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Jahrtausendelang galt die Gewährung „irregulärer“ Vorteile als ganz normale Praxis. Erst die Gesellschaften der Neuzeit sehen das anders – und werden des Problems wohl dennoch nie ganz Herr
Das Wort „Korruption“ gründet auf dem lateinischen Begriff „corruptus“ für „verdorben“ oder „schlecht“. Korruption ist also ein Zeichen von Verfall, bis hin zum sittlich-moralische Niedergang der Gesellschaft sowie zur Auflösung von Institutionen und Rechtsordnungen. Im Praktischen läuft die Korruption in aller Regel auf den Missbrauch einer politischen, sozialen oder anderen Machtstellung zum privaten Vorteil hinaus.
Damit beschädigt sie nicht zuletzt das Vertrauen der Bürger in die Unabhängigkeit, Unbestechlichkeit und Handlungsfähigkeit ihres Staates beziehungsweise die Integrität der Wirtschaft. Gleichzeitig werden wir tagtäglich mit immer neuen Meldungen über Korruptionsfälle im In- und Ausland konfrontiert. So wanderte kürzlich der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy wegen der illegalen Finanzierung seines Wahlkampfes durch den libyschen Diktator Muammar al-Ghaddafi in Haft, während in der Volksrepublik China ein General oder Admiral nach dem anderen wegen Korruption aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen wird – wobei der Verdacht im Raum steht, dass mögliche Verfehlungen vor allem deshalb in den Fokus gerückt wurden, um Kritiker von Machthaber Xi Jinping matt zu setzen.
Doch wie diese Beispiele zeigen, handelt es sich bei der Korruption offensichtlich um ein strukturelles Problem in politischen Gemeinwesen aller Art. Das gilt nicht nur für die Gegenwart. Die Geburtsstunde der Vorteilsnahme oder Bereicherung aufgrund irgendeiner Machtstellung schlug gewiss schon in der Steinzeit, und in den ersten Stadtstaaten des 4. Jahrtausends v. Chr. mit ihren beachtlichen materiellen Überschüssen dürfte die Korruption bereits ein alltägliches Phänomen gewesen sein. Bis in die Frühe Neuzeit hinein war sie auch weitestgehend selbstverständlich: Man zelebrierte Korruption oft ganz unverhohlen und ohne ein schlechtes Gewissen – so wie das heute noch in manchen Staaten der Dritten Welt zum üblichen Prozedere gehört.
Preußen nahm früh den Kampf auf
Ernsthaft in Verruf geriet die Korruption erst mit dem Übergang zur Moderne, wobei zentralisierte Monarchien wie das Königreich Preußen Vorreiter bei ihrer Ächtung waren. Die Korruption galt hier als Merkmal der zu überwindenden Vormoderne und sollte durch eine konsequente Verrechtlichung des gesellschaftlichen und politischen Lebens verschwinden. Daher liefen die berühmten preußischen Reformen zum Anfang des 19. Jahrhunderts auch auf eine Kriegserklärung an die Korruption hinaus. Ebenso stellten die Revolutionen ab 1789 unter anderem Reaktionen auf die grassierende Korruption dar.
Seit der Zeit der Aufklärung wurde mehr und mehr erwartet, dass Staatsdiener und sonstige Funktionsträger Amt und Privatleben deutlich schärfer als bislang trennen, auch und gerade auf dem Gebiet des Finanziellen. Gleichzeitig gehörten die lautesten Kritiker der Korruption oft selbst zu den Nutznießern dieses Phänomens – diese Doppelmoral kann man auch heute noch beobachten. Ansonsten erwies sich die Korruption aber bald als durchaus vereinbar mit der Moderne. Das hatte mehrere Gründe.
So basierte der entstehende Kapitalismus auf einem verzweigten System der Vorteilsnahme und -gewährung. Ebenso wirkten der schnelle technische Fortschritt und die damit verbundene Verbesserung der Infrastruktur als Katalysator der Korruption. Bei der Vergabe von Aufträgen für den Bau von Straßen, Häfen, Eisenbahnlinien, Elektrizitätswerken und so weiter kamen vielfach Bestechungsgelder zum Einsatz. Späterhin sorgte die Entstehung des Sozialstaats für bislang unbekannte Formen der Korruption – so etwa innerhalb der Krankenkassen und unter den Kassenärzten.
Ein Ritt gegen Windmühlen
Das gleiche gilt für die Bürokratie insgesamt: Einerseits sollten die Beamten Rechtsnormen anwenden, um der althergebrachten Korruption den Nährboden zu entziehen, andererseits schuf das unablässige Wuchern dieser Normen immer neue Einfallstore für die Vorteilsnahme beziehungsweise -gewährung. Und auch die nunmehrige Praxis der Vergabe von Ämtern und Posten nach den vermeintlichen Fähigkeiten der Bewerber anstatt einer automatischen Weitervererbung leistete der Korruption Vorschub.
Und dann war da noch der Parlamentarismus. Dieser ging unter anderem mit Stimmenkauf und dubiosen Methoden der Wahlkampffinanzierung einher. Das wiederum lieferte Demokratiekritikern argumentative Munition, was die Entstehung etlicher Diktaturen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts förderte. Andererseits war den Diktatoren im Kampf gegen ihre Feinde ebenfalls jedes Mittel recht, weswegen sie ihrerseits selbst mannigfache Formen der Korruption duldeten oder gar förderten.
Die Korruption wurde trotz aller Bemühungen niemals ausgerottet, und dies dürfte wohl so bleiben. Auf dieser Erkenntnis basiert die Theorie von der Korruption als besonders typischer Form der sogenannten Mikropolitik, wie sie beispielsweise der Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Darmstadt, Jens Ivo Engels, vertritt.
Engels definiert „Mikropolitik“ als „Sammelbegriff für all jene Machttechniken, die auf personenbezogenen, netzwerkartigen Strukturen beruhen, in denen Einzelinteressen vorherrschen, und die formalisierte Verfahren unterlaufen“. Dabei gehen Engels und andere Historiker wie der Pionier der modernen Kolonialgeschichtsschreibung Wolfgang Reinhard zu Recht davon aus, dass Mikropolitik tief in der Natur des Menschen liegt. Insofern stellt die Korruption ein einmaliges soziales Ordnungsmuster dar, dessen versuchte Abschaffung oder flächendeckende juristische Ahndung – das deutsche Strafgesetzbuch beinhaltet 14 ausdrückliche Antikorruptions-Paragraphen – dem Kampf gegen Windmühlenflügel gleicht.
Die politischen Gemeinwesen von heute, welche die Korruption ächten und abzuschaffen trachten, orientieren sich also an prinzipiell unrealistischen Idealen. Soziale Wirklichkeiten funktionieren anders, wie ärgerlich oder „unmoralisch“ das auch immer sein mag. Dies könnte sich erst ändern, wenn der Mensch eine höhere Entwicklungsstufe erreicht, worauf allerdings wenig hindeutet.