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Der Volkstrauertag ist in Polen ein Alleinstellungsmerkmal der Deutschen
Der deutsche Volkstrauertag steht seit einigen Jahren wieder im Veranstaltungskalender der Verbände der deutschen Minderheit in Oberschlesien. Dieser Gedenktag, der ursprünglich 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eingeführt wurde, dient dem Erinnern an Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Für die deutsche Volksgruppe in Polen ist er jedoch auch ein Ausdruck kultureller Kontinuität, vor allem aber der Pflege von deutschen Friedhöfen und Gedenkstätten. Einen vergleichbaren Gedenktag kennen die Polen nicht, denn ihr Gedenken ist eher auf Heldentage fokussiert.
So organisiert der Dachverband der Deutschen Sozialkulturellen Gesellschaften auch dieses Jahr am 16. November in Oppeln-Königlich Neudorf [Opole-Nowa Wieś Królewska] eine Zentralveranstaltung mit einem ökumenischen Gedenkgottesdienst und Kranzniederlegungen am dortigen Kriegsopferdenkmal. Doch auch lokale Verbände, die Deutschen Freundschaftskreise (DFK), organisieren zunehmend eigene Gedenkveranstaltungen. Neben Zülz [Biała Prudnicka] ist dieser Tag beispielsweise für die Deutschen in Groß Borek [Borki Wielkie] und Bronietz [Broniec] in der Gemeinde Rosenberg [Olesno] Anlass, an Kriegsopfer zu erinnern. Sie tun dies seit Jahren mit musikalischer Begleitung durch die Blasmusikkapelle Groß Borek.
Stollarzowitz und Friedrichswille [Kolonia Biskupska], beide gehören ebenfalls zum Landkreis Rosenberg, organisieren Gedenkfeiern. Die Stollarzowitzer gedenken dieses Jahr bereits am Vorabend mit einem Konzert. Schüler der Staatlichen Chopin-Musikschule aus Beuthen [Bytom] spielen am 15. November um 16 Uhr für den Frieden, der, so die Veranstalter, „mehr als die Abwesenheit von Krieg ist und den feierlichen Abschluss des 80. Jahrestages der Tragödie der Deutschen im Osten bildet“.
Macht die Augen auf
An die Tragödie, die Kriege auslösen, will der Geistliche, Krystian Burczek, besonders in der heutigen Zeit erinnern. „,Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens.' Das sagte bereits Albert Schweitzer, der Friedensnobelpreisträger.“ So fasst es der Theologe aus Himmelwitz [Jemielnica] zusammen. Burczek wurde 1994 vom aus Liegnitz stammenden Bischof Bernhard Huhn in den kleinen deutschen Teil Schlesiens gerufen, um die in der Diaspora lebenden Katholiken zu unterstützen. Sein Leitspruch lautet: „Es gilt ein Leben lang zu arbeiten, zu kämpfen und neu zu beginnen; nicht nur mit anderen Geduld haben, sondern auch mit sich selbst.“ Geduld muss er indes als Gefängnisseelsorger oft beweisen, Fleiß ist ihm zum Glück als Oberschlesier in die Wiege gelegt worden. Er kümmert sich nämlich im Alleingang um Soldatengräber im Schlosspark einer Caritaseinrichtung in der Niederschlesischen Oberlausitz. „Sonst würde es niemand tun“, sagt er. Der Himmelwitzer ist Vorsitzender des West-Ost-Forums, Schlesisches Priesterwerk e.V. Münster. Was sich zurzeit in der Politik abspielt, sei für den Geistlichen nicht akzeptabel. „Als ich noch ein kleiner Messdiener in Himmelwitz war, ich war etwa sieben, gingen wir an den Bitttagen in einer Prozession zum Franzosenfriedhof“, erinnert er sich.
Bitttage sind besondere Gebetstage, die zum Beispiel der Fürbitte in der Not oder für die Ernte dienen. Damals stellte sich der heute 60-Jährige die Frage, wie die Franzosen so weit bis Oberschlesien kamen. „Später habe ich erfahren, dass Bonaparte auf diesem Weg nach Moskau zog. Viele Franzosen sind damals verwundet bei Himmelwitz gestorben und wurden dort beigesetzt. Es muss Menschen geben, die diese Erinnerung an die Soldatenopfer wachhalten. Jemand muss sagen: ‚Macht die Augen auf! Geht nicht über Leichen ans Ziel!' Wir brauchen humane Überlegungen für diese Welt“, sagt er. Und weil Soldatengräber, so der Geistliche, mahnen sollen, rettet er Soldatengräber vor dem Vergessen. Sein bereits verstorbener Vater und sein Bruder unterstützten ihn aus der Heimat.
„Sie hatten Grabumrandungen aus Eichenholz gemacht. Grabsteine wurden bei einem Steinmetz im Nachbarort von Himmelwitz hergestellt.“ So ist „sein“ Soldatenfriedhof auch eine Art Verbindung mit der Heimat. Am Volkstrauertag hält er dort eine Andacht und erinnert, dass, „jeder Soldat am Ende nur getrieben von der ganzen Kriegsmaschine ist.“
Diese Symbolik strahlt auch die Kriegsgräberstätte im oberschlesischen Laurahütte [Siemianowice Śląskie] aus. Sie ist einer der größten deutschen Soldatenfriedhöfe in Polen. Entstanden in den 90er Jahren im Rahmen des Deutsch-Polnischen-Nachbarschaftsvertrags wurde er dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zu Verfügung gestellt, damit dort deutsche Soldaten zum Beispiel aus Kattowitz, Krakau oder Lodsch [Łódź] umgebettet werden konnten. 1998 wurde der Soldatenfriedhof dann der Öffentlichkeit übergeben. 40.000 Gräber finden dort einen Platz. Bis 2018 fanden in Laurahütte 33.283 Deutsche ihre letzte Ruhestätte.