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Auf seiner Anti-Auto-Protest-Tour kam der in Berlin gestartete „Eiserne Gustav“ auch in Boppard vorbei – Viel zu holen war hier nicht
Inmitten einer Landschaft mit UNESCO-Welterbe-Status, dem Oberen Mittelrheintal, liegt Boppard. Hier in der Rheinallee wirbt das Vier-Sterne-Hotel „Bellevue“ mit der „Eleganz der Belle Époque“. In diesem feudalen Hotel hat schon der ein oder andere Prominente und Politiker residiert. Historische Möbel prunken auf schweren Teppichen in den Etagenfluren, der Eingang zur Gartenterrasse ist eisenumrankt. Geranien schmoren in großen Blumenkästen in der prallen Sonne. Das ist Rheinromantik pur. Der Aufenthalt in diesem Traditionshotel gleicht einer entrückten Reise in die Vergangenheit.
Die schmale Fußgängerzone in der Innenstadt hat jedoch schon bessere Zeiten gesehen. „Bin bis Sonntag im Urlaub! Komme vielleicht zurück!?“, vermeldet der Besitzer eines Kitschladens. Ein paar Häuser weiter stöbern Touristinnen in billiger Ramschware aus China. Die Kleiderstangen mit dem Modepotpourri des Grauens reichen aus, um zu wissen, dass das Portemonnaie an dieser Stelle definitiv zu bleibt.
Da bleibt man lieber eisern, ebenso wie der gleichgesinnte Gustav Hartmann, der im April 1928 mit seiner Droschke von Berlin nach Paris auf große Fahrt ging, um gegen den Niedergang des Berliner Droschkengewerbes wegen der steigenden Zahl der Automobile aufmerksam zu machen. Der Eiserne Gustav machte im Hotel Bellevue Rast und posierte dann – mit einem Blumenstrauß bewaffnet und dem stolzen Hoteldirektor an seiner Seite – für die Fotokameras. Ein Held, der sich nicht unterkriegen ließ. Und der Rhein floss weiter, immer weiter. Was er schon alles im Laufe der Jahre gesehen hat, bleibt sein Geheimnis.
Schon die Kelten siedelten nachweislich in dem von ihnen getauften „Baudobriga“. Julius Cäsar sorgte schließlich durch seine Eroberungsfeldzüge in Germanien dafür, dass auch diese Region in den Einzugsbereich Roms gelangte. So bauten die Römer zirka in der Mitte des 4. Jahrhunderts ihr mächtiges „Bodobrica“, ein 308 mal 154 Meter umfassendes Kastell, dessen Reste heute noch zu besichtigen sind. Aus Bodobrica wurde Boppard. Auch das Mittelalter hat Spuren hinterlassen, wie zum Beispiel das östliche Binger Tor in einer der ältesten Gassen der Stadt, der Binger Gasse.
Zeitsprung in das 18. Jahrhundert. Die Binger Gasse mündet in den „Balz“, einen dreieckigen Platz. Hier wohnte die Familie Thonet, die noch nicht ahnte, dass sie einmal der Ursprung einer Weltfirma werden würde. Es war Michael Thonet, der mit dem Wiener Caféhausstuhl Weltruhm erlangen sollte. Er war rechtzeitig in die weite Welt hinausgezogen, weil er in Boppard „immer ein armer Mann geblieben“ wäre, so der Ausspruch des Fürsten von Metternich zu Thonet im Jahr 1841.
Wie so oft, hat auch der Nationalsozialismus bittere Spuren hinterlassen. So findet man in der Mainzer Straße 17 stadtauswärts, die mit gediegenen Villen gepflastert ist, das Geburtshaus der Widerstandskämpferin Maria Terwiel, die am 7. Juni 1910 in Boppard geboren wurde und die man am 5. August 1943 in Plötzensee hinrichtete. Ein Gedenkstein am Haus erinnert heute an die junge Frau, die Mitglied der „Roten Kapelle“ war.
Weine, Weine, Weine!
Zurück in das Hier und Jetzt. Ein glückloses Musikduo, bestehend aus einem talentfreien Panflötenspieler sowie einem ebensolchen Kontrabassspieler, versucht sich für ein paar Münzen an irren Freestyle-Jazzversionen von bekannten Rührstücken. Gheorge Zamfir würde sich im Grabe herumdrehen.
Da ergreift man lieber ungerührt und stante pede die Flucht, zum Beispiel in das nächste Weinlokal in der Rheinallee, wo man sich ganz vorzüglich mit den hervorragenden Weinen der Steillage des Bopparder Hamm, einer weit ausladenden Rheinschleife, trösten kann.
Nicht-Wein-Kenner können sich dort eine kleine Weinprobe, bestehend aus drei mal 0,1 Liter, bestellen, und dann entscheiden, ob der Bopparder Wein und sie ewige Freunde werden. Dabei ist Vorsicht angeraten: „Als der Wirt mich heimgebracht, wankten mir die Beine. Hatt' durchprobt die ganze Nacht: Weine, Weine, Weine!“, dichtete einst Josef Wiener-Braunsberg (1866–1928). 1922 verarbeitete er in einem seiner Versbücher sein ganz persönliches Weinprobendesaster in der Rüdesheimer Drosselgasse.
Am nächsten Morgen ist die Weinprobe Geschichte. Die Sonne geht auf und man wähnt sich inmitten einer großartigen Landschaft. Und so geht es zunächst mit der 1908 eröffneten Hunsrückbahn aus der Stadt hinaus in Richtung Emmelshausen. Fast 25 Minuten schnauft das Bähnchen wacker durch den Winterwald, überwindet dabei einen Höhenunterschied von 330 Metern und überquert dabei auch zwei Viadukte. Dann steht natürlich die obligatorische Schiffstour auf dem Rhein an, zum Beispiel bis zur Loreley und zurück. Gemächlich zieht die Landschaft und die ein oder andere grandiose Burg an einem vorbei, bis man den Ort der legendären Tragödie um die schöne Loreley erreicht hat.
Und wieder hat Wiener-Braunsberg einen wohlgemeinten Rat, den er in seinem Gedicht namens „Die bedrängte Loreley (eine Rheinballade)“ kundtat: „Drum, Ihr Nixchen ohne Zahl, merkt daraus Euch die Moral: kämmt euch nur im Kämmerlein, doch nicht nackt und nicht am Rhein!“ Im Wintermantel bekleidet erreicht der Besucher schließlich wieder Boppard und trollt sich in Richtung Innenstadt mit ihren kleinen Fachwerkhäusern, dem schmucken Marktplatz und der St.-Severus-Kirche, die zu den hervorragendsten Bauten der Spätromanik am Mittelrhein zählt. Das gilt auch für die ehemalige Klosterkirche der Karmeliter „Unserer Lieben Frau“, die 1262 gegründete drittälteste deutsche Ordensniederlassung nach Köln und Würzburg.
Tempus fugit, doch nicht an diesem Ort, so datiert zum Beispiel das Chorgestühl aus dem Jahr 1460. Steht man davor, kommt man sich sehr klein vor, was vielleicht nicht ganz ohne Absicht der Erbauer war. Also sucht man erneut Trost bei einem Glas Wein. Die winterliche Sonne lässt das Glas mit seinem kostbaren Inhalt funkeln, während der Panflötenspieler und sein Freund müde vorbeiziehen und sich auf der Gartenterrasse des Bellevues aufbauen. Drei! Vier! Musike! Bis so manch einer sein Portemonnaie öffnet, man aber nicht genau weiß, ob nun aus Großherzigkeit oder damit sie endlich aufhören zu spielen.
Auch Wiener-Braunsberg beklagte sich damals, wenn auch auf hohem Niveau. Sein Luxus-Problem waren die hohen Weinpreise: „Heute, heil'ger Dionys, du der Zecher Schutzherr, kriegt man selbst für massig Kies nur noch Rachenputzer.“ Rachenputzer in Boppard? Undenkbar! Exzellente Weine sowie grandiose Natur und der Mythos Rhein sind bis heute die ultimative Visitenkarte dieser Gegend!