04.02.2023

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Keine „grünen Männchen“ wie die russischen Krim-Invasoren, aber mit grünen Armbinden: Die litauischen Memelland-Invasoren der MLS
Foto: imago/United Archives InternationalKeine „grünen Männchen“ wie die russischen Krim-Invasoren, aber mit grünen Armbinden: Die litauischen Memelland-Invasoren der MLS

Geschichte

Litauens Überfall aufs Memelland

Vor 100 Jahren marschierten litauische Truppen ins Memelgebiet ein, um die Region zu annektieren. Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs akzeptierten den Fait accompli. Die Wirkungen reichen mit einer Unterbrechung ab 1939 bis heute

Vygantas Vareikis
05.01.2023

Unsere Aufgabe in dieser Region Klaipėda ist klar: für Ordnung zu sorgen und polizeiliche Aufgaben zu erfüllen, bis der Völkerbund die Zukunft dieser Region bestimmt. So erfahren wir, dass diese Region seit heute, dem 15. Februar, international ist und von General Odry verwaltet wird. Parade vor dem Rathaus in Memel ...“ So schrieb ein französischer Offizier des 21. Infanterie-Schützenbataillons am 15. Februar 1920 bei seiner Ankunft im Memelgebiet in sein Tagebuch.

Weiter heißt es dort: „Die Landschaft ist traurig, flach. Kalt, nass, verschneit. Schlitten sind das Haupttransportmittel. Die Bevölkerung ist a priori nicht feindselig, aber beunruhigend. Wir gehen in Gruppen aus. Das Land ist arm, leidet. Man lebt hier nur von Viehzucht und Fischfang. Die Männer sind von der Armee zurück, viele von ihnen demobilisiert, und tragen noch ihre alten feldgrauen Uniformen. Sie sind erstaunt über unseren Reichtum: Kleidung, Ausrüstung und Lebensmittel – Schokolade, Wein, Weißbrot. So viel haben sie schon lange nicht mehr gesehen.“ So kam die französische Besatzung in ein Land, das sie kaum kannte und das sie drei Jahre später nach dem „Aufstand“ der litauischen Truppen verließ.

Auf der Friedenskonferenz von Versailles wurde am 28. Juni 1919 die Verwaltung von Memel bis zu einer endgültigen Entscheidung vorübergehend der Entente übertragen, und im Frieden von Versailles, der am 10. Januar 1920 in Kraft trat, wurde festgelegt, dass sich die deutschen Behörden aus Memel zurückziehen, wobei die Dienstgarantie für Beamte deutscher Nationalität beibehalten wurde.

Die Entscheidung, das Memelland vom Deutschen Reich abzutrennen, war durch die antideutsche Haltung der französischen Politiker motiviert, die Deutschland schwächen und eine Annäherung an das bolschewistische Russland verhindern wollten, indem sie einen „Cordon sanitaire“ aus Westmächte-freundlichen Pufferstaaten in Mittelosteuropa schufen. Andererseits war Deutschland, das eine Stärkung des polnischen Einflusses in der Region befürchtete, geneigt, die Region in die Hände der Litauer zu geben, bis sich günstigere geopolitische Umstände ergeben. Memel wurde nicht an Litauen angegliedert, da Litauen de jure noch nicht als Staat anerkannt war und die Franzosen andererseits beabsichtigten, es dem geplanten litauisch-polnischen Staat zu überlassen.

Entscheidung in Kaunas

Nach dem Waffenstillstand von Compiègne vom 11. November 1918 hatten sich preußisch-litauische Persönlichkeiten, die ein Großlitauen anstrebten, in Tilsit versammelt und den Rat der Preußisch-Litauischen Nation gegründet, dessen erklärtes Ziel die Vereinigung von Preußisch-Litauen und Litauen war. Im Jahr 1920 zog dieser Rat von Tilsit nach Memel um und forderte in einer im selben Jahr verabschiedeten Resolution den Zusammenschluss Preußisch-Litauens mit Litauen. Bei den Pariser Verhandlungen über Memel wurde die litauische Delegation von den Vertretern Preußisch-Litauens unterstützt.

Doch ob die litauischen Bestrebungen verwirklicht werden würden, hing nicht von deren Unterstützung, sondern von den Plänen der Politiker in Kaunas ab. Am 28. September 1922 schlug der litauische Ministerpräsident und Außenminister Ernestas Galvanauskas auf einer Sitzung des litauischen Ministerrats nach vorheriger Zustimmung aus Berlin und nach Rücksprache mit Moskau dem litauischen Generalstab vor, einen Plan für die Eroberung von Memel, den sogenannten Aufstand, auszuarbeiten.

Bildung einer Sondergruppe

Die Nachrichten aus Paris trugen dazu bei, dass sich die Litauer schließlich für den Beginn des „Aufstandes“ entschieden. Am 18. Dezember 1922 wurde in Kaunas bekannt, dass die von der Botschafterkonferenz am 10. Januar 1923 eingesetzte La­roche-Kommission endgültig über das Schicksal des Memellandes entscheiden würde. Es war geplant, hier einen Freistaat nach dem Vorbild von Danzig zu errichten.

Galvanauskas beschloss sofort, sich auf den Marsch vorzubereiten. Es wurde bekannt gegeben, dass in Memel das Oberste Komitee zur Rettung Kleinlitauens gegründet worden sei, dessen Vorsitzender Martynas Jankus sei. In der Region wurden Kundgebungen und Versammlungen organisiert, die den Anschluss des Memellandes an Litauen forderten. Am 2. Januar 1923 wurde auf einer Kundgebung in Memel eine Resolution verabschiedet, in welcher der Wunsch nach einem Zusammenschluss mit Litauen und das Misstrauen gegenüber der Direktion des Memelgebiets zum Ausdruck gebracht wurden.

Am 7. Januar 1923 wurde in Heydekrug [Šilutė], das zum Sitz des Hauptkomitees zur Rettung Kleinlitauens bestimmt worden war, eine in Kaunas vorbereitete Proklamation mit dem Titel „Schützenbrüder!“ veröffentlicht, in der die litauischen Schützen aufgefordert wurden, „um der Zukunft unserer Mutter Litauen willen unsere schwachen Reihen zu stärken und uns zu helfen, uns aus der unerträglichen Sklaverei sich zu befreien“.

Anfang Januar 1923 wurde in Kaunas eine Sondergruppe für die Operation gebildet, die aus 40 Offizieren, 584 Soldaten, 455 Mitgliedern der Schützenvereinigung, elf Militärbeamten und medizinischem Personal bestand. Dieses Kommando verfügte über 21 Maschinengewehre, Feldkommunikationsausrüstung, vier Motorräder und drei Autos, während das Kavallerieregiment über 63 Pferde verfügte. Das Kommando über den Kampfverband hatte Jonas Polovinskas, der mit dem litauischen Generalstab und Galvanauskas in Verbindung stand.

Da er als Nachrichtenoffizier jedoch keine Erfahrung mit der Führung auf dem Schlachtfeld hatte, wurden die militärischen Aktionen im Lande vom Hauptquartier der Schützenschwadron koordiniert, das sich aus litauischen Kaderoffizieren zusammensetzte. Die Spezial-Schützenschwadron wurde in Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe sollte Memel [Klaipėda] besetzen. Die zweite Gruppe sollte Pogegen [Pagėgiai] besetzen und die Grenze zum Deutschen Reich bewachen. Und die dritte Gruppe sollte Heydekrug [Šilutė] besetzen.

Grenzübertritt am 10. Februar

Am 6. Januar 1923 zogen die ersten Abteilungen der Sondergruppe in zwei Staffeln von Kaunas in Richtung der Grenze des Memelgebiets. Am 9. Januar traf der erste Teil der Sondergruppe am Bahnhof Bajohren [Bajorai] und der zweite in Laugszargen [Lauksargiai] ein. Am nächsten Tag überquerten die „Rebellen“ mit den grünen Armbinden der MLS (Mažosios Lietuvos sukilėlis, kleinlitauische Rebellen) die Grenze zum Memelgebiet.

Jonas Tapulionis, ein ehemaliges Mitglied der Sondergruppe, das im kanadischen Exil lebte, hat seine Erinnerungen an den Marsch nach Memel hinterlassen: Die Einheimischen nannten sie „Bunti­niks“ von der anderen Seite. Unter den Bauern gab es keine Sympathie für sie. Sie sahen Spinnen, die ohne Karren marschierten, nur mit Waffen und leeren Brotsäcken – was bedeutet, dass sie sich durch Plünderung und Requisition ernähren würden. Sowohl Grundbesitzer als auch Bauern versuchten, die „Aufständischen“ so schnell wie möglich bei den deutschen Gendarmen und Regierungsbeamten zu melden. Die Bauern, die mit ihnen zusammentrafen, waren bereit, mit den „Rebellen“ zu sprechen und Fragen zu beantworten, aber sie erlaubten ihnen nicht, ihre Häuser zu betreten oder ihre Kleidung auszuziehen. Auf Nachfrage erklärten sie, dass die Franzosen auf beiden Seiten der Straße Schützengräben aushöben und „Maschingewerke“ bauten. In Memel hieß es, dass Tausende von „Meuterern“ auf den Straßen unterwegs seien.

Als eines Tages ein intelligenter Herr in der Hütte von Tapulionis und seinen Kameraden erschien und sie fragte, wer sie seien, sagten sie ihm, dass sie einheimische Rebellen seien. Daraufhin habe der Herr gelacht und gesagt: „Das können Sie sagen, zu wem Sie wollen, aber nicht zu mir. Wie sprechen Sie Deutsch? Du sprichst es überhaupt nicht. Die Litauer vor Ort sprechen besser Deutsch als Litauisch, weil die Schulen nur auf Deutsch sind.“

Erstürmung der Präfektur

Am 11. Januar besetzte der zweite Teil der Sondergruppe Heydekrug [Šilutė] ohne Widerstand, während die erste Gruppe, hauptsächlich mit den Kräften der Schützen, Försterei [Giruliai] und Tauerlauken [Tauralaukis] besetzte. Am Abend des 11. Januar war fast das gesamte Memelland, mit Ausnahme der Stadt Memel, in der Hand der „Rebellen“.

Am 14. Januar gegen 0 Uhr erhielt Polovinskas, der sich mit Kaunas in Verbindung gesetzt hatte, von Galvanauskas den Befehl, Memel einzunehmen. Die ersten ernsthaften Zusammenstöße mit gut bewaffneten Franzosen und Deutschen fanden auf dem Gutshof Althof [Sendvaris] statt. Bei der Einnahme von Althof wurden fünf litauische „Rebellen“ und ein deutscher Gendarm getötet.

Am Morgen des 15. Januar drangen zwei litauische Gruppen in Memel auf das Gut Rumpischken vor. Am selben Januarmorgen eroberte eine Kompanie den Bahnhof von Memel und die Brücken über die Dange [Danė], während eine Schützenkompanie unter Umgehung der gut befestigten französischen Kasernen den Hafen von Memel einnahm. Um die Mittagszeit des 15. Januar 1923 hatten die „Rebellen“ bereits den zentralen Teil der Stadt Memel eingenommen. Die Militäroperation gipfelte in der Erstürmung der französischen Präfektur. Zwölf Kämpfer der Sondergruppe, darunter auch zwei litauische Offiziere, zwei französische Schützen, ein deutscher Gendarm und drei Zivilisten wurden bei der „Klaipėda-Revolte“ getötet.

Rückzug der Franzosen

Am Tag nach der Einnahme der Präfektur traf in Memel ein Landungstrupp englischer und französischer Kriegsschiffe ein. Er hätte die litauischen „Rebellen“ niederkämpfen und das Ergebnis ihres Überfalls revidieren können. Er tat es jedoch nicht. Stattdessen wurde am 16. Februar in Paris beschlossen, das Memelgebiet unter litauische Hoheit zu stellen. Am 19. Februar verließ die französische Besatzung die Kaserne in Memel und ging an Bord des Schlachtschiffs „Voltaire“, das zehn Tage später in Cherbourg einlief.

Der Überfall war von Erfolg gekrönt. Er sicherte Litauen die alleinige Verfügungsgewalt über den Hafen von Memel. Zudem war er Balsam für die geschundene nationale Seele nach der militärischen und diplomatischen Niederlage im Kampf mit Polen um die Region Wilna.

Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab Litauen dem Deutschen Reich zwar das Memelgebiet zurück als Preis für dessen Wohlwollen in Litauens Unabhängigkeitskampf gegen Polen, das eine Wiederherstellung der polnisch-litauischen Union anstrebte. Aber nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Memel aufgrund des erfolgreichen litauischen Überfalls von 1923 im Gegensatz zum Rest des nördlichen Ostpreußen nicht als Bestandteil des Königsberger Gebiets Russland zugeschlagen, sondern Litauen.

• Vygantas Vareikis ist ein litauischer Historiker, Professor und Politiker. Er unterrichtet an der Memeler Universität und saß von 2003 bis 2018 im Memeler Stadtrat.


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