26.03.2026

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Seine Bilderbuchkarriere begann er als Pharmazeut

Karl Gottfried Hagen – preußisches Universalgenie

Selbst Immanuel Kant feierte das dreiteilige Lehrbuch des Königsberger Freundes als epochales Werk

Wolfgang Kaufmann
09.02.2026

Das griechische Wort „Pharma“ steht für „Zauber“ oder „Blendwerk“. Und tatsächlich genoss die Pharmazie, zu Deutsch „Arzneimittelkunde“, sowohl in der Antike als auch in späteren Zeiten einen ziemlich zweifelhaften Ruf. Dies änderte sich erst mit dem Siegeszug der wissenschaftlichen Pharmazie, der maßgeblich aus dem Wirken des ostpreußischen Universalgelehrten Karl Gottfried Hagen resultierte.

Der Sprössling einer Apothekerfamilie, deren Wurzeln in Lübeck und Thüringen lagen, kam am Heiligabend des Jahres 1749 in Königsberg zur Welt und wollte ursprünglich Mediziner werden. Allerdings musste er das dazu nötige Studium 1772 kurz vor dem Ende abbrechen, um seine Familie nach dem Tode des Vaters zu ernähren. Also übernahm Hagen die Leitung von dessen Hof-Apotheke, wozu ein königlicher „Spezial-Befehl“ nötig war, weil ihm die entsprechende Ausbildung fehlte. Drei Jahre später sorgte der Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Königsberg dafür, dass Hagen einen medizinischen Doktorgrad erwerben und naturwissenschaftliche Vorlesungen halten durfte, die begeistert aufgenommen wurden. Das ermutigte Hagen, ein „Lehrbuch der Apothekerkunst“ zu schreiben, das 1778 im örtlichen Verlag Hartung erschien. Dieses Werk mit seinen drei Teilen Botanik, Mineralogie und Chemie erlebte bis 1829 sieben Neuauflagen und vier Übersetzungen in andere Sprachen. Damit schuf es die wissenschaftliche Grundlage für den bislang vorwiegend handwerklich ausgeübten Beruf des Apothekers bzw. Pharmazeuten.

Aufgrund seiner außergewöhnlichen Begabung brachte es Hagen 1783 zum Professor für Medizin an der Albertus-Universität Königsberg. Drei Jahre später legte er ein weiteres epochales Lehrbuch mit dem Titel „Grundriss der Experimentalchemie“ vor, das der große Philosoph Immanuel Kant als „logisches Meisterwerk“ feierte.

Kant hatte die berufliche Laufbahn Hagens von Anfang an verfolgt und bewunderte dessen Fähigkeit, die Studenten auf anschauliche Weise anhand von Experimenten zu unterrichten. Daraus entspann sich trotz des Altersunterschiedes von 25 Jahren eine Freundschaft zwischen den beiden Professoren, und Kant förderte die Karriere von Hagen immer wieder durch seine Fürsprache in Berlin. Ansonsten profitierte Hagen auch davon, dass etliche hohe Offiziere und Staatsbeamte bis hinauf zum Minister seinen Vorlesungen und Vorführungen folgten, die oft in dem hervorragend ausgestatteten Labor der Hof-Apotheke stattfanden.

Deren Ruf drang bis an den Zarenhof in St. Petersburg, weswegen sowohl Alexander I. als auch alle Großfürsten des Zarenreiches ihre Arzneien am Ende nur noch bei Hagen bezogen. Außerdem unterrichtete der Königsberger 1808/09 den preußischen Kronprinzen und dessen Bruder im Keller seiner Apotheke in Naturwissenschaften, und öfter nahmen sogar König Friedrich Wilhelm III. und dessen Gattin Luise an den Experimenten teil.

Gleichzeitig gab Hagen den Anstoß zur Errichtung des Botanischen Gartens von Königsberg und amtierte als Präsident der Physikalisch-Ökonomischen Gesellschaft. Angesichts all dessen kann kaum verwundern, dass der Gelehrte 1810 zum Mitglied der Wissenschaftlichen Deputation berufen wurde und anschließend aktiv zu den Humboldtschen Bildungsreformen beitrug. Dabei musste er an der heimischen Universität von Königsberg gegen den massiven Widerstand rückwärtsgewandter Professoren ankämpfen. Dennoch gelang es ihm, vielversprechende junge Wissenschaftler wie den Astronomen, Mathematiker und Physiker Friedrich Wilhelm Bessel sowie den Begründer der Theoretischen Physik Franz Ernst Neumann an die Albertus-Universität zu holen, wobei die beiden später auch seine Schwiegersöhne wurden.

Im höheren Alter gründete Hagen 1812 noch das Königsberger Archiv für Naturwissenschaften und Mathematik und 1820 das Mineralogische Museum. Sein nimmermüdes Engagement brachte ihm 1800 die Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rat und 1825 die Verleihung des Roten Adlerordens samt Eichenlaub ein.

Mit 67 Jahren übergab Hagen die Familienapotheke dann an seinen Sohn Johann-Friedrich und zog in ein Haus in der Zieglerstraße. Dort hielt er auch weiter Vorlesungen, wobei diese im sogenannten Auditorium stattfanden, das seine privaten Sammlungen beherbergte. Unter anderem trug Hagen eine Vielzahl von kuriosen Werken mittelalterlicher Alchimisten zusammen. Er starb nach kurzer schwerer Krankheit am 2. März 1829 im Alter von 79 Jahren in seiner Heimatstadt.

Später wurden mehrere neu entdeckte Pflanzen- und Tierarten sowie eine Straße in Mittelhufen nach Hagen benannt. Diese Ehrungen waren mehr als verdient – immerhin hatte der Königsberger nicht nur den Grundstein für die wissenschaftliche Pharmazie gelegt, sondern auch Gelehrte wie Justus von Liebig inspiriert. Der avancierte 1825 mit nur 22 Jahren zum Professor für Chemie und Pharmazie in Gießen und brachte die organische Chemie danach derart stark voran, dass Deutschland im 19. Jahrhundert zur unangefochtenen Weltmacht auf dem Gebiet der Chemie wurde.


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