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Auch in der Woiwodschaft Lebus ist die deutsche Regionalgeschichte aktuell sehr en vogue
Rechtzeitig zum Frühlingsbeginn bieten Bibliotheken der Woiwodschaft Lebus [województwo lubuskie] – also in Ostbrandenburg und nördlichen Teilen Niederschlesiens – Workshops, Autorentreffen oder Diskussionen an, die an das deutsche Erbe anknüpfen.
So feiert Landsberg an der Warthe [Gorzów Wielkopolski] Christa Wolf. Die 2011 verstorbene Schriftstellerin kam am 18. März 1929 in Landsberg zur Welt. Die Tochter der Kaufleute Otto und Herta Ihlenfeld lebte 16 Jahre lang in Landsberg und ging dort bis kurz vor Kriegsende zur Schule. Nach der Flucht vor der Roten Armee fand die Familie 1945 in Mecklenburg eine neue Heimat. Von 1949 bis 1953 studierte sie Germanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Leipzig. 1951 heiratete sie ihren Studienfreund sowie späteren Schriftsteller und Verleger Gerhard Wolf, mit dem sie bis zu ihrem Tod zusammenblieb.
Christa Wolfs Erfahrungen aus ihrer Landsberger Zeit gaben ihr, wie Herausgeberin Angela Drescher in „Christa Wolf: Auskunft“ schreibt, „einen elementaren Antrieb für ihren weiteren Werdegang als Schriftstellerin“. Im Rahmen der Geburtstagsveranstaltungen organisierte die Landsberger Herbert-Bibliothek in der Villa Lehmann gleich mehrere Begegnungen. Darunter wurde die Erzählung „Was bleibt“ vorgestellt. Unter dem Motto: „Zurück in die Vergangenheit. Christa Wolf und ihr Koffer voller Erinnerungen“ sprach Małgorzata Czabańska-Rosada über Wolfs Leben in Landsberg und ihr späteres Schicksal als von der Stasi beobachtete und drangsalierte Schriftstellerin. Auch ein Floristikkurs unter dem Namen „Ein Blumenstrauß für Christa“ erinnert an die deutsche Schriftstellerin.
Die Heimatstadt Christa Wolfs bietet ebenso Geschichtsvorträge zur besseren Einordnung ihrer literarischen Werke und des deutschen Erbes generell an. „Die vergessene Provinz Neumark und das Lebuser Land – gemeinsame Wurzeln“, ist eines der Themen, die sich mit dem östlich der Oder gelegenen Landstrich befassen. Diese historische Landschaft bildete von 1535 bis 1815 neben der Kurmark einen der beiden Landesteile der Mark Brandenburg. Sie gehörte anschließend bis 1945 zur preußischen Provinz Brandenburg.
„Groß Damme [Dąbrówka] – Neu Bentschen [Zbąszynek] oder das deutsch-polnische Fußballspiel. Einige Worte zu Grenzidentität“ heißt ein Vortrag von Katarzyna Zielińska in der Villa Lehmann in Landsberg, das historische Rivalitäten entlang der einstigen deutsch-polnischen Grenze der Zwischenkriegszeit aufgreift und damit das weitere Hinterland ins Spiel bringt. Allein schon der Sitz der Herbert-Bibliothek, die Lehmann'sche Villa, das Jugendstilgebäude aus dem frühen
20. Jahrhundert in der einstigen Küstriner Straße [ul. Wladyslawa Sikorskiego 107], erzählt ein Stück deutscher Geschichte der Stadt. Es war das Wohnhaus der Industriellen Hans und Liesbeth Lehmann. Dort kann man die originale Ausstattung bewundern: einen floralen Kamin, einen Kachelofen, einen Tresor, einen Kronleuchter, ein prächtiges Glasfenster an der Ostfassade und Holzschnitzereien.
Die Stadtbibliothek im 160 Kilometer entfernten Sagan [Żagań] auf der bereits schlesischen Seite der Woiwodschaft widmet sich neuer polnischer Literatur, die das deutsche Erbe erzählt. So wird eine Lesung mit der Autorin Paulina Pudło organisiert, die einen im 19. Jahrhundert spielenden Gruselroman verfasste. Sie beschreibt darin, wie ein junger Pfarrer, Erich von Reuss, ins Dorf Kay [Kije] kommt. Kay liegt in der Gemeinde Züllichau [Sulechów]. Bald stellt sich heraus, dass seine neue Arbeitsstelle nur auf den ersten Blick ein ruhiger Ort am Waldrand ist. Denn er birgt dunkle Geheimnisse. Als ein Mord ans Licht kommt und eine schöne Fremde das Pfarrhaus heimsucht, beschließt von Reuss dem Rätsel nachzugehen. Unterstützt von einem Freimaurer und einer exzentrischen Gräfin muss er entscheiden, ob er seine große Liebe oder seine Seele opfert. Pudło ist Archivarin und Antiquitätensammlerin. Sie absolvierte die Universitäten Lodsch [Łódź] und Krakau im Fach Literatur, Theater und audiovisuelle Künste. Vor allem junge Leser wollen die Geschichten ihrer Heimatorte lesen, denn Regionalismus sei en vogue, so die Autorin. Darauf setzen wohl auch die Bibliotheken.