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Dauerbrenner in den Opern: Programmzettel zur Aufführung von „Hänsel und Gretel“ am Landestheater Neustrelitz von 1921
Foto: paDauerbrenner in den Opern: Programmzettel zur Aufführung von „Hänsel und Gretel“ am Landestheater Neustrelitz von 1921

Kultur

Komponierender Märchenonkel

Vor 100 Jahren starb in Neustrelitz Engelbert Humperdinck, kurz nachdem seine Oper „Hänsel und Gretel“ dort aufgeführt wurde

Martin Stolzenau
25.09.2021

Das ursprüngliche Reithaus in Neustrelitz diente ab 1775 als Komödien- und Redoutenhaus, erhielt 1779 den Titel Mecklenburgisch-Strelitzsches Hoftheater, diente danach dauerhaft als Spielstätte und wurde 1919 nach der Abdankung des Großherzogs in Landestheater Neustrelitz umbenannt.

An diese Spielstätte kam vor 100 Jahren Wolfram Humperdinck. Der einzige Sohn des Komponisten Engelbert Humperdinck hatte gerade in Leipzig sein Studium der Musik und Regie abgeschlossen, als er in Neustrelitz den Posten des Oberspielleiters erhielt. Der Aufsteiger inszenierte am Landestheater Carl Maria von Webers Erfolgs-Oper „Der Freischütz“ und konnte bereits zu den Proben den herbeigeeilten Vater begrüßen. Engelbert Humperdinck, der von den Folgen eines Schlaganfalls von 1912 gezeichnet war, erlebte noch die Premiere des Stückes und verstarb kurz danach an den Folgen des nächsten Schlaganfalls am 27. September 1921 in Neustrelitz.

Humperdinck senior gelang mit seiner spätromantischen Märchenoper „Hänsel und Gretel“ der internationale Durchbruch. In ihr ist volksliedhafte Melodik in reicher Instrumentation mit Elementen der Leitmotivik seines Idols Richard Wagner verbunden. Seinen späteren Schöpfungen blieb ein vergleichbarer Erfolg versagt. Daran änderte auch seine Zusammenarbeit mit dem Regie-Titanen Max Reinhardt nichts. Größeren Anklang fanden außer „Hänsel und Gretel“ vor allem seine reizvollen Kinderlieder, die bis heute überall zum verbreiteten Repertoire gehören.

Broterwerb beim Stahlbaron

Eigentlich sollte der am 1. September 1854 in Siegburg bei Köln geborene Engelbert Humperdinck auf Wunsch seines Vaters, einem Gymnasialoberlehrer und Seminardirektor, Architektur studieren. Doch ab 1872 ging er am Kölner Konservatorium seiner musikalischen Begabung nach. 1876 sicherte ihm der Preis der Frankfurter Mozart-Stiftung eine zeitweilige finanzielle Unabhängigkeit. Humperdinck übersiedelte nach München, wo er bei Theodor Lachner sowie Josef Gabriel Rheinberger Unterricht nahm und von der „Ring“-Aufführung fasziniert war. Er wurde zum Anhänger Wagners, folgte seinem Vorbild 1881 nach Bayreuth, wurde dessen Assistent und erschloss sich die Kompositionsweise des Meisters.

Allerdings bemühte sich Humperdinck im Anschluss lange Zeit erfolglos um eine Kapellmeisterstelle. Auch die Bewerbung um den Posten des Universitätsmusikdirektors in Bonn schlug fehl. Letztlich blieben dem Talent nur Notlösungen des Broterwerbs bis hin zur Anstellung als musikalischer Gesellschafter des Stahlbarons Alfred Krupp.

Das Jahr 1887 sorgte für Licht am Ende des Tunnels. Humperdinck wurde Lehrer der Konservatorien in Köln sowie Frankfurt am Main, etablierte sich als Musikkritiker für die „Bonner Zeitung“, für das „Mainzer Tageblatt“ sowie die „Frankfurter Zeitung“ und widmete sich der Umarbeitung des zunächst als „Liederspiel“ konzipierten Stoffes von „Hänsel und Gretel“ zur Volloper. Zwischendurch kam es 1892 in Siegburg zur Heirat mit Hedwig Taxer, einer Fabrikantentochter.

Humperdinck-Museum in Siegburg

Ein Jahr später wurde „Hänsel und Gretel“ unter der Leitung seines damals noch jungen Komponistenkollegen Richard Strauss am Hoftheater von Weimar uraufgeführt. Sie bescherte ihm sichere Einkünfte, Weltruhm und Stellenangebote. Nach weiterem kompositorischen Schaffen auf seinem bei Boppard erworbenen Landgut nahm er 1900 eine Berufung an die Akademie der Künste in Berlin an. Er erhielt eine Professur, wurde Vizepräsident und in der Nachfolge von Max Bruch Leiter der Theorie- und Kompositionsklasse. Dazu kamen die Ehrendoktorwürde und die Mitgliedschaft in einigen Akademien. Parallel entstanden neue Tonschöpfungen.

Nach vielen Reisen, bei denen er in New York auch die 50. Aufführung von „Hänsel und Gretel“ erlebte, erlitt er 1912 einen ersten Schlaganfall. Davon konnte er sich nie wieder richtig erholen. Doch die Freude über die Anstellung seines Sohnes in Neustrelitz bewog ihn 1921 zur Reise in die vormalige Residenz, wo er den Premierenerfolg Wolframs noch erlebte und anschließend an den Folgen des zweiten Schlaganfalls starb.

Zu seinem in Frankfurt am Main aufbewahrten Nachlass gehören neben den Originalpartituren auch seine Tagebücher und sein Briefwechsel mit den Familien von Richard Wagner, Hugo Wolf sowie Gustav Mahler. Von seinen vier Kindern machte Sohn Wolfram als Regisseur und Intendant Karriere. Er glänzte nach dem Tod des Vaters mit Inszenierungen von Wagneropern, hatte Gastverpflichtungen in Wien, Paris und New York und leitete nach 1945 das Archiv des Stadtmuseums Siegburg, das in Humperdincks Geburtshaus untergebracht ist. Dabei handelt es sich um die ehemalige Lateinschule der Stadt, in welcher der Vater eine Dienstwohnung besaß und in der seine Ehefrau mit dem Baby niederkam. Heute wird in dem Stadtmuseum außerdem eine Humperdinck-Dauerausstellung gezeigt.

Das Landestheater Neustrelitz wiederum erlebte 1924 und 1945 zwei Brände, wurde zweimal wiederaufgebaut und gilt heute neben den Bühnen in Schwerin und Rostock in Mecklenburg-Vorpommern als bedeutendste, die zuletzt auch durch die Schlossgarten-Festspiele deutsche Bekanntheit erlangte.



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Kommentare

Mats Osrig am 27.09.21, 17:28 Uhr

"Hänsel und Gretel" ist aber auch eine ganz wunderbare Oper! Ein Werk voller Optimismus und Gottvertrauen, mit zeitlos schönen Melodien und einer Orchestrierung, die sich - ganz Wagner - von feinen Tönen zu geradezu monumentaler Kraft empor schwingt. Ich bin beileibe kein Fachmann, aber ich bin mir sicher, wir alle sind uns eing: Hänsel und Gretel ist alles andere als trivialer Schrott, sondern vielmehr eine Sternstunde deutscher Komponierkunst!

Chris Benthe am 25.09.21, 09:50 Uhr

Ich bin mit der Oper Humperdincks aufgewachsen, so wie es bei uns zuhause üblich war, uns Kinder früh mit Haydens Kindersinfonie, Prokofjews Peter & der Wolf und diversen Mozart-Stücken und Bach in Berührung zu bringen. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar.

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