26.03.2026

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Geburtsstunde des Festnetzes

Schmutziger Wettlauf ums Telefonpatent

Alexander Graham Bells Anspruch auf die Erfindung des Fernsprechers ist nicht unumstritten – Nicht nur der Erfolg hat viele Väter

Manuel Ruoff
26.03.2026

Die AT&T Inc. gehört mit 163 Milliarden US-Dollar Umsatz und 17,3 Milliarden Dollar Gewinn (Stand 2021) sowie 140.990 Mitarbeitern (Stand 2024) zu den Großen in der Telekommunikationsbranche. Und dabei waren die Zeiten der ehemaligen American Telephone and Telegraph Company früher sogar noch besser. Lange Zeit hatte AT&T eine Monopolstellung in Nordamerika und war sowohl die größte Telefongesellschaft als auch der größte Kabelfernsehbetreiber der Welt.

„Ma Bell“ wird das Unternehmen auch genannt, denn Alexander Graham Bell war neben zwei Financiers, seinem Schwiegervater Gardiner Greene Hubbard, einem Prominentenanwalt und Unternehmer, sowie Thomas S. Sanders, ebenfalls Unternehmer, der maßgebliche dritte Gründer der Bell Telephone Company, des Vorgängerunternehmens von AT&T. Dass AT&T diese Bedeutung erlangt hat, lag maßgeblich daran, dass Bell den Wettlauf um die Patentierung des Telefons gewann.

Am 14. Februar 1876 beantragte Bell beim US-amerikanischen Patentamt die Patentierung des Telefons. Er kam damit dem US-amerikanischen Lehrer, Erfinder und Unternehmer Elisha Gray nur um zwei Stunden zuvor. Am 7. März wurde ihm das US-Patent 174.465 zugesprochen. Mit dessen ökonomischer Ausnutzung war das Geschäftsmodell geschaffen für die im darauffolgenden Jahr gegründete Bell Telephone Company.

Ein Selbstgänger war diese Erfolgsstory nicht. Bell konnte froh sein, dass er einer wohlhabenden Familie entstammte und mit seinem Schwiegervater kompetenten Juristen in der Verwandtschaft hatte, der ihm half, aus Hunderten Rechtsstreitigkeiten als Sieger hervorzugehen. Denn unumstritten war sein Anspruch, Erfinder des Telefons zu sein, nicht.

Das fängt schon damit an, dass er bei seinem Patentantrag keinen funktionierenden Prototypen vorwies. Böse Zungen behaupten, dass Bells Erfindung noch gar nicht fertig, noch gar nicht patentreif gewesen sei. Seinen Patentantrag habe er nur deshalb gestellt, um Grays Antrag zuvorzukommen, von dem er rechtzeitig Wind bekommen habe.

Ein funktionierendes Telefon präsentierte Bell erst später. Drei Tage nachdem ihm das Patent erteilt worden war, am 10. März, kam es mit diesem Gerät zu einem legendären Telefonat, dem möglicherweise ersten. Bell rief seinen Mitarbeiter Thomas Watson in einem Nebenraum an uns sagte die berühmten Worte: „Herr Watson, kommen Sie her, ich möchte sie sehen.“ „Zu meiner Freude kam er und erklärte, er habe gehört und verstanden, was ich gesagt hatte“, beschrieb Bell später Watsons Reaktion.

Am Ende ging es um zwei Stunden

Allerdings basierte dieses Gerät, insbesondere dessen Mikrofon, maßgeblich auf Entdeckungen und Entwicklungen, die Gray in seinem Patentantrag beschrieben hatte. Wie Bell an diese Informationen herangekommen ist, ist unklar. Im Verdacht steht das Patentamt. Ein Beamter der Behörde bezichtigte sich sogar selbst der Bestechlichkeit. Aber nicht jeder wollte ihm Glauben schenken.

Neben Gray fühlte sich auch Antoni Meucci betrogen und prozessierte gegen Bell. Der „Spiegel“ bezeichnete diesen 2012 in einem Namensbeitrag sogar als „vermutlich echten Erfinder“ des Telefons. Der in die USA ausgewanderte Florentiner war verheiratet mit einer Frau, deren Rheuma es ihr schließlich unmöglich machte, das Schlafzimmer zu verlassen. Für sie entwickelte der Erfinder eine Fernsprechverbindung zu seiner Kellerwerkstatt. Das war Mitte der 1850er Jahre.

Dann trafen ihn zwei Schicksalsschläge. 1860 verlor er durch Spekulationen sein Vermögen und 1866 machte ihn die Explosion eines Dampfkessels ein Vierteljahr lang arbeitsunfähig. Nach seinem Vermögen verlor er so auch noch seinen Job. Entscheidend war, dass er das Geld für eine endgültige Patenterteilung im entscheidenden Moment nicht aufbringen konnte und dass er auf der Suche nach Investoren Western Union Pläne, Patententwürfe und Prototypen zur Begutachtung aushändigte.

Western Union arbeitete jedoch selbst an der Entwicklung des Telefons, und als der Italoamerikaner das ausgehändigte Material zurückhaben wollte, war es angeblich nicht mehr aufzufinden. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Meucci wollte das nicht widerstandslos hinnehmen, aber für eine adäquate juristische Vertretung seiner Rechte vor Gericht standen ihm im Gegensatz zu Bell weder ein Promianwalt in der Familie noch die nötigen finanziellen Ressourcen und Reserven zur Verfügung. Verarmt starb der Einwanderer aus Südeuropa 1889 in New York.

Grundsätzliches deutsches Defizit

Bei der Behandlung der Väter des Telefons darf ein Deutscher nicht fehlen: Johann Philipp Reis. In seinen Erinnerungen schreibt der Physiker und Erfinder aus Hessen plastisch: „Durch meinen Physikunterricht dazu veranlasst, griff ich im Jahre 1860 eine schon früher begonnene Arbeit über die Gehörwerkzeuge wieder auf und hatte bald die Freude, meine Mühen durch Erfolg belohnt zu sehen, indem es mir gelang, einen Apparat zu erfinden, durch welchen es möglich wird, die Funktionen der Gehörwerkzeuge klar und anschaulich zu machen; mit welchem man aber auch Töne aller Art durch den galvanischen Strom in beliebiger Entfernung reproducieren kann. – Ich nannte das Instrument Telephon.“

In der Person des deutschen Lehrers zeigt sich symptomatisch ein Defizit, das die Deutschen über Generationen viel Wohlstand kostete. Im Land der Dichter und Denker findet teils bahnbrechende Grundlagenforschung statt, aber die wirtschaftliche Ausnutzung wird allzu oft dem Ausland überlassen.

1874, zwei Jahre vor der Patentierung des Telefons, starb der deutsche Erfinder des Kontaktmikrofons. Bereits dem Tode nahe schrieb er resümierend: „Ich habe der Welt eine große Erfindung geschenkt. Anderen muss ich nun überlassen, sie weiterzuführen.“ Das Geschenk fand von Reis' Heimat aus seinen Weg über den Großen Teich ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und erst von dort aus begann es seinen Siegeszug um die Welt.


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