Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Dem von 1919 bis 1933 amtierenden Oberbürgermeister sind viele nachhaltige Projekte und Einrichtungen zu verdanken
Nach der Abtrennung Ostpreußens vom übrigen Deutschen Reich infolge des Versailler Diktats drohten insbesondere der Hauptstadt Königsberg dunkle Zeiten. Wäre da nicht der letzte demokratisch gewählte Oberbürgermeister gewesen: Hans Lohmeyer. Ihm ist es hauptsächlich zu verdanken, dass die östlichste deutsche Metropole stattdessen einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte.
Dabei hatte der Sohn eines Dachdeckermeisters anfänglich gar keinen Bezug zu Königsberg. Er wurde am 23. Juni 1881 in Thorn geboren und studierte später in Freiburg, Leipzig, Berlin und Breslau Rechts- und Staatswissenschaften. Dem folgten Tätigkeiten als Rechtsreferendar und Anwalt in Briesen, Thorn und Berlin. Doch Lohmeyers wahre Berufung war vielmehr die Kommunalpolitik. Deshalb ergriff er 1914 die Chance, als Stadtrat und Stadtsyndikus von Schöneberg bei Berlin zu wirken. Dort trat Lohmeyer im November 1918 auch der neu gegründeten, eher linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei.
Förderer guter Ideen
Anfang 1919 bewarb sich der ausgebildete Verwaltungsjurist dann auf die freie Stelle des Oberbürgermeisters von Königsberg und wurde daraufhin am 28. Juli 1919 mit knapp 95 Prozent Ja-Stimmen von den Stadtverordneten gewählt. Bereits bei seiner ersten Rundfahrt durch die Stadt traf Lohmeyer eine richtungsweisende Entscheidung, indem er den gerade angelaufenen Abriss des Königstores stoppte und damit den Anstoß für die Rekonstruktion beziehungsweise Begrünung der historischen Wallanlagen gab.
In der Folgezeit entstanden unter seiner Ägide der Nordbahnhof, der neue Hauptbahnhof, der deutschlandweit einmalige zivile Verkehrsflughafen Devau, das Areal der Ostmesse und der großzügige Industrie- und Handelshafen am Unterlauf des Pregel. Außerdem hatte Lohmeyer einen wesentlichen Anteil am Aufschwung des Ostmarkenrundfunks und der kombinierten Personen- und Frachtschiffsverbindung Seedienst Ostpreußen zwischen Swinemünde und Pillau. Des Weiteren gingen die Gründung der Stadtbank, der Wirtschaftshochschule und der Mädchengewerbeschule sowie des Opernchors auf seine Initiativen zurück.
Besonders talentiert zeigte sich Lohmeyer beim Umgang mit den ihm anvertrauten Steuergeldern. Er betrieb eine sparsam-effektive Finanzpolitik und wandelte die bürokratisch geführten städtischen Betriebe in kaufmännisch agierende GmbHs um. Diese Methode machte sogar reichsweit als das „Königsberger System“ Schule. Ansonsten war der Jurist auch ein erklärter Gegner staatlicher oder parteipolitischer Eingriffe in kommunale Angelegenheiten, weswegen er 1925 der Neutralität halber wieder aus der DDP austrat. Sein diesbezügliches Credo erläuterte Lohmeyer nicht zuletzt in dem Buch „Zentralismus oder Selbstverwaltung“, das 1928 erschien.
Als Bürgermeister begehrt
Nachdem sich der Königsberger Oberbürgermeister weit über die Grenzen Ostpreußens hinaus einen Namen gemacht hatte, erhielt er wiederholt Angebote zum Wechsel an die Spitze anderer Großstädte wie Leipzig oder Frankfurt am Main. Ebenso warf die Politik ein Auge auf Lohmeyer, der von 1921 bis 1932 zugleich dem Vorläufigen Reichswirtschaftsrat angehörte und Ostpreußen im Reichsrat, also der Länderkammer der Weimarer Republik, vertrat. Das Königsberger Stadtoberhaupt hätte es wohl problemlos bis zum Staatssekretär im Reichsinnenministerium oder Reichsminister der Finanzen bringen können. Allerdings schlug Lohmeyer entsprechende Avancen aus, um weiterhin in „seiner“ Stadt zu wirken.
Dennoch aber wurde er schließlich am 9. März 1933 auf Betreiben der Nationalsozialisten vom Amt suspendiert. Als Vorwand hierfür diente unter anderem ein vom NSDAP-Gauleiter Erich Koch angestrengtes Strafverfahren wegen angeblicher Untreue, welches nach drei Jahren ergebnislos endete.
Zuvor war Lohmeyer allerdings schon am 1. Oktober 1933 auf eigenen Wunsch in Pension gegangen und in das sogenannte Ostpreußische Viertel in Berlin-Westend gezogen. Dort beschäftigte er sich in seinem Haus in der Stallupöner Allee mit zeitgeschichtlichen und kommunalpolitischen Themen. Das in diesem Zusammenhang entstandene Buch „Die Politik des Zweiten Reiches 1870–1918“ brachte ihm 1939 ein Publikationsverbot ein.
Erst Politik dann Kirche
Weitere Schwierigkeiten gab es nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Weil Lohmeyer noch im Kontakt zu seinem ehemaligen Zweiten Bürgermeister Carl Goerdeler stand, welcher nun zu den führenden zivilen Köpfen der Widerstandsbewegung im Dritten Reich zählte, wurde er von der Gestapo verhört. Diese hörte auch Lohmeyers Telefon ab und öffnete seine Post, fand aber nichts Verwertbares.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges engagierte sich das frühere Königsberger Stadtoberhaupt vor allem im kirchlichen Bereich. So gehörte Lohmeyer den Synoden der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg sowie der Kirche der Altpreußischen Union an. Ansonsten war er 1951 Mitbegründer und bis 1963 auch Vorsitzender des Vereins für Kommunalwissenschaften. Trotzdem fand der Bundesverdienstkreuzträger noch Zeit, zwei Bücher mit den Titeln „Rückblick auf meine Amtszeit“ und „Meine Königsberger Jahre“ zu schreiben.
Der 13. Oberbürgermeister von Königsberg nach Inkrafttreten der Preußischen Städteordnung des Freiherrn vom Stein starb am 28. Februar 1968 in Berlin. Sein Grab ist nicht mehr erhalten.