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Pünktlich zum 150. Geburtstag des Komponisten Maurice Ravel kommt die Filmbiographie „Bolero“ in die Kinos
Die als Biopics bezeichneten Filmbiographien über prominente Personen haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber 08/15-Dramen aus der Drehbuchwerkstatt: Sie garantieren ein Fanpublikum selbst dann, wenn der Film nichts taugt. Zuletzt kamen Musikfans auf ihre Kosten. Für den Film „Better Man“ strömten Anhänger des britischen Popsängers Robbie Williams in die Kinos, für „Maria“ die Opernliebhaber und Verehrer von Maria Callas (die PAZ berichtete) und für „Like A Complete Unknown“ seit dieser Woche die Jünger des US-Folkmusik-Poeten und Literaturnobelpreisträgers Bob Dylan. Und weil die Filme dann durchweg mit Originalmusik berieselt werden, können sich die Produzenten die Kosten für einen teuren Filmkomponisten sparen.
Vom 6. März an werden viele Klassikfreude den Konzert- mit dem Kinosaal tauschen, um den Lebensweg eines Komponisten gleich direkt mitzugehen. Mit „Bolero“ kommt dann ein Film über ein Musikstück in die Kinos, das zu den meistgespielten Orchesterwerken der Welt zählt und das wohl jeder schon einmal gehört hat. Sein Komponist, der am 7. März 1875 im südwestfranzösischen Ciboure geborene Maurice Ravel, hat allein damit den Gipfel des musikalischen Olymp erreicht, obgleich er mit Klavierkonzerten, Orchesterstücken wie „La Valse“ oder der Ballettmusik „Daphnis und Chloé“ weitere Konzertklassiker schuf.
Der Film spart diese Werke nicht aus, wobei natürlich der „Boléro“ im Mittelpunkt steht. Gleich zu Beginn wird darauf verwiesen, dass alle 15 Minuten irgendwo auf der Welt dieses Stück gespielt wird. Geht man von der durchschnittlich 15-minütigen Spieldauer des Werks aus, dürfte es rund um die Uhr im Radio, in Konzerten oder von Jazz-, Rock- und A-cappella-Formationen zu hören sein. Denn das Werk mit seinem ununterbrochen wiederholten Trommelrhythmus und der sich bis zum Crescendo steigernden, nie variierenden Melodie kann auf verschiedene musikalische Arten vorgetragen werden. „Ich habe nur ein Meisterwerk gemacht“, sagte Ravel selbstkritisch über seine Komposition, „das ist der ,Boléro'. Leider enthält er keine Musik.“
Der Film geht der Entstehungsgeschichte des „Boléro“ nach. 1927 bat die damals schon 42-jährige russische Tänzerin Ida Rubinstein in Paris Ravel darum, ihr eine Ballettmusik auf den Leib zu schreiben. Dem Komponisten, der nicht gerade für eine schnelle Arbeitsweise bekannt war, mangelte es zunächst an Inspiration. Erst als er seine Haushälterin nach ihrer Lieblingsmusik fragte, kam ihm, so insinuiert es der Film, die zündende Idee: Der erst drei Jahre zuvor entstandene Gassenhauer „Valencia“ soll ihm die entscheidende Anregung für seinen eigenen Welthit gegeben haben. Doch statt Sonne und Amore hatte Ravel ein Stück im Sinn, dass mit seinen hämmernden Trommelschlägen die industrielle Maschinenwelt abbilden sollte.
Zu Beginn des Films wartet der von Raphaël Personnaz gespielte Ravel in einer Wollfabrik auf Ida Rubinstein, um ihr dort seine Partitur zu präsentieren. Die gleichförmigen Maschinenrhythmen kontrastieren dabei mit dem erotischen Tanzspektakel, mit dem Rubinstein am Ende den „Boléro“ umfunktioniert und von dem sich Ravel kopfschüttelnd abwendet.
Die Erotik, darauf legt dieses Biopic von Regisseurin Anne Fontaine wert, war Ravels Sache offenkundig nicht. Zeitlebens unverheiratet und kinderlos hatte der nur knapp über 1,60 Meter kleine Mann mit der von Doria Tillier gespielten Misia Sert zwar eine Muse, doch über das rein Platonische ging diese Beziehung offenbar nicht hinaus. Um keinen Verdacht aufkeimen zu lassen, Ravel sei schwul gewesen, begleitet ihn die Regisseurin bei Bordellbesuchen, wobei auch hier nur geguckt und kaum gehandelt wird. Wenn er eine Prostituierte einen Handschuh Misias überstreifen lässt, ist das für ihn schon ein ekstatischer Höhepunkt.
Ob, wie häufig spekuliert, die Syphilis der Grund für Ravels geheimnisvolle Erkrankung in seinen letzten zehn Lebensjahren war, lässt der Film offen. Der „Boléro“ war zusammen mit seinen gleichzeitig entstandenen zwei Klavierkonzerten Ravels letztes vollendetes Werk. Danach fällt ihm buchstäblich der Notenstift aus der Hand, und er leidet unter Sprachstörungen. Regisseurin Fontaine zeigt ihn apathisch wie einen Demenzkranken, der allerdings bei klarem Verstand ist, an einem Originalschauplatz: Ravels Haus in einem Ort westlich von Paris.
Genau das ist auch das Problem des Films: Indem er sich steif ans Biographische hält, kommt er über die konventionelle Form eines Biopics nicht hinaus. Man sieht Personnaz als Ravel nach Kräften klavierspielen und dirigieren. Aber ein Film-Boléro, ein filmisches Meisterwerk, ist nicht entstanden. Den Ravel- und „Boléro“-Fans wird es nicht stören. Für sie gibt es das zu sehen und zu hören, was sie von seinem solchen Film erwarten: schöne Bilder und noch schönere Musik.