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Lawrenti der Schreckliche

In der an Verbrechen und Verbrechern „reichen“ Geschichte des Kommunismus nimmt Stalins Geheimdienstchef Beria einen besonderen Platz ein. Am Ende wurde ihm der Glaube an die eigene Machtfülle zum Verhängnis

Alexander Rahr
29.03.2024

Stalins letzter, berüchtigter Geheimdienstchef, Lawrenti Beria, erblickte vor genau 125 Jahren das Licht der Welt. An ihn wird heute vor allem deshalb erinnert, weil sein Name wie kein anderer mit den stalinistischen Säuberungen, dem Terror- und Gulag-Regime, mit Spionage, aber auch dem Bau der sowjetischen Atombombe verknüpft ist. Als auf der Jalta-Konferenz 1945 der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt den neben ihm sitzenden Stalin fragte, wer dieser Mann mit der Hornbrille sei, antwortete der Sowjetdiktator halb im Ernst, halb im Scherz: „Das ist Beria, unser Himmler.“

Beria war der erste sowjetische Geheimdienstchef, der die allerhöchste Macht in der Sowjetunion erlangte. Nach ihm gelang dies nur noch Juri Andropow (1982) und Wladimir Putin (1999). Wäre Beria im Juni 1953 nicht in einer Palastrevolution gestürzt worden, hätte er höchstwahrscheinlich die Sowjetunion bis in die 1970er Jahre als Diktator regiert. Die Geschichte der UdSSR – und damit Europas und der Welt – wäre anders verlaufen.

Stalins Henker – und Mörder?
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion öffneten sich die verschlossenen Archive der kommunistischen Ära, und besondere „Wahrheiten“ gelangten ans Licht. Michail Gorbatschow wollte mit seiner Glasnost-Politik die Gehirnwäsche seiner Landsleute beseitigen und die Übeltaten des stalinistischen Regimes beim Namen nennen. Auch der erste Präsident des postkommunistischen Russlands, Boris Jelzin, betrieb eine schonungslose geschichtliche Aufklärung, Tausende von Opfern des Stalinismus wurden in diesen Jahren rehabilitiert. Beria gehörte sicherlich nicht zu den unschuldigen Opfern des Regimes, nach offizieller Lesart gilt er in der russischen Geschichtsschreibung immer noch als Verbrecher, wenngleich er in letzter Zeit, zusammen mit Josef Stalin und anderen Führern der UdSSR, eine Aufwertung erhielt – als einer der maßgeblichen Architekten des Sieges der Sowjetunion gegen Hitler-Deutschland.

Andererseits verstärkt sich heute unter den Historikern der Verdacht, dass Stalin am 5. März 1953 keines natürlichen Todes gestorben sei. Gegenüber seinem Politbüro-Kollegen Wjatscheslaw Molotow soll sich Beria auf der Tribüne des Mausoleums am 1. Mai 1953 damit gebrüstet haben, den Diktator Stalin vergiftet und somit eine geplante abermalige Säuberung der Partei- und Regierungsspitze im letzten Moment verhindert zu haben.

Fakt ist, dass Stalin nach einer durchzechten Nacht auf den 1. März mit drei bis vier anderen Kremlführern plötzlich zusammenbrach. Es war der Geheimdienstchef Beria, der die anderen Politbüromitglieder nach Hause schickte und eigenhändig die Türen zu den Gemächern des Diktators verschloss, damit tagelang keine ärztliche Hilfe Stalin erreichte. Der Diktator starb einen langsamen und qualvollen Tod. Nach späteren Aussagen von Nikita Chruschtschow soll er Beria, da er sprachunfähig war, aus dem Bett heraus mit der Faust gedroht haben.

Moskauer Machtkämpfe
Vier Monate später, am 26. Juni 1953, fand im Kreml eine eiligst einberufene Sondersitzung der sowjetischen Führung statt. Das sowjetische Herrschaftssystem zeigte nach dem Tode Stalins bedenkliche Risse. In der DDR wäre es am 17. Juni 1953 beinahe zu einer „Konterrevolution“ gegen die sowjetische Besatzung gekommen.

Der Schuldige am ausgebrochenen Arbeiteraufstand in der DDR war nach Meinung des Politbüros Beria, der scheinbar Deutschland wiedervereinigen wollte, um die Bundesrepublik aus dem Westen zu lösen und Deutschland zum strategischen Verbündeten der Sowjetunion zu machen. Beria, so wurde von manchen Historikern später kolportiert, glaubte nicht an den Erfolg der kommunistischen Ideologie. Er liebäugelte mit dem Kapitalismus und wollte die Sowjetunion zu einem nationalistischen Imperium aufrichten.

Ein Komplott gegen den allmächtigen Geheimdienstchef
Die Politbürokollegen zitterten förmlich aus Angst vor dem Geheimdienstchef Beria. Sie wussten allesamt, dass dieser höchst kompromittierende Dossiers über alle Mitglieder der Führungsspitze angelegt hatte und jederzeit damit drohen konnte, jeden der Kollegen in den Gulag zu schicken oder zu erschießen, sollte sich jemand ihm in den Weg stellen. Auf der erwähnten Sondersitzung im Kreml trat dann Chruschtschow, den alle vollkommen unterschätzt hatten, als Chefankläger gegen Beria auf – und forderte dessen Absetzung.

Beria bemerkte das Komplott, aber es war zu spät. Seine Leibwächter wurden von herbeigerufenen Militärs entwaffnet; auf Geheiß Chruschtschows betrat der legendäre Marschall Schukow, der 1945 mit der Roten Armee Berlin eingenommen hatte, mit einer Kalaschnikow in der Hand den Sitzungssaal – und nahm den völlig fassungslosen Beria fest. Hätte der gewiefte und mit allen Intrigen gewaschene Geheimdienstchef frühzeitig Verdacht geschöpft, wäre die Palastrevolution zweifellos missglückt und nicht Beria, sondern Chruschtschow und seine Mitverschwörer wären hingerichtet worden. Doch diese hatten sich zuvor konspirativ mit der Armeespitze gegen Beria und dessen zahlreiche Geheimdienstinstitutionen verbündet.

Nach offizieller Darstellung wurde Beria im Dezember 1953, ein halbes Jahr nach seiner Festnahme, im Moskauer Militärgefängnis hingerichtet. Der Übeltäter starb auf dieselbe schreckliche Art und Weise, wie Hunderte von Parteigenossen, Armeeführer und Geheimdienstchefs vor ihm – die Beria über Jahre hinweg nach vorheriger Folter auf Stalins Geheiß liquidieren ließ. Doch Berias Sohn behauptete später, sein Vater sei von Marschall Schukow, der ihn schon seit den Kriegstagen hasste, bereits während der Sondersitzung im Kreml an Ort und Stelle erschossen worden.

Lebenswege eines Stalinisten
Berias Biografie ist typisch für einen ranghohen Stalinisten seiner Zeit. Er war gerade volljährig, als das Zarenreich zusammenfiel und die Bolschewisten in Russland ans Ruder gelangten. Die Sowjetunion wurde auf dem Papier als Vielvölkerstaat konzipiert, junge Kader aus den nichtrussischen Republiken wurden karrieremäßig gefördert.

Wie Stalin stammte Beria aus Georgien. Sein Vater war ein einfacher kaukasischer Bauer. Als Junge entwickelte er eine kriminalistische Ader, er galt seit frühen Jahren als Spitzel und Intrigant. Dann, als der Erste Weltkrieg begann, wurde er als Wehrpflichtiger an die Front geschickt, aber später ausgemustert. Nach dem folgenden Bürgerkrieg stieß er nicht etwa zur Bolschewistischen Partei, sondern verdingte sich in der Tscheka – dem ersten berüchtigten sowjetischen Geheimdienst. Ende der 1920er ernannte man ihn zum Geheimdienstchef Georgiens und später für den gesamten Transkaukasus. In dieser Funktion leitete Beria die nachfolgende Zwangskollektivierung, beteiligte sich an Massendeportationen und Hinrichtungen. Für seine „Verdienste“ wurde er zum regionalen Parteichef befördert und machte sich einen Namen während der Säuberungen in der Zeit des Großen Terrors. Aufgrund seiner Durchschlagskraft gewann er das Vertrauen Stalins.

Bluthund des Diktators
Stalins Politik war es, die von ihm eingesetzten Geheimdienstchefs Jagoda und Jeschow nach kurzer Amtszeit zu liquidieren, damit sie nicht zu viel Macht anhäufen und ihm gefährlich werden konnten. 1938 ernannte er Beria zum nächstfolgenden Geheimdienstchef, dem die inneren Streitkräfte, die Miliz, die Gefängnisse und das Gulag-System untergeordnet waren. Während des Krieges bildete Beria zusammen mit Stalin, Molotow, Kliment Woroschilow und Georgi Malenkow das Staatliche Verteidigungskomitee – das oberste Exekutivorgan des Staates.

Auch nach dem Ende des Krieges verlief Berias Karriere ununterbrochen steil nach oben, während andere hohe Geheimdienstfunktionäre in seinem Umfeld einer nach dem anderen exekutiert wurden. Beria verstand es, zu lavieren und Stalins Vertrauen zu behalten. Er war verantwortlich für die Erschießung von 25.000 gefangenen polnischen Offizieren in Katyn – ein Verbrechen, das die Sowjetführung zunächst der deutschen Wehrmacht anlastete. Zudem war Beria für die Massendeportationen von Tschetschenen und Krimtataren, die man der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigte, nach Zentralasien zuständig. Und nach dem Abwurf der amerikanischen Atombomben über Japan wurde ihm die Leitung für den Bau der sowjetischen Atombombe übertragen, die 1949 zum ersten Mal getestet werden konnte.

Auf dem XIX. Parteitag der KPdSU (1952) schien es, als ob der 73-jährige Stalin zum erneuten Kahlschlag innerhalb der Partei ausholte. Der Diktator begann, sich nach einem geeigneten Nachfolger umzuschauen und plante eine radikale Verjüngung der Parteispitze. Die altgedienten Genossen wie Beria, Chruschtschow, Molotow und Malenkow bangten um ihr Leben. Die oben geschilderte Nacht vom 28. Februar auf den 1. März 1953 bot Beria die einzigartige Gelegenheit, den plötzlich erkrankten Stalin ins Jenseits zu befördern.

Ende einer blutigen Ära
Doch nachdem ihm das gelungen war, beging er den strategischen Fehler, seine unangefochtene Autorität an der Spitze des Staates gegen die neugebildete „kollektive Führung“ einzusetzen, um sich zum Alleinherrscher und einzigen Erben Stalins krönen zu lassen. Beria ließ es sträflich zu, dass formell Malenkow das Hauptamt an der Staatsspitze – den Posten des Ministerpräsidenten – übernahm. Er war sich sicher, diesen in Abhängigkeit zu haben. Aber Malenkow wechselte die Seiten. Den eigentlichen Part des Putschisten spielte jedoch eindeutig Chruschtschow.

Wie die Geschichte weiterging, ist bekannt. Chruschtschow setzte sich nach der Entmachtung Berias an die Spitze der „kollektiven Führung“, gewann den erbitterten Machtkampf gegen die alte Stalin-Garde und wurde Alleinherrscher, bis ihn 1964 selbst eine Palastrevolte traf, die übrigens vom wiedererstarkten KGB gegen ihn verübt wurde.

Wie sieht die russische Gesellschaft Beria heute, erinnern sich die Russen an ihn? Tatsache ist, dass es in Russland – bis auf die kurze Zeit von Glasnost und Perestrojka – keine Vergangenheitsbewältigung, keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Stalinismus gegeben hat. Die Schrecken des Großen Terrors spielen in der Geschichtsauffassung Russlands keine besondere Rolle, sie werden verdrängt vom großen Sieg, den Stalin im Zweiten Weltkrieg gegen Hitler-Deutschland errungen hat. Denn damit war der Aufstieg Russlands zur Weltmacht besiegelt.

Alexander Rahr war von 1982 bis 1994 Analytiker für Radio Liberty und die Denkfabrik Rand Corporation sowie bis 2012 Programmleiter der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik für Osteuropa und Zentralasien. Er war Mitglied im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs und Forschungsdirektor des Deutsch-Russischen Forums. Er ist Vorsitzender der Eurasien-Gesellschaft sowie Berater für diverse deutsche und russische Firmen. Rahr ist Autor mehrerer Bücher über Russland, u.a. einer Biographie über Wladimir Putin, den er im Laufe der Jahre mehrfach persönlich getroffen hat.

www.eurasien-gesellschaft.org


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Kommentare

Peter Faethe am 31.03.24, 00:26 Uhr

Korrektur: In Katyn wurden 4´400 polnische Kriegsgefangene ermordet, 20´000 Polen in anderen Lagern.

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