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Stolpersteine aus Chrudim, Tschechische Republik, die an jüdische Schicksale in der NS-Zeit erinnern
Bild: ShutterstockStolpersteine aus Chrudim, Tschechische Republik, die an jüdische Schicksale in der NS-Zeit erinnern

Denkmal-Serie der PAZ

Kleine Stolpersteine für großes Gedenken

Über diese Gedenksteine lohnt es sich zu „stolpern“. Bilden sie doch eine Einheit aus Daten, Emotionen und Schicksalen

Ingo von Münch
05.05.2026

Eine neuere Form des öffentlichen Gedenkens ist die Verlegung sogenannter Stolpersteine. Diese Gedenkform ist untrennbar mit dem Namen des Künstlers Gunter Demnig verbunden, dessen diesbezügliche Idee und Wirken in dem wissenschaftlichen Band „Steine des Anstoßes“ geschildert sind. Konkret handelt es sich dabei um Steine mit Messingplatten, die jeweils im Bürgersteig eines angrenzenden Hauses verlegt werden, das der letzte Wohnsitz des auf der Messingplatte genannten Opfers von NS-Verfolgung gewesen ist. Als Opfer werden Menschen genannt, „die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden“. In der Mehrzahl handelt es sich bei den auf den „Stolpersteinen“ genannten Personen um jüdische Opfer, aber nicht nur um diese.

Der Opferbegriff der „Stolpersteine“ umfasst für Demnig vielmehr „alle Opfergruppen“, zu denen er z.B. auch Zwangsarbeiter und Deserteure zählt. In Zusammenhang mit der Erinnerung an Kolonialismus wurde darüber informiert, dass inzwischen auch die ersten Stolpersteine verlegt worden sind, die an schwarze deutsche Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen. Gewürdigt wurde das Projekt von Gunter Demnig, dessen erste Stolpersteine am 16. Dezember 1992 vor dem Kölner Rathaus verlegt wurden, u.a. mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes und mit der Herausgabe einer diesbezüglichen Sonderbriefmarke der Deutschen Post.

Hohe Akzeptanz im Ausland

Die Einrichtung der „Stolpersteine“ wird zutreffend als „ein ungewöhnliches Mahnmal zum Gedenken an jüdische, aber auch andere Opfer der Nationalsozialisten“ bezeichnet. Die hohe Akzeptanz dieser Mahnmalgestaltung in Deutschland erwähnt der Schriftsteller Durs Grünbein mit der Feststellung, dass in Berlin „die Stolpersteine vor jedem zwölften Haus mit ihrem Flüstern an die deportierten Juden erinnern“. Eine hohe Akzeptanz auch im Ausland zeigt sich daran, dass schon im Jahre 2021 insgesamt rund 80.000 Stolpersteine in 27 Ländern verlegt worden sind, beispielsweise auch in Serbien. Öffentliche Aufmerksamkeit fand eine Stolpersteinverlegung in der Schweiz für eine jüdische Mutter und ihre Tochter: Sie wurden aus der Schweiz nach Prag abgeschoben, von wo sie nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

„Stolpersteine“ sind aus mehreren Gründen attraktiv: Der Ort, an dem ein „Stolperstein“ verlegt wird, befindet sich nahe der Stelle, an der das Opfer gelebt hat – die Nähe zum Schicksal des Opfers ist also räumlich und emotional präsent. Die Lage des Stolpersteins gegenüber dessen letztem Wohnsitz, also in bewohnter Gegend, bedeutet das Gegenteil zu einem abgelegenen und vereinzelten Platz. Auch wenn die Messingplatte auf dem jeweiligen Stolperstein nur kleinformatig und die Inschrift schlicht gestaltet ist, so bewirkt die Platzierung im Gehweg doch, dass sie selbst für eilige Passanten unübersehbar ist. Indem nicht nur der Name des Opfers eingraviert ist, sondern neben dem Geburts- und Todesdatum auch die wichtigste Information zur Verfolgung, entgeht das Mahnmal der Anonymisierung: deutlich gemacht wird ein individuelles, namentlich genanntes Schicksal.

Emotionale Schlichtheit

Die praktischen Vorteile sind evident: Die Platzierung auf öffentlichem (gemeindlichem) Straßengrund enthebt die Anbringung einer Genehmigung des Hauseigentümers, wie sie bei Installation einer Tafel an der Hauswand erforderlich wäre; und die – abgesehen von der Inschrift – einheitliche Ausführung spart Kosten und Zeitaufwand. Entscheidend für die Attraktivität der „Stolpersteine“ ist aber vermutlich die Idee: Der Betrachter soll über das Schicksal der Opfer eben nicht einfach hinweggehen, sondern über das Schicksal der Opfer im übertragenen Sinne des Wortes stolpern. „Stolpersteine“ sind also Steine des Anstoßes, nicht im Sinne von Anstößigkeit, sondern im Sinne von Aufforderung zum Gedenken und Nachdenken. Vielleicht ist es aber auch die gedankliche Originalität und künstlerische Kreativität der Idee der „Stolpersteine“, die ihr so viel Zustimmung – vor allem wohl auch unter engagierten jungen Menschen – einträgt. Vielleicht ist es aber auch die Schlichtheit und Sachlichkeit der „Stolpersteine“ im Gegensatz zu oftmals pompösen Denkmälern, die gut ankommen.

Kritik an den „Stolpersteinen“ wird nur selten geäußert. Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang die Stimme von Charlotte Knobloch, viele Jahre Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in München und von 2006 bis 2010 Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. In einem Bericht über jüdisches Leben als ein Teil deutscher Geschichte wird über die prominente Jüdin berichtet: „Konflikten ging sie nicht aus dem Weg. Vor allem mit ihrer unerbittlichen Haltung im Streit über die Stolpersteine machte sie sich nicht nur Freunde. Knobloch hatte diese Form des Gedenkens von Anfang an vehement abgelehnt, weil sie es für unwürdig hält ... Bis heute (Stand: Sept. 2021, d. Verf.) wurde in München auf Knoblochs Drängen hin kein einziger dieser Gedenksteine auf Gehwegen verlegt.“ Das „Unwürdige“ der Stolpersteine könnte aber allenfalls in der Platzierung auf Gehwegen gesehen werden, weil diese dazu führt, dass Passanten über die Gedenksteine hinweggehen, härter formuliert: sie mit Füßen treten. Jedoch kann hierin in der Regel keine verwerfliche Absicht gesehen werden, so dass dieser Einwand nicht überzeugt.

Ein unglücklicher Disput

Anlässlich einer Stolpersteinverlegung in Luxemburg wurde die Installation aus einem anderen Grund kritisiert: Es ging in der Gemeinde Junglinster neben vier Stolpersteinen für jüdische Opfer gleichzeitig um elf Stolpersteine für sog. Zwangsrekrutierte, d.h. junge Luxemburger, die unter der deutschen Besatzung in die deutsche Wehrmacht eingezogen wurden und im Verlauf des Zweiten Weltkrieges ihr Leben verloren. Umstritten war damit die in einem Zeitungsbericht zitierte Frage: „Wer verdient einen Stein?“ Zitiert wird in dem Bericht die kritische Ansicht eines Mitgliedes der jüdischen Gemeinde in Luxemburg, „dass mit der Verlegung von Stolpersteinen für Zwangsrekrutierte, identisch in Metall, Größe, Farbe und Design ganz unterschiedliche Schicksale gleichgestellt würden. Das schaffe einen europäischen Präzedenzfall.“ Ein anderer Einwand rügte die Gleichsetzung der Opfergruppen als „Geschichtsrevisionismus“.

Eröffnet wird damit ein überaus unglücklicher Disput über Opferhierarchien, vermutlich nicht im Sinne der „Stolpersteine“ – und schon gar nicht im Sinne der Opfer. Verwerflich ist schließlich, dass Stolpersteine nicht selten aus antisemitischer Gesinnung beschädigt werden, wie mit Säure oder mit Schleifwerkzeug.


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Kommentare

sitra achra am 12.05.26, 15:58 Uhr

Demnächst müssen wohl aktuell neue Stolpersteine für in der BRD verfolgte Juden gelegt werden, wenn der gewalttätige Antisemitismus, der sich hierzulande ausgebreitet hat und zunehmend ausbreitet, nicht radikal bekämpft wird. Leider schaut die Politik zu, wie auf Palidemonstrationen Juden beleidigt werden und zur Vernichtung Israels aufgerufen wird: from the river to the sea. Oft hört man sie sogar: "Juden ins Gas!" skandieren. Darüber hinaus werden Juden in aller Öffentlichkeit bepöbelt und tätlich angegriffen. Das alles mit der stillschweigenden Zustimmung der Öffentlichkeit. Die Regierung finanziert sogar NGO's und Stiftungen, die offiziell antisemitisch orientiert sind. Ist es denn wieder soweit? Stehen wir vor einem neuen Pogrom?
Ich schäme mich, Deutscher zu sein.

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