04.12.2022

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Preußische Schlösser

Tucholskys Traum verwelkt

Probleme jenseits des Schlosses – Nicht alles ist Gold, was in Rheinsberg glänzt

Bettina Müller
20.06.2022

So langsam kommen sie wieder in die Stadt – die Besucher von Schloss Rheinsberg. Nach Ende aller Pandemie-Einschränkungen flanieren sie in den Sommermonaten durch das Interieur oder verlustieren sich im Park. Sie streifen durch die wunderbare Gartenlandschaft, dann steigen sie wieder in den Reisebus und hetzen zu der nächsten Sehenswürdigkeit.

Doch wo endet die Herrlichkeit eigentlich? Tatsächlich am eisernen Goldbeschlagenen Zaun? Was ist denn eigentlich dahinter? Da wohnen nämlich die Menschen, die den Laden am Laufen halten. Schlagartig wird zunächst die vermeintliche Idylle im Hier und Jetzt zerstört, und man ahnt, die Rheinsberger haben es heutzutage nicht so einfach.

Ein Schwerlaster brettert brachial durch die Straße, sodass es einem kurz der Atem stockt. Schuld ist der Mautausweichverkehr. Und konnte man davor zum Beispiel unbehelligt in einer großen Rheinsberger Metzgerei mit Außenbestuhlung eine vorzügliche Sülze mit Bratkartoffeln genießen, so ist das nun, seitdem die Lkw-Monster durch die märkischen Dörfer donnern, eine eher unruhige Angelegenheit, bei dem das Essen zu einer unappetitlichen Sülze mit staubigen Kartoffeln mutiert.

Und die ist dann noch mit kleinen Kieselsteinchen garniert, welche die Schwerlaster torpedoartig ins Umfeld katapultiert haben und die nun im Fett traurig vor sich hindümpeln. Man beißt sich an ihnen die Zähne aus, so wie das Bündnis „Rheinsberg 2.0“ derzeit viele harte Nüsse zu knacken hat. Für die im Mai des vergangenen Jahres unter anderem von einem Gastronomen, einer Hotelbetreiberin und einem Politiker vom Linken-Ortsverband gegründete Initiative beginnt nämlich unmittelbar hinter dem Zaun des Schlosses der „Stillstand“ der Stadt, die völlige „Stagnation“, sodass sie wild entschlossen sind, um ihre Stadt zu kämpfen.

Vielleicht ist es aber auch dieser fast schon schizophrene Widerspruch, der es dem Städtchen zusätzlich schwer macht. Wie soll man Kurt Tucholsky in den Schatten stellen? Und diese absolute Attraktion, das Schloss, noch übertrumpfen? Alles andere verblasst doch gegen sie. Der Schriftsteller hat dem Schloss vor 110 Jahren mit seiner Erzählung „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“ ein literarisches Denkmal und eine Traumwelt geschaffen, die wie geschaffen ist für die Projektion eigener Wünsche und Ansprüche an die Stadt.

Und überhaupt: Das Schloss! Die strahlende blütenweiße Idylle und das absolute Pfund, mit dem Rheinsberg wuchert, das nun aber, laut „Rheinsberg 2.0“ leidet, weil es sich nicht mehr weiter entwickele, sodass vor allem junge Leute die Stadt verlassen, weil sie dort keine Zukunft mehr sehen. Denn hinter dem Zaun, da leben die Rheinsberger, die sich um ihre Stadt sorgen, die um die Bedeutung des Tourismus für ihre Stadt wissen, und die unbedingt wollen, dass sich endlich etwas verändert.

Vieles liegt schon länger brach, unter anderem die Umsetzung des Kiezprojektes, dessen Bau eigentlich schon längst genehmigt wurde, sowie einige Projekte im sozialen Bereich. Zudem wurde der beliebte Quartiersmanager entlassen, der sowieso nur eine Zehn-Stunden-Stelle pro Woche hatte. Marode Schulen, fehlenden Spielplätzen und weitere Schwachstellen, es ist eine lange Mängel-Liste, welche die Initiative aufgestellt hat. Touristen bekommen davon in der Regel wenig mit, zum Beispiel dass es auch bei der Integration zu hapern scheint.

Krawalle vor den Schlossmauern

Im Sommer 2020 wurde das Problem unübersehbar. Es kam zu Massenschlägereien von Jugendgruppen in einem einschlägig bekannten Wohnghetto, in denen man so gar nichts mehr vom einstigen preußischen Glanz spürt und wo sich die Touristen nur selten hinverirren. Rheinsberg geriet unangenehm in die Schlagzeilen, was dann sogar noch einen Kommentar des Pegida-Gründers Lutz Bachmann zur Folge hatte, der die Ausschreitungen aufgrund des tschetschenischen Hintergrunds einiger Beteiligter mit der Stuttgarter Krawallnacht verglich.

Zu allem Überfluss formierte sich dann im Herzstück der Stadt gegenüber dem Schloss im Juli 2020 noch eine kleine NPD-Demo inklusive Gegendemo, die natürlich auch von zufällig vorbeikommenden neugierigen Touristen begutachtet wurde, und das ausgerechnet im Schatten des Schlosses. Dunkle Wolken zogen auf und wollten nicht mehr weichen, denn das machte nun wirklich keinen guten Eindruck.

Und im fernen Schweden drehte sich Tucholsky geräuschvoll im Grabe um und blickte mit Sorgenfalten auf der Stirn in Richtung Deutschland und vor allem zur Rheinsberger Touristeninformation. Ausgerechnet sie, die erste Anlaufstelle für die für die Stadt wo wichtigen Besucher, sorgt in diesem Sommer für einen Skandal beziehungsweise einer ihrer Mitarbeiter, der dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet wird, sodass der amtierende Bürgermeister derzeit durch das brandenburgische Innenministerium prüfen ließ, welche rechtlichen Schritte gegen das Mitglied der „Identitären Bewegung“ möglich sind.

Während der Arbeitszeit hat sich der Angestellte nichts zuschulden kommen lassen, an seiner Gesinnung nahm man Anstoß, sogar NSU-Vergleiche werden bemüht. Das Ende war lange offen, der Kampf ging weiter, vor allem von „Rheinsberg 2.0“ versus dem Herrn Bürgermeister, der sich aber gegen jegliche Anschuldigungen gewehrt hat. Es gärt hinter den Kulissen, vielleicht brodelt es sogar, so wie in der Mühlenstraße, wo Banner à la „Leben statt Beben“ ihr Dasein fristen ohne Aussicht, zeitnah wieder abgehängt zu werden.

Im Mai vergangenen Jahres lehnte die Kreisverwaltung von Ostprignitz-Ruppin mal wieder den Antrag der Rheinsberger Stadtverordneten ab, den Schwerlastverkehr aus der Innenstadt zu verbannen. Derweil träumt das Schloss, bewacht vom güldenen Zaun, von fernen und besseren Zeiten. Dann kann Kurt Tucholsky endlich wieder in Frieden ruhen – und wir können seine Erzählung in Ruhe lesen.


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Kommentare

sitra achra am 28.06.22, 11:57 Uhr

In Brandenburg regiert die Linke, was ist von denen außer miserabler Regierungsführung schon zu erwarten?
Respekt vor der nationalen Kultur und Sensibilität für Bildung kann man ihnen gewiss nicht nachsagen, eher das Gegenteil.
Rheinsberg war nach der Wende ein Lieblingsort für mich.
Wie erschütternd, dass es jetzt dem Verfall preisgegeben ist. Die rote Elite kann es sich ja im gentrifizierten Potsdam gemütlich machen.

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