17.04.2024

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Mit Weihrauch gegen Bismarck

Vor 150 Jahren hatte der Kulturkampf mit der Gefangenschaft gleich zweier Bischöfe, des Erzbischofs von Gnesen und Posen, Mieczysław Halka Ledóchowski, sowie des Bischofs von Trier, Matthias Eberhard, seinen Höhepunkt erreicht

Bernhard Knapstein
17.03.2024

Dass kulturelle Disharmonie kriegerisch enden kann, ist nicht neu. Die aktuellste Eruption sehen wir in der
Ukraine. Das Vorfeld der russischen Invasion bildet die kulturelle Heterogenität des Landes. Während im Osten und auf der Krim viele Russen leben, ist der Westen schon historisch stark mit Polen und der Habsburgermonarchie verbunden. Der Kampf der Kulturen begann 1991 mit der Unabhängigkeit Kiews und einer moderaten Ukrainisierung des Landes.

Das Sprachgesetz von 2019 räumt dem Ukrainischen den Vorrang derart ein, dass Buchhandlungen mindestens die Hälfte der Produkte in der dominierenden Landessprache anbieten müssen. Und auch Zeitungen müssen zu wenigstens 50 Prozent der Auflage in Ukrainisch erscheinen. Dass die in Donezk, Luhansk und auf der Krim maßgebliche Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) zudem dem stark die Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin stützenden Moskauer Patriarchat untersteht, wurde in der Hauptstadt der Ukraine von Vornherein mit Argwohn betrachtet. Dieser Kulturkampf ist – gefördert durch geopolitische Interessenlagen – zu einem heißen Krieg ausgewachsen.

Dass Kulturkämpfe nicht immer kriegerisch geführt werden, belegt der vor 150 Jahren sich auf dem Höhepunkt befindliche Kulturkampf Preußens gegen den Katholizismus. Als die deutschen Fürsten am 18. Januar 1871 Preußens König im Schloss zu Versailles zum Deutschen Kaiser ausriefen, hatte Otto von Bismarck die von ihm angestrebte deutsche Einigung unter Ausschluss des Habsburgerreichs erfolgreich abgeschlossen. Doch auch wenn angesichts der Schlachtensiege gegen Frankreich im noch nicht abgeschlossenen Deutsch-Französischen Krieg die Begeisterung der Deutschen für die Reichseinigung groß war, konnte sich Bismarck, der Schmied des Reichs, nicht blind auf diese Begeisterung verlassen. Nach dem außenpolitischen Sieg, der noch diplomatisch abzusichern war, musste Bismarck nun auch die Schwachpunkte innerhalb des neu geformten Reichs ins Visier nehmen. Wie verlässlich würden die dänische Minderheit im Norden und die polnische Minderheit im Osten sein? Konnte er sich darauf verlassen, dass die Welfentreuen in der Provinz Hannover zum Reich stehen? Und wie generell mit den Rom-treuen Katholiken umgehen, um das Reich innenpolitisch zu sichern?

Vergleich mit der Ukraine
Die letzte Frage sollte für Bismarck die erste sein, der er sich widmete, nachdem verwaltungsrechtliche Fragen des Reichs im Großen und Ganzen geklärt waren. Einen Anlass bot ihm Papst Pius IX. Das erste vatikanische Konzil, auf dem der Papst seine Unfehlbarkeit in Glaubens- und Sittenfragen für sich reklamierte, war durch den Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges formal nur unterbrochen, faktisch aber beendet worden. Bismarck fiel im neuen Deutschen Reich, wie zuvor schon in Preußen, die schwierige Aufgabe zu, die protestantischen mit den katholischen Regionen zusammenzubringen. Der Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes und die Kirchentreue der deutschen Bischöfe bedeuteten einen innenpolitischen Unsicherheitsfaktor.

Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche tat sich schwer mit der Entwicklung des europäischen Liberalismus, in dem er eine Gefahr für die Positionen der katholischen Kirche sah – was durchaus auch für Bismarck galt. Der päpstliche Syllabus errorum, ein Verzeichnis von 80 Irrlehren vom Dezember 1864, der unter anderem den Sozialismus, den Naturalismus und den Pantheismus als Irrlehren auflistete, hatte allerdings auch das staatliche Recht zur Beschulung seiner Staatsbürger in Punkt 45 als Irrlehre verurteilt. Mit anderen Worten: Der Vatikan betrachtete den Unterricht in der Christenheit als Angelegenheit der Kirche, nicht als eine des Staates.

Der päpstliche Syllabus stieß insbesondere in den eher protestantischen Staaten und im postrevolutionären Frankreich auf Protest, sodass die Bischöfe sich genötigt sahen, den Syllabus einzuordnen und abzuschwächen. Doch auch die Protestanten hatten Positionen, die sich mit der staatlichen Kontrolle rieben, wie sich noch herausstellen sollte.

Politisch band die Zentrumspartei die Katholiken, auch wenn diese sehr unterschiedlichen sozialen Schichten angehörten. Das Zentrum bildete die Klammer zwischen katholischen Arbeitern und Akademikern sowie dem Klerus. Im jungen Reich bildete das Zentrum nach den Nationalliberalen im Reichstag die zweitstärkste Fraktion.

Bei den liberalen wie sozialrevolutionären Kräften musste die Stärke des Zentrums als Problem betrachtet werden, sahen sie in der Loyalität der Katholiken gegenüber dem Vatikan doch ihre sozialpolitischen Bestrebungen gefährdet. Auch Bismarck misstraute dem Zentrum wegen dessen außenpolitischen Forderungen und dessen Verbindung zu politischen Gruppen, welche die Reichsgründung gänzlich ablehnten. Der Reichskanzler argwöhnte, das Zentrum könnte seine Bindungen an den Vatikan am Ende höher bewerten als die Bindung an das Reich. Besonders der Zentrumsführer Ludwig Windthorst zog den Unmut des Reichskanzlers immer wieder auf sich. „Mein Leben erhalten und verschönern zwei Dinge, meine Frau und Windthorst. Die eine ist für die Liebe da, der andere für den Hass“, soll Bismarck den kleinwüchsigen Juristen aus der Provinz Hannover „gewürdigt“ haben.

„Kampf für die Kultur“
Bismarck ergriff sowohl in seiner Funktion als Reichskanzler als auch als preußischer Ministerpräsident Maßnahmen, um den Katholizismus einzudämmen. Bereits 1871 führte er in Preußen den sogenannten Kanzelparagraphen ein, der die staatliche Genehmigung für Predigten und religiöse Schriften vorschrieb. Die sogenannten Maigesetze begrenzten die Unterrichts- und Predigtbefugnis des Klerus. Die katholischen Gemeinden sahen sich nicht nur hierdurch bedrängt. Auch die Besetzung von kirchlichen Ämtern und die Schließung katholischer Schulen bedrängte die Katholiken in Preußen. Bismarck verbot darüber hinaus den Jesuitenorden.

Die Zivilehe auf Reichsebene unterband das Privileg der Kirche in katholischen Ländern, die rechtsgültige Ehe zu stiften. In Preußen löste Bismarck die katholische Abteilung im Kultusministerium auf und ersetzte die geistliche Schulaufsicht durch die staatliche. Bismarck griff im Reichstag zu harter Polemik gegen Sozialisten und Katholiken gleichermaßen, sprach von Reichsfeinden und mit Blick auf das Zentrum von Römlingen. In ihrer Abneigung gegen die Katholiken sahen sich Bismarck und der Führer der liberalen Fortschrittspartei Rudolf Virchow geeint. Es war dann auch Virchow, der vom „Kampf für die Kultur“ sprach und den Begriff prägte.

Zum Höhepunkt des Kulturkampfs 1874 waren rund 1800 katholische Geistliche inhaftiert, darunter neben weiteren rund hundert Polen auch Mieczysław Halka Ledóchowski. Der Erzbischof von Gnesen und Posen hatte sich geweigert, die Kontrolle über die Priesterseminare den preußischen Behörden zu überantworten und die Religionslehrer gegen die Rechtslage aufgefordert, die polnische Unterrichtssprache in den unteren Klassen beizubehalten. Preußen verlangte den Rücktritt des Erzbischofs. Doch der zeigte sich selbstbewusst und teilte Berlin mit, dass kein weltliches Gericht ein ihm von Gott verliehenes Amt entziehen könne. Die Verurteilung des Erzbischofs zu 500 Talern Geldbuße und zu zwei Jahren Gefängnis machten den Geistlichen schließlich zum Märtyrer. Im Mai 1875 erhob Pius IX. den inhaftierten Erzbischof zum Kurienkardinal. Um die Situation in der Erzdiözese nicht weiter aufzuheizen, ließ Bismarck den Kardinal aus der Haft entlassen und aus dem Reich ausweisen. Der Papst beließ den Erzbischof im Amt. Ledóchowski verwaltete das Erzbistum bis 1885 von Rom aus.

In seinen Erinnerungen beschreibt Bismarck eine Begegnung mit Ledóchowski drastisch: „Als ich in den kleinen Salon eintrat, roch ich Weihrauch ... Ich weiß nicht, ob der Exorzismus mir gegolten hat oder der Jesseischen Teufelsfigur, mit welcher die auf dem Kaminsims stehende Uhr verziert war.“ Für Bismarck war gerade die Verknüpfung des polnischen Nationalstolzes mit dem Katholizismus ein zentrales Problem. Die Treue der katholischen Polen zu Preußen sah er auf der Kippe. Doch anders als den Russland-nahen Bezirken der Ukraine fehlte es den preußischen Polen am militärischen Rückhalt aus dem Ausland.

1887 war Schluss
Ledóchowski blieb nicht der einzige hohe Würdenträger, der in Haft geriet. Im Westen zog auch der ultramontan-konservative Trierer Bischof Matthias Eberhard mit seinen gefürchteten Reden von der Kanzel den staatlichen Unmut auf sich. Eberhard wurde am 6. März 1874 verhaftet und zu einer „subsidiarischen Gefängnisstrafe von zwei Jahren und drei Monaten“ verurteilt. Seine vorzeitige Entlassung Ende 1874 beendete nicht die Konflikte. Als Eberhard 1876 starb, waren 250 seiner Pfarrer verurteilt und noch immer 230 der 731 Pfarreien vakant.

Sollte Bismarck gehofft haben, dass sich die Katholiken weiter aufspalten würden, wurde diese Hoffnung ausweislich der Wahlergebnisse für das Zentrum zerschlagen. Seit der Reichstagswahl des Reichsgründungsjahres entwickelte sich der Gesamtstimmenanteil von 18,6 Prozent, über 27,9 Prozent 1874, 24,8 Prozent 1877, 23,1 Prozent 1878 bis 23,2 Prozent 1881. 1878 hatte das Zentrum die Nationalliberalen eingeholt. 1881 war das Zentrum erstmals Wahlsieger. Da sich durch Bismarcks moderne Maßnahmen zur Säkularisierung, zur Stärkung des Staates auf Kosten der Kirche nicht nur Katholiken, sondern auch Lutheraner in ihren Rechten drangsaliert sahen, hielt Bismarck es für opportun umzusteuern. Der Realpolitiker, der auch Zustimmung zu seinen geplanten Sozialistengesetzen benötigte, sah seine Chance zu einer Wiederannäherung gekommen, als Pius IX. 1878 starb und er mit der Kurie unter dem nachgewählten Papst Leo XIII. neu verhandeln konnte.

In den 1880er Jahren erfuhren die Maigesetze durch Novellierungen eine Entschärfung. Retrospektiv lehnte Bismarck seine Verantwortung für die Gesetze ab. Kultus läge ihm fern, er habe die psychologische Reichweite der Gesetze gar nicht durchschauen können. Die Grenze des Entgegenkommens gegenüber den Katholiken seien allerdings die „Herrschaft über die Schule“ und die Gesetze gegen den sogenannten Polonismus gewesen.

Im Sommer 1882 nahm Preußen zum Vatikan wieder diplomatische Beziehungen auf. Doch erst die sogenannten Friedensgesetze von 1886 und 1887 beendeten den Konflikt zwischen Preußen und der Kirche endgültig. Leo XIII. beendete am 23. Mai 1887 öffentlich den Streit mit Preußen und nannte ihn einen „Kampf, welcher die Kirche schädigte und dem Staat nichts nützte“.


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