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Wer mal etwas ganz Besonderes erleben wollte, der zog für den Deutschen Orden gegen die „Heiden“ in die Schlacht
Adel verpflichtet. Das galt auch und gerade im Mittelalter, als man Himmel, Hölle, Fegefeuer und Jüngstes Gericht für unbestreitbare Realitäten hielt und Ehre zu den höchsten Gütern zählte. Doch wie sollte ein Edelmann vor Seinesgleichen brillieren und zugleich ein gottgefälliges Leben führen? Als probates Mittel zum Zweck galten im 13. und 14. Jahrhundert neben den Kreuzzügen ins Heilige Land die sogenannten Preußenfahrten, bei denen es darum ging, den Deutschen Orden im Kampf gegen die „heidnischen“ Prußen und Litauer zu unterstützen.
Der Orden organisierte die Unternehmen, die im Laufe der Zeit zu einem absoluten Modephänomen wurden, genauso professionell wie die heutigen Veranstalter von Pauschalreisen: Er sorgte für Verpflegung, Ausrüstung und Unterkunft der oftmals hochrangigen Gäste, die für alle in Anspruch genommenen Dienstleistungen zahlten und sonst ebenfalls auf eigene Rechnung unterwegs waren. Gleichzeitig ging der größte Teil der Kriegsbeute an den Orden, sodass den Preußenfahrern aus dem Heiligen Römischen Reich, aber auch Frankreich, England und Spanien, tatsächlich nicht viel mehr als der Ruhm sowie der Segen der Kirche als Lohn für ihre beträchtlichen finanziellen Aufwendungen und persönlichen Risiken blieb.
In der Praxis gab es zwei Arten von Preußenfahrten, nämlich die Sommer- und Winterfahrten. Im Sommer stand die Errichtung von befestigten Stützpunkten im Mittelpunkt, während das Zufrieren der Sümpfe und Wasserläufe in der kälteren Jahreszeit schnelle Vorstöße ins Land der „Heiden“ für Plünderung und Brandschatzung ermöglichte. Daher führten milde Winter wie die von 1255/56, 1307/08 und 1324/25 zur Frustration bei den tatendurstigen Adligen, weil der fehlende Frost dafür sorgte, dass sie in den Burgen ausharren mussten. Andererseits war aber auch zu große Kälte hinderlich, da dann „das gemeine Kriegsvolk“ mit seiner eher dürftigen Ausrüstung zu erfrieren drohte.
Im Kampf gegen „Ungläubige“
Eine der ersten Preußenfahrten unternahm 1251 der Markgraf von Brandenburg Johann I., indem er sich an der Niederschlagung der Prußenaufstände beteiligte. 1254/55 wiederum zog der böhmische König Ottokar II. Přemysl gleich zwei Mal ins Samland, um die dortigen Ureinwohner zu unterwerfen, was letztlich auch zur Gründung der Burg und späteren Stadt Königsberg führte. Dem folgte eine dritte Preußenfahrt Ottokars im Jahre 1267.
Ab 1291 nahmen derartige Unternehmen stark zu. Das resultierte aus dem Verlust von Akkon, der letzten großen Bastion der Kreuzritter im Königreich Jerusalem. Angesichts dessen bot es sich an, den Kampf gegen die „Ungläubigen“ an anderen Fronten zu intensivieren – und eine davon lag im Baltikum.
Dabei arteten die Preußenfahrten nicht selten zu ähnlich üblen Gemetzeln aus, wie es sie im Heiligen Land gegeben hatte. So zogen beispielsweise „Kreuzfahrer“ um die Söhne der Grafen von Jülich und Wildenburg 1322 vom Kulmerland weichselabwärts, wobei sie den Ordenschroniken zufolge „ein solches Morden unter der Bevölkerung verübten, dass nicht ein einziger männlichen Geschlechts davonkam“. Abschlachten zum Zeitvertreib und aus Lust auf Abenteuer – viel perverser geht es kaum.
Glaubhafte Berichte besagen, dass sich die auswärtigen Adligen bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf den Burgen des Deutschen Ordens die Klinke in die Hand gaben, bevor dann zwischen 1351 und 1382 noch mehr Preußenfahrten stattfanden.
In diesem Zeitraum fungierte Winrich von Kniprode als 22. Hochmeister des Deutschen Ordens, welcher damals eine Glanzzeit ohnegleichen erlebte. Unter Winrich und dessen ebenfalls sehr befähigtem Ordensmarschall Henning Schindekopf errangen die Christen am 17. Februar 1370 in der Schlacht von Rudau im Samland nördlich von Königsberg einen überragenden Sieg gegen die Truppen des „heidnischen“ Großfürstentums Litauen.
Dabei erwiesen sich die mit ins Feld gezogenen Abenteurer aus dem Westen als nützliche Kämpfer. Das ermunterte dann wohl auch zwei weitere hochadlige Personen, nach Preußen zu kommen. In den einem Falle handelte es sich um den Herzog Albrecht III. von Österreich, der 1377 gegen die Litauer und Samogiten Krieg führte, und im anderen Fall um den damaligen Earl of Derby und späteren König Heinrich IV. von England, dessen Teilnahme am Litauer-Kreuzzug von 1390 ebenfalls historisch bezeugt ist.
Türken als die größte Gefahr
Dann allerdings kam es am 25. September 1396 mehr als 2.000 Kilometer von der Ostseeküste entfernt zu einem Ereignis, welches letztlich das Ende der Preußenfahrten einläuten sollte: Beim Aufeinandertreffen eines großen Kreuzfahrerheeres, zu dem auch Kontingente des Deutschen Ordens gehörten, und der 100.000-Mann-Streitmacht des osmanischen Sultans und Brudermörders Bayezid I. vor den Toren der nordbulgarischen Stadt Nikopolis erlitten die vereinten Truppen des Westens eine vernichtende Niederlage.
Daraufhin galten nun die Osmanen und nicht mehr die „heidnischen“ Balten als die größte Gefahr für das christliche Abendland. Daher fanden nachfolgend nur noch wenige Preußenfahrten statt, bis dann 1413 endgültig Schluss mit dem anderthalb Jahrhunderte lang so intensiv gepflegten Adelsbrauch war.