein Studium absolvierte er schnell, aber ohne glänzende Noten, auch seine ersten Tätigkeiten als Jurist bis 1906 blieben nur mäßig erfolgreich. Die spätere große Karriere war zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar, obwohl Adenauer inzwischen gute Kontakte in der Zentrumspartei hatte. So trat er als junger Anwalt 1903 in die Kanzlei von Justizrat Hermann Kausen ein, und der war nicht nur ein anerkannter Anwalt, sondern auch Vorsitzender der Zentrumsfraktion im Kölner Stadtrat.

Kausen förderte 1906 Adenauers Bewerbung auf eine Stelle als Beigeordneter in der Kölner Stadtverwaltung, ein Wahlamt. Da ihn außer dem Zentrum auch die Liberalen unterstützten, bekam er die ordentlich bezahlte Stelle mit 35 von 37 Stimmen. Nun begann Adenauers schneller Aufstieg in der Kommunalpolitik. Schon 1909 wurde er mit 33 Jahren Stellvertreter des damaligen Kölner Oberbürgermeisters Max Wallraff. Der war übrigens der Onkel von Adenauers erster Ehefrau – der Kölner Klüngel lässt grüßen.

In der neuen Aufgabe konnte nun Adenauer all jene Begabungen zur Anwendung bringen, die ihm später den Aufstieg zum Bundeskanzler ermöglichten. Er verstand es, Menschen zu überzeugen und an sich zu binden, hatte einen ausgeprägten Machtinstinkt, einen nüchternen Blick für das Mögliche. Dazu kamen viel Energie, Fleiß und gute Ideen. Adenauer war ja auch ein Erfinder, der mehrere Patente anmeldete, von denen allerdings keines zum Verkaufsschlager wurde. Außerdem züchtete er in seiner Freizeit Rosen. Nicht zuletzt war Adenauer ein Familienmensch. Aus seiner ersten Ehe mit Emma Weyer, sie schon 1916 verstarb, gingen drei Kinder hervor, aus seiner zweiten mit Auguste Zinsser weitere fünf.

Anfänge als Lokalpolitiker
Eine Eigenheit und auch Stärke Adenauers war es, komplizierte Probleme rhetorisch stark zu vereinfachen und eben damit beim Wahlvolk zu punkten. Mit all diesen Talenten bewirkte Adenauer vieles für seine Vaterstadt, deren Oberbürgermeister er 1917 wurde – mit 41 Jahren als der bisher jüngste in diesem Amt. Gewählt wurde er einstimmig auf zwölf Jahre und blieb es dann bis 1933. Zu den vielen Erfolgen Adenauers gehörten etliche Infrastrukturprojekte, die Förderung des Wohnungsbaus und Industrieansiedlungen – und das in den überaus schwierigen Zeiten im und kurz nach dem Ersten Weltkrieg. 1919 setzte er durch, dass der ehemalige Festungsgürtel der Stadt Köln nicht bebaut, sondern in eine bis heute existierende Grünanlage umgewandelt wurde, womit er seiner Zeit voraus war.

Auffällig ist, dass dieser Innovationskraft Adenauers in so vielen Bereichen dennoch in gesellschaftlichen Fragen ein ausgeprägter Konservatismus gegenüberstand. Die Freiheit von Wissenschaft und Kunst endete für ihn dort, wo er katholische Grundanschauungen in Gefahr sah. Dies ging so weit, dass er vor einer Aufführung höchstpersönlich den Text in Bertolt Brechts Dreigroschenoper änderte und ein Gemälde des Expressionisten Otto Dix aus dem Wallraff-Richartz-Museum entfernen ließ.

Schon in der Zwischenkriegszeit, ja im Ersten Weltkrieg war Adenauer keineswegs nur Lokalpolitiker. Anfang 1918 wurde er in das Preußische Herrenhaus berufen, die erste Kammer des preußischen Parlaments, das bis Ende 1918 bestand und in dessen Gebäude heute der Bundesrat tagt. Ebenfalls ab 1918 gehörte er bis zu dessen Auflösung 1933 dem Preußischen Landtag der Rheinprovinz in Düsseldorf an, dessen Vorsitzender er 1920 wurde. Ferner war er von 1921 bis 1933 Präsident des preußischen Staatsrats, der zweiten Kammer des preußischen Parlaments. Außerdem war er in der Zwischenkriegszeit gleich drei Mal im Gespräch für die Kanzlerkandidatur des Zentrums, besonders aussichtsreich 1926. Adenauer hat das Amt aber nicht wirklich angestrebt – es schien ihm in der damaligen Zeit wenig attraktiv gegenüber seiner gefestigten Stellung in Köln. Dort war er nicht nur unangefochten, sondern verdiente auch prächtig.

1929 erzielte er Einnahmen von fast 85.000 Reichsmark, in heutiger Kaufkraft an die 350.000 Euro, und gehörte damit zu den bestbezahlten Politikern im ganzen Reich. Ob in diesem hohen Einkommen schon die Honorare für die vielen Aufsichtsratsmandate einbezogen waren, die er damals ausübte, entzieht sich dem Wissen des Autors. Dennoch wäre Adenauer im Jahre 1928 (also noch vor der Weltwirtschaftskrise in einem an sich guten Jahr) nach einem verlustreichen Aktiengeschäft beinahe pleite gegangen. Befreundete Industrielle halfen ihm diskret aus der Patsche, und als seine Probleme 1931 öffentlich wurden, war das Schlimmste für ihn schon überstanden.

Ein Porträt Adenauers wäre unvollständig ohne einen Blick auf seinen anti-preußischen Affekt. Er engagierte sich dezidiert für ein zumindest autonomes Rheinland, das er nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg gerne von Preußen losgelöst gesehen hätte und, wie manche bis heute mutmaßen, womöglich sogar vom Reich. Äußerungen in dieser Richtung gibt es, aber ein Beweis konnte nie erbracht werden. Immerhin meinte er am 1. Februar 1919 über Preußen, dieses sei „der böse Geist Europas, ... der Hort des kulturfeindlichen, angriffslustigen Militarismus“, es trage die Schuld am Weltkrieg, es sei „von einer kriegslüsternen, gewissenlosen militärischen Kaste und dem Junkertum beherrscht“, und dieses Preußen „beherrschte Deutschland“.

Im Rheinland waren solche Einschätzungen in der damaligen Not populär, und auch in Frankreich wurden sie gern gehört – die These von der deutschen (wenn auch nicht preußischen) Kriegsschuld fand sich ja wenige Monate später sogar im Frieden von Versailles wieder. Ob Adenauers Verdikt über Preußen zutrifft, darüber möge der Leser selbst urteilen. Dass er mit diesen Ansichten einer der führenden Parlamentarier des gescholtenen Staates sein konnte, beweist jedenfalls dessen Toleranz und Liberalität.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlor Adenauer seine Ämter und zog sich ganz ins Privatleben zurück, wurde auch mehrfach kurz verhaftet, erstmals 1934 und dann noch zwei Mal kurz nach dem Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944. Damit gehört der inzwischen 69-Jährige nach dem Zeiten Weltkrieg zu den unbelasteten Politikern im Land. Deswegen setzten ihn die Alliierten gleich zum Oberbürgermeister von Köln ein, das aber nur für wenige Monate, dann wurde er ihnen zu unbequem. 1945/46 war Adenauer Mitgründer der CDU und 1948 als Präsident des Parlamentarischen Rates einer der Väter des Grundgesetzes.

Wirken als Bundeskanzler
Bei der ersten Bundestagswahl am 14. August 1949 wurde die CDU/CSU mit 31 Prozent stärkste Partei. Die Bildung einer Koalition gelang damals in einigen wenigen Tagen, obwohl die Union mehrere Partner brauchte. Mit nur einer Stimme Mehrheit wurde Adenauer dann am 15. September 1949 zum Bundeskanzler gewählt. Wegen seines Alters von 73 Jahren galt er vielen Beobachtern als Übergangslösung, doch sie täuschten sich über die Zähigkeit und Energie des Alten, der das Amt erst 1963 im Alter von 87 Jahren abgab. Die Geschichte dieser Jahre wurde oft geschrieben: Unter Adenauer, der von 1951 bis 1955 in Personalunion auch das Amt des Außenministers bekleidete, gelangen der Wiederaufbau, die Schaffung einer stabilen Demokratie, die Rückkehr Deutschlands in die internationale Gemeinschaft als deren geachtetes Mitglied und die ersten grundlegenden Schritte der Einigung Europas.

Adenauers Führungsstil blieb dabei in hohem Maße personalisiert, ja hierarchisch-autoritär und zugleich in der Sache höchst pragmatisch. Noch nicht einmal die Einführung der sozialen Marktwirtschaft war für ihn eine Überzeugungssache. Er hätte massive Staatseingriffe in die Wirtschaft, ja Verstaatlichungen genauso akzeptiert und neigte zeitweilig sogar dazu. Seine Skepsis gegenüber Ludwig Erhards wirtschaftsliberaler Politik war zunächst so groß, dass er einmal in der Schweiz ein Gutachten über die Politik seines eigenen Wirtschaftsministers einholen ließ. Als dann das Wirtschaftswunder mit Wachstumsraten bis zu einem Dutzend im Jahr blühte und Erhards Popularität durch die Decke ging, wollte Adenauer diese Linie schon immer aus Überzeugung unterstützt haben. Sein Verdienst bleibt natürlich, diese Politik ermöglicht zu haben, die von der SPD bis mindestens 1959 offen bekämpft wurde.

Zu Adenauers Menschenbild gehörte generell die Einschätzung, dass man in der Politik und jedenfalls in der Demokratie kaum ohne Kompromisse mit der Wahrheit durchkommen könne – taktische Lügen könne man dann hinterher im Beichtstuhl in Ordnung bringen, öffentliche Entschuldigungen seien dagegen unangebracht. In der Tat lassen sich dafür mehrere Beispiele belegen.

So führte er im Zuge der Wiederbewaffnung eine Beratung mit Generälen, ob die künftige Wehrpflicht zwölf oder 15 Monate dauern sollte. Die Militärs verlangten unbedingt 15 Monate, Adenauer wollte im Wissen um die geringe Popularität der Wehrpflicht aber nur zwölf. Nach dem Gespräch trat er vor die Presse und erklärte ungerührt, dass die Wehrpflicht auf dringendes Anraten der Generäle hin nun zwölf Monate dauern solle. Die Militärs waren sprachlos, denn sie wagten nicht zu sagen, dass der Bundeskanzler soeben blank gelogen hatte. So war das Thema im Sinne Adenauers geklärt. Zu seinem Pragmatismus gehört der Umgang nicht nur mit Mitläufern des NS-Regimes, sondern auch mit denen, deren Verstrickung in das Unrecht dieses Systems einen gewissen Grad nicht überschritt. „Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind – andere gibt's nicht“, gehört als geflügeltes Wort in diesen Kontext, aber vielleicht auch seine Einschätzung, man dürfe „den Leuten nicht zu viel Demokratie zumuten.“

Kritische Fragen
Im historischen Rückblick sind die Verdienste Adenauers unbestreitbar, wiewohl man gerade im distanzierten Rückblick auch Fragen stellen kann.

War beispielsweise die schnelle, glatte Zurückweisung der Stalin-Note 1952 nicht doch ein historischer Fehler? Hätte man nicht zumindest sondieren müssen und dann womöglich pokern können mit dieser außenpolitischen Steilvorlage? Auch gegenüber den Westalliierten gab es damals ja noch einiges durchzusetzen – das Londoner Schuldenabkommen von 1953 gab es noch nicht, um nur ein Beispiel zu nennen – und die Stalin-Note verbesserte gewiss die Verhandlungsposition auch in Richtung Westen.

Eine weitere Anfrage betrifft den Umgang mit den Vertriebenen: Hier stand nach 1949 der Fokus ganz einseitig auf der Integration, während man in Sonntagsreden vor Vertriebenen die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr beschwor, auch Adenauer redete so. Die historische Gefahr der Assimilation der Ost- und Sudetendeutschen wurde überhaupt nicht gesehen; der Lastenausgleich war – gerade im historischen Rückblick – viel zu gering bemessen und die Vertreibungsverluste und -verbrechen wurden viel zu wenig erforscht und dokumentiert. Vielleicht fehlte dem Preußen-Gegner Adenauer ja wirklich das Gespür und das tiefere Verständnis für den deutschen Osten, wie SPD-Chef Kurt Schumacher (ein Westpreuße aus Kulm) so oft beklagte.

Ein drittter Punkt betrifft die Zuwanderung. Das Wirtschaftswunder führte schon ab Mitte der 1950er Jahre in einigen Sektoren zu Arbeitskräftemangel, vor allem im Bergbau. Die Politik reagierte darauf 1955 mit dem ersten Anwerbeabkommen für „Gastarbeiter“, dessen Jahrestag unlängst gefeiert wurde. Gerade im Rückblick muss man fragen, warum der damalige Arbeitskräftemangel nicht einfach durch stärkere Lohnerhöhungen abgestellt wurde – ein Mittel, das populär ist und sehr zuverlässig wirkt. Die Stadtbilder in Deutschland würden heute anders aussehen, wenn Adenauer das soziale und ökonomische Experiment der Gastarbeiteranwerbung nicht zugelassen hätte.


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