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„Kurznachrichten aus der Vergangenheit“

Das Schlesische Museum zu Görlitz zeigt die Ausstellung „Zeichen der Zeit. Deutsche Inschriften in Schlesien“

Hermann Müller
13.02.2026

Bei der 1910 eingeweihten früheren Kaiserbrücke in Breslau steht nach über hundert Jahren eine Generalüberholung an. Absehbar ist, dass bis zum Beginn der Sanierungsarbeiten im nächsten Jahr in Schlesiens Hauptstadt ein erbitterter Streit darüber weitergehen wird, ob an der Hängebrücke über die Oder auch wieder der Schriftzug „Kaiserbrücke“ und ein Hohenzollern-Wappen als historisch-architektonische Elemente angebracht werden. Der niederschlesische Denkmalschutzbeauftragte Daniel Gibski plädiert für historische Treue bei der Wiederherstellung eines technischen Denkmals von Weltrang. Die lokale Initiative „Patriotyczne Wrocław“ sieht in der Wiederherstellung des deutschen Schriftzugs wiederum ein Zeichen für eine schleichende „Germanisierung“. Auch andere Aktivisten und Politiker deuten die Bemühungen um Denkmalschutz als Teil einer größeren „deutschen Kulturpolitik“ in Niederschlesien.

Anknüpfen können diese zumeist aus dem Lager der Ultranationalisten stammenden Kritiker an eine Traditionslinie, die ihnen eigentlich extrem peinlich sein müsste: Es waren Polens Kommunisten, die nach der Vertreibung der Deutschen aus Ostdeutschland jede Spur der deutschen Vergangenheit aus dem öffentlichen Bild getilgt haben wollten. Die „Entdeutschung“ des öffentlichen Raums in den „wiedergewonnenen Gebieten“ wurde nach 1945 von den stalinistisch geprägten Machthabern systematisch und mit viel Aufwand betrieben. Dabei wurden deutsche Inschriften jeglicher Art unsichtbar gemacht – von Straßennamen über Inschriften an Rathäusern und Schulen bis hin zur Werbung von Firmen.

Dass dieses Unterfangen der „Entdeutschung“ nicht vollends geglückt ist, beweist die Ausstellung „Zeichen der Zeit“, die seit dem 31. Januar im Schlesischen Museum zu Görlitz gezeigt wird. Wie die Fotoausstellung belegt, lassen sich an vielen Orten Ober- und Niederschlesiens bis heute deutsche Schriftzüge entdecken.

Grundlage der Ausstellung ist das 2018 von Dawid Smolorz initiierte und mit dem Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz realisierte Dokumentationsprojekt „Vergessene Inschriften“. In Bilder umgesetzt hat die Rechercheergebnisse der Fotograf Thomas Voßbeck. Gezeigt werden in der Ausstellung fast 40 Beispiele deutscher Inschriften samt Erläuterungen des historischen Kontexts.

40 Beispiele deutscher Inschriften
Wie radikal das Programm der „Entdeutschung“ in den unmittelbaren Nachkriegsjahren war, verdeutlicht ein Schreiben des Landratsamtes Cosel [Koźle] aus dem Februar 1948, das in der Ausstellung gezeigt wird. In dem Papier fordert die Behörde: „Deutsche Inschriften auf Grabsteinen sind bis zum 15.03.1948 endgültig zu entfernen.“ Weiter heißt es: „Widersprüche vonseiten der Pfarrämter oder der betroffenen Personen sind unverzüglich dem Landratsamt zu melden.“ Angeordnet wird in dem Schreiben auch die Vernichtung aller deutschen Bücher und Schriften sowie: „Die Aktion der Polonisierung der Vor- und Familiennamen ist zu beschleunigen.“

Dass unter solchen Bedingungen nach Jahrzehnten überhaupt deutsche Inschriften im öffentlichen Raum zu erkennen sind, kann die verschiedensten Ursachen haben. Wie der in Oberschlesien aufgewachsene Regionalforscher und Ausstellungskurator Dawid Smolorz erklärt, waren die „Entdeutschungsmaßnahmen“ mitunter nur mit großem Aufwand umsetzbar – etwa wenn es darum ging, die großflächige Firmenwerbung an einer kompletten Hauswand zu beseitigen. Auch der Zahn der Zeit sorgte dafür, dass – wie am Bahnhofsgebäude in Ziegenhals, Kreis Neiße oder der „Bezirksschule Nr. 5“ in Beuthen – überpinselte Schriftzüge irgendwann wieder sichtbar wurden.

Erhalten geblieben sind auch Inschriften, die integraler Teil der Fassade oder des Daches waren. Im Fall der ehemaligen „Stadt-Sparkasse“ Gottesberg-Rothenbach, Kreis Waldenburg, bildete der Schriftzug etwa den Teil eines Türgitters. In den ländlichen Gebieten Oppelns waren wiederum dekorierte Ziegeldächer verbreitet, bei denen mithilfe verschiedenfarbiger Dachziegel Texte wie „Gott mit uns“ eingelegt worden waren. Die polnischen Behörden erzwangen in solchen Fällen ein oft nicht nachhaltiges Überpinseln oder, dass die Dachziegel umgelegt wurden, um den Schriftzug unleserlich zu machen.

„Entdeutschungsmaßnahmen“
Eine Rolle spielen konnte auch, dass die „Entdeutschungsmaßnahmen“ ohne großes Engagement durchgeführt wurden. Wie aus einem Behördenschreiben der „Woiwodschaft Wrocław“ aus der unmittelbaren Nachkriegszeit hervorgeht, sollte aus Denkmalschutzgründen zudem bei Kirchen, ehemaligen Klostergebäuden und Altstadthäusern von der Entfernung deutscher Schriftzüge abgesehen werden. Adressat des Schreibens von 1948 war die Feuerwehr der Stadt Breslau, die den Auftrag erhalten hatte, Gebäudefassaden von deutschen Inschriften „zu säubern“.

Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus ist vonseiten der Politik der Auftrag entfallen, Spuren der deutschen Vergangenheit zu tilgen. Im Zuge von Gebäudesanierungen verschwinden nun aber alte Schriftzeichen hinter Dämmfassaden oder beim Neuverputzen. Die „Kurznachrichten aus der Vergangenheit“, die das Interesse von Dawid Smolorz während seiner Kindheit im oberschlesischen Hindenburg geweckt haben, verschwinden so endgültig.

Beobachtet werden kann aber auch das Gegenteil: der bewusste Erhalt und die Restaurierung von Inschriften. Im oberschlesischen Beuthen haben sich etwa zwei Geschäftsgründerinnen 2018 für den bewussten Erhalt eines Schriftzugs über einem Ladengeschäft entschieden. Nach Anmietung des Ladens hatten die beiden Designerinnen unter einem Kunststoffschild den alten Schriftzug „Bäckerei und Konditorei Telef. 2173“ entdeckt. Sie entschieden sich nicht nur für den Erhalt, sie machten „Bäckerei“ sogar zum Markenzeichen ihres Modegeschäfts. Die Reaktionen in Beuthen reichten von Begeisterung bis hin zu Ablehnung.

Wie Dawid Smolorz betonte, sind Stimmen, die solche Initiativen ablehnen, nicht in der Mehrheit; allerdings gelingt es ihnen oft, den Fokus der Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. In Schmottseifen-Lähn, Kreis Löwenberg, führte vor wenigen Jahren eine erbitterte Debatte allerdings dazu, dass auf Beschluss des Gemeinderats an einem renovierten Bahnhofsgebäude die wiederhergestellte Inschrift wieder mit einer polnischsprachigen Tafel überdeckt wurde.

Die Sonderausstellung „Zeichen der Zeit. Deutsche Inschriften in Schlesien“ ist noch zu sehen bis zum 13. September im Schlesischen Museum zu Görlitz, Brüderstraße 8, Untermarkt 4, 02826 Görlitz, Telefon (03581) 8791-0, Fax (03581) 8791-200, E-Mail: kontakt@schlesisches-museum.de. Begleitend zur Ausstellung ist ein bebilderter, deutsch-polnischer Katalog zum Preis von 30 Euro erschienen.


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