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Der Förderverein Berliner Schloss war manchen im Humboldt-Forum stets ein Dorn im Auge – jetzt erfolgte der Rauswurf
Seit Mitte April sorgt ein Pfeil am Nordgiebel des Berliner Schlosses für Verwunderung. Es sieht aus, als habe jemand versucht, das im Schloss beheimatete Kulturzentrum Humboldt-Forum abzuschießen. Tatsächlich handelt es sich bei dem vier Meter langen bronzenen Pfeil, der am modernistischen Teil des an der Spree gelegenen Ostflügels angebracht ist, um sogenannte Kunst am Bau.
Was der Sinn sein soll, erschließt sich Außenstehenden nicht. Eine Erklärung des Berliner Künstlers Jürgen Mayer H. hilft hier weiter. Er sei inspiriert durch einen 1822 in Norddeutschland gelandeten Storch, der von einem afrikanischen Pfeil durchbohrt war. Dieser „Pfeilstorch“ gelte als Beginn der Migrationsforschung von Zugvögeln zwischen den Kontinenten. Der nun nach Süden gerichtete Pfeil kehre die gewohnte Sichtweise auf die Welt um und symbolisiere historische wie gegenwärtige Konflikte zwischen dem Globalen Norden und Süden. Zugleich sei dieser Pfeil ein kritischer Kommentar zur Architektur des Humboldt-Forums und zu den mit ihr verbundenen Debatten um Kolonialgeschichte, Restitution und Repräsentation. Als sichtbare „Wunde“ solle er an die kontroversen Auseinandersetzungen erinnern, die den Bau des Hauses begleitet haben.
Schon sind wir mittendrin in der so typischen Selbstzerfleischung der Deutschen, wenn es um die eigene Vergangenheit geht. Die Nachfahren der nach Europa migrierten „Wilden“, die man während der deutschen Kolonialzeit in Afrika angeblich ausgeplündert, verfolgt und getötet haben soll, schießen nun zurück. Und zwar nicht irgendwohin, sondern auf das Herz in der historischen Mitte Berlins, um das seit der erfolgreichen Transplantation so vehement gestritten wird: den Wiederaufbau des Schlosses mit seinen – abgesehen von der schmucklosen „Ostfront“ – drei von vier historischen Fassaden.
Vielen war und bleibt dieser mit großer Mehrheit des Bundestages im Jahr 2002 beschlossene Wiederaufbau ein Dorn – oder sollen wir sagen „Pfeil“? – im Auge. Die Rekonstruktion eines Prunkbaus der preußischen Herrscher sei eine Glorifizierung von Militarismus und absolutistischem Machtgebaren. Diese Kritik kommt nicht nur von jenen Zeitgenossen, die Erich Honeckers abgerissenem Palast der Republik nachtrauern, an dessen originaler Stelle dann das Schloss neu errichtet und 2022 vollständig eröffnet wurde. Nein, die Gegner sitzen im Schloss selbst.
„Wir sind lästig geworden“
Davon ist Wilhelm v. Boddien fest überzeugt. Dem Hamburger Unternehmer ist es zu verdanken, dass es das Schloss überhaupt gibt. Bereits 1992 gründete er den Förderverein Berliner Schloss mit dem damals noch utopischen Ziel eines Wiederaufbaus der barocken Residenz der Hohenzollernkönige. Denn damals stand dort noch „Erichs Lampenladen“, wie die Berliner den protzigen, aber asbestverseuchten Palast der Republik nannten. Von Boddien kam seinem Ziel näher, nachdem der Bund eine Finanzierung zugesichert hatte unter der Bedingung, dass der Förderverein Spendengelder für mögliche Mehrkosten und Verzierungen an den Außenfassaden eintreiben würde.
Und v. Boddien lieferte. Über 100 Millionen Euro sammelte sein Verein an Spendengeldern ein. Doch trotz dieser gewaltigen Leistung gab es immer wieder Spannungen mit den progressiven Schlossherren, vor allem deshalb, weil sich unter den Großspendern auch solche aus dem konservativen Milieu befanden. So begann eine allmähliche Entfremdung, die nun zu dem führte, was v. Boddien als „Rauswurf“ seines Vereins aus dem Schloss bezeichnet (siehe PAZ vom
24. April). „Wir sind lästig geworden“, sagt er.
Seit 2021 war der Förderverein im Humboldt-Forum als Untermieter der städtischen Marketingagentur visitBerlin, die am Schlüterhof des Schlosses eine Touristeninformation betreibt, mit einem Info-Stand vertreten. Der Förderverein nutzte den mit der Stiftung Humboldt-Forum geschlossenen und zunächst auf drei Jahre befristeten Vertrag, um auch vor Ort Spendengelder für die noch abzuschließenden Teilrekonstruktionen der Fassaden einzuwerben.
Der mietfreie Vertrag wurde dann noch einmal bis Ende 2025 verlängert. Dabei habe man dem Förderverein mitgeteilt, dass nach dem Abschluss der Baumaßnahme keine weitere Verlängerung erfolgen werde. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“, kritisiert v. Boddien die Schlossleitung und fragt: „Wie kann man Bürger, die 100 Millionen Euro gespendet haben, so vor den Kopf stoßen?“
Von Boddien ist aber eine Kämpfernatur. Sein Förderverein hat sich mit einem offenen Brief an Kulturstaatsminister Wolfram Weimer gewandt, der sich für die Rekonstruktion des vom Barockarchitekten Andreas Schlüter entworfenen Großen Treppenhauses einsetzen möge, die wie Teile des Schlosses im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Im Brief an Weimer heißt es: „Sie haben wiederholt die Bedeutung der Rekonstruktion des Schlossbaus für Berlin und Deutschland herausgestellt, sich als ,Fan der ersten Stunde' bezeichnet. Bitte lassen Sie nicht zu, dass das Geschenk des historischen Treppenhauses, das der Förderverein anbietet, aus fragwürdigen Gründen abgelehnt wird.“
In den nächsten fünf Jahren will der Bürgerverein für die Treppe bis zu 18 Millionen Euro an Spenden sammeln. Gelingt das, dann könnte das Projekt im Jahr 2035 abgeschlossen sein, und Besucher des Humboldt-Forums könnten dann wie einst die preußischen Herrscher die Treppe benutzen. Es wäre wenigstens ein Versuch, den ansonsten völlig schmucklosen und eben nicht rekonstruierten Innenräumen des Berliner Schlosses ein wenig feudalen Glanz entgegenzusetzen.
Doch eventuell hat v. Boddien hier die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn die Schlossleitung lässt wissen, dass die Rekonstruktions- und Bauarbeiten gemäß dem Entwurf des Architekten Franco Stella, die der Förderverein Berliner Schloss durch seine Spendenakquise unterstützt und ermöglicht hat, vollständig abgeschlossen seien. Mit der Aufstellung von 19 Balustradenfiguren wurde im Sommer 2025 die letzte vom Förderverein finanzierte Rekonstruktionsmaßnahme umgesetzt. Der Stiftungsrat der Stiftung Humboldt-Forum, der sich aus Vertretern des Bundes, des Landes und der beteiligten Institutionen zusammensetzt, hatte diese 2023 als letzte Maßnahme beschlossen.
Seit also die Rekonstruktionen der Schlossfassaden abgeschlossen sind, bestehe demnach kein Anlass mehr, dass der Förderverein im Humboldt-Forum über neue Vereinstätigkeiten informiert, die das Humboldt-Forum nicht betreffen, oder Spenden für weitergehende Ausbau- und Rekonstruktionsmaßnahmen sammelt, die weder beschlossen noch beabsichtigt seien.
Hartmut Dorgerloh, der Generalintendant des Humboldt-Forums, lässt dazu wissen: „Für diesen erfolgreichen Abschluss sind wir den Spenderinnen und Spendern, dem Förderverein und Wilhelm von Boddien sehr zu Dank verpflichtet. Die Arbeit des Fördervereins und die Unterstützung zahlreicher Spender*innen waren entscheidend dafür, dass das Gebäude in seiner heutigen Form realisiert werden konnte. Ihre zentrale Rolle wurde mehrfach öffentlich gewürdigt – unter anderem 2020 zur Eröffnung des Humboldt-Forums und erneut im Sommer 2025 bei einem Kolloquium zur Baufertigstellung.“
Schlossgegner wird zum Schlossherrn
Dass der Schlossherr so zeitgemäß mit Sternchen gendert, zeigt, wes Geistes Kind er ist. Bevor der Kunsthistoriker 2018 Chef des Hauses wurde, hatte er sich als damaliger Generalintendant der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg offen gegen den Wiederaufbau des Schlosses ausgesprochen. Die damalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) machte dann den Schlossgegner zum Schlossherrn.
„Die handelnden Personen identifizieren sich nicht mit dem Schloss, sondern mit dem Palast der Republik“, glaubt v. Boddien, „sie wollen ihr eigenes Süppchen kochen.“ Als Beweis führt er eine ganze Ausstellungsreihe um „Erichs Lampenladen“ an, die bis Anfang vergangenen Jahres im Humboldt-Forum zu sehen war (die PAZ berichtete). Statt die Historie des Schlosses zu würdigen, huldigte man in offener Ostalgie einem relativ kurzlebigen DDR-Bau. Dass auch andere Ausstellungen von einem „woken“ Geist durchsetzt sind, zeigt die aktuelle Schau „Berlin Global“. Ein PAZ-Leser wies darauf hin, dass auf einem Hinweisschild zur Friedlichen Revolution von 1989 behauptet werde: „Der Vereinigungsprozess verlief nicht problemlos. Im Zuge der nationalen Euphorie kam es auch zu rassistischen Übergriffen.“ Einen Beweis dafür bleiben die Kuratoren schuldig.
Doch da haben wir es wieder: Überall wird rassistisches, postkoloniales und fremdenfeindliches Gedankengut vermutet. Das hat auch damit zu tun, dass die von 2015 bis 2018 amtierenden drei Gründungsintendanten Neil MacGregor, Hermann Parzinger und Horst Bredekamp nicht wussten, wohin die Ausstellungsreise gehen sollte. Klar war nur, dass unter anderem die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin im Humboldt-Forum präsentiert werden sollen. Nicht klar war allerdings, wie das heiße Eisen „koloniales Erbe“ aufbereitet werden soll. Diese vielen Köche hinterließen einen Brei, der am Ende keinem schmeckt.
Man muss nur außen das Schlossumfeld betrachten, um zu sehen, dass sich der Brei auch architektonisch fortsetzt. Während es in Dresden und Potsdam gelungen ist, die historische Mitte ohne viel Aufschrei und mit großer Unterstützung der Bevölkerung wiederherzustellen, herrscht in Berlin weiter Chaos. So wartet vis-à-vis dem Schloss die Schinkelsche Bauakademie seit Jahren darauf, wiederaufgebaut zu werden. Und ein paar Schritte weiter hat man nur wenige Meter neben der ebenfalls von Schinkel entworfenen Friedrichswerderschen Kirche völlig freudlose Wohnblocks hingestampft. Und die Einheitswippe, die man vor Urzeiten im Bundestag beschlossen hat und vor dem Schloss aufstellen wollte, lässt ebenfalls auf sich warten.
Es bleibt dabei: Das Berliner Schloss kommt vielen Preußengegnern wie ein Stachel im Fleisch vor. Symbolisch hat man es jetzt mit einem Pfeil am Bau dargestellt.
sitra achra am 11.05.26, 12:52 Uhr
Meine Schwägerin hat während ihres Berlinbesuchs auch das Schloß besichtigt. Ihr fiel sofort die verhunzte Fassade auf. Beim Gang durch das Schloß und die Ausstellungsräume bemerkte sie die lieblose Gestaltung der Innenräume und das chaotisch zusammengewürfelte Sammelsurium an Exponaten, eine einzige Katastrophe.
Ohne die Rekonstruktion der Schlütertreppe wird das Schloß ein ausgeweideter Lagerraum sein, der die Verachtung der Kulturbolschewisten für die deutsche Geschichte und Kultur widerspiegelt.In Ländern wie Polen hätte man diese Kulturzerstörer allerdings schnell zum Teufel gejagt.