13.07.2024

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Konzertgenuss der legeren Art: Ein Trio nutzt Strohballen als Sitzunterlage beim Musikfest auf Gut Hasselburg
Foto: SHMF/Felix KönigKonzertgenuss der legeren Art: Ein Trio nutzt Strohballen als Sitzunterlage beim Musikfest auf Gut Hasselburg

Kunst

Mit dem Picknick-Korb zum Konzert

Start der Musikfestivals in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern – Fester Bestandteil sind die Landpartien

Helga Schnehagen
05.07.2024

Das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) und die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern (FMV) haben die herrschaftliche Landidylle der Gutshäuser und Schlösser in Deutschlands Norden fest im Programm verankert. Oft bringen die Gäste ihren Picknick-Korb mit, um aus dem Konzertbesuch in dem gepflegten historischen Ambiente ein kleines persönliches Gartenfest zu machen.

Die „Musikfeste auf dem Lande“ gehören seit jeher zu den Herzstücken des SHMF, das vom 6. Juli bis 1. September weitere 203 Konzerte und zwei Kindermusikfeste in 120 Spielstätten an 71 Orten in Schleswig-Holstein, Dänemark, Hamburg und im Norden von Niedersachsen veranstaltet.

An jedem der fünf Musikfest-Wochenenden finden an den Sonnabenden um 13, 15 und 17 Uhr und an den Sonntagen um 11, 13 und 15 Uhr jeweils drei Konzerte mit zwei einstündigen Pausen statt. An den Sonnabenden gibt es zudem ab 20 Uhr noch zusätzlich ein etwa 90-minütiges Konzert. Wem das zu viel Musik auf einmal ist, sitzt das eine oder andere Konzert auf der mitgebrachten Decke oder im Liegestuhl einfach genüsslich aus.

Dem lockeren Rahmen entspricht das ausgefallene, bunt gemischte bis experimentelle Konzertprogramm. Mit Werken von Antonio Vivaldi bis Arvo Pärt gibt sich das zwischen Kiel und Rendsburg gelegene Gut Emkendorf zum Auftakt zwar noch recht klassisch. Doch dabei bleibt es in der Gutsscheune nicht. Später zeigt die Band Wildes Holz, dass die Blockflöte zur Rock- und Popmusik passt, und das Trio Agora spürt der Geschichte und Verbreitung des Tangos im 19. und 20. Jahrhundert nach (6./7. Juli).

Auf Gut Stockseehof südlich vom Plöner See traut die Obsthalle ihren Ohren nicht. Neben Werken von Joseph Haydn, Georg Friedrich Händel, Maurice Ravel und anderen Klassikern ertönt hier arabische und nahöstliche Musik. Und die belgische Band WÖR lädt an diesem ungewöhnlichen Ort zu einer Folk-Night ein (13./14. Juli).

Schloss Wotersen zwischen Hamburg und Ratzeburg wurde Ende der 1980er Jahre durch die Fernsehserie „Das Erbe der Guldenburgs“ schlagartig weithin bekannt. In der Reithalle erklingen Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und Jean Sibelius neben irischer Volksmusik und abwechslungsreichen Kammermusik-Formationen von Mitgliedern des diesjährigen Schleswig-Holstein Festival Orchesters (27./28. Juli).

Gut Hasselburg bei Neustadt in Holstein steht beispielhaft für einen Gutshof aus dem 18. Jahrhundert. In seiner großen erhaltenen Reetscheune geht es dieses Jahr besonders bunt, sprich: anti-klassisch, zu. Das fünfköpfige Apollo's Cabinet begibt sich auf eine barocke Wanderung zwischen Schauspiel, Tanz, Poesie und Unterhaltung, das Duo Mackefisch steht mit einem Lieder-Poetry-Kabarett auf der Bühne und die vier Musiker von Maxjoseph präsentieren ihre ganz persönliche Vorstellung von Volksmusik (3./4. August).

Gut Pronstorf bei Lübeck schließlich ist eine besonders ansprechende Anlage. Das Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert gehört zu den schönsten Barockbauten in Holstein. Die hier ansässige Familie Graf zu Rantzau setzt die traditionelle Gutswirtschaft bis heute fort. Der aufwendig sanierte alte Kuhstall dient inzwischen als Konzertsaal und wird am Wochenende von dem Tübinger Klarinettisten David Orlowsky samt Freunden bespielt (17./18. August).

Um den Nachwuchs geht es bei den Kindermusikfesten auf Schloss Wotersen, und das schon ab fünf Jahren. Dabei wird den Eltern einiges an Lärmverarbeitung abverlangt. Sollen die Kleinen doch mit Gummistiefelflöten, Bratpfannen-Riesenrad, klappernden Kochtopfdeckeln und selbst gebastelten Instrumenten lernen, Klänge zu unterscheiden. Die Konzerte in der Reithalle setzen die musikalische Früherziehung mehr oder weniger lautstark fort (20./21. Juli).

Pferdepräsentation in Redefin
Das Festival Mecklenburg-Vorpommern hat dieses Jahr bis zum Abschlusskonzert am 17. September in Wismar 130 Veranstaltungen an 92 Spielstätten im Programm. Sein Picknick-Ort schlechthin ist seit 25 Jahren das Landgestüt Redefin. Schon am Nachmittag öffnet es seine Tore. Inmitten des über 200-jährigen strahlend weißen klassizistischen Gestütsensembles bietet Redefin nicht nur Picknickplätze unter alten Bäumen an, sondern auch Programm: Ponyreiten für Kinder und eine Präsentation ausgewählter Zuchtpferde für die Erwachsenen.

Zu den Konzerten öffnet die moderne Reithalle ihre Tore: dieses Jahr für die französische Pianistin Hélène Grimaud und das Kammerorchester Camerata Salzburg (23. Juni) sowie den Pianisten Rudolf Buchbinder und das Sinfonieorchester Filarmonica della Scala (31. August). Das Mailänder Opernorchester mit seinem Chefdirigenten Riccardo Chailly verschlägt es dazu erstmals in Mecklenburgs Pferde-Mekka.

Etwas Proviant schadet auch bei den Freiluft-Konzerten nicht, zumal man sich Zeit nehmen sollte, die herrlichen Spielorte selbst zuvor ausgiebig zu genießen. Ob bei der Großen Filmmusik Gala im Schlosspark Fleesensee in Göhren-Lebbin (29. Juni) oder dem Großen Open-Air-Konzert im Park von Schloss Bothmer (7. September), ein guter Tropfen – griffbereit – krönt jeden Abend.

Auch zum Kleinen Fest im großen Park von Schloss Ludwigslust kann eigener Proviant helfen, bei der Wanderung von Bühne zu Bühne bei Kräften zu bleiben. Hier geht es einmal nicht um Musik, sondern Kleinkunst: Akrobatik, Pantomime, Schauspiel, Comedy, Musik und Puppenspiel. Das Angebot ist derart groß, dass es sich lohnen kann, eine Auswahl zu treffen (3./4. August).

Längst zum Fünfsternehotel samt Restaurant entwickelt haben sich Schloss und Gut Ulrichshusen, der emblematische Festspielort der FMV schlechthin. Als der britische Violinist Lord Yehudi Menuhin 1994 erstmals in der gerade vom Stroh befreiten Scheune auftrat, war die verfallene Anlage noch ein Sanierungsfall. Zum 30. Jubiläum des Festspielortes lässt es sich Daniel Hope nicht nehmen, zusammen mit Sebastian Knauer und dem Hope-Orchestra zwei besondere Konzerte zu geben (7. Juli). Der Picknickkorb bleibt in diesem Fall besser zu Hause.

Karten und Termine für Schleswig-Holstein Musik Festival: www.shmf.de; für Festival Mecklenburg-Vorpommern: www.festpiele-mv.de


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