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Sturmflutgetöse zu Silvester des Jahres 1904 schreckte auf und ließ sogar Hotelspiegel splittern
Der Winter wollte sich in Pommern im Dezember 1904 partout nicht einstellen. Ähnlich wie 2025 versprach die Witterung keine Hoffnung auf eine weiße Weihnacht, wenngleich das jetzige Fest wenigstens recht freundliche Frosttage begleitet haben.
1904, am letzten Tag des Jahres, kam aber urplötzlich alles anders. Die Menschen steckten zumeist in den Vorbereitungen auf Silvestervergnügen, als die Seewetterwarte Hamburg eine deutliche Verschlechterung des Wetters ankündigte. Drei Stunden später folgte eine weitere Warnung des Inhalts, dass tiefer Luftdruck über der Odermündung und stark steigender Druck über Nordeuropa einen Temperatursturz und heftige, nordöstliche Winde befürchten ließen, eventuell sogar Stürme. Und tatsächlich drehte die seit Wochen aus Südwest/West wehende Luft plötzlich über Nord auf Nordost, lud sich über dem Finnischen Meerbusen polare Kälte und Schnee auf und donnerte damit auf die pommersche Küste.
Heftige Winde, Sturm? Von wegen, ein ausgewachsener Orkan war es, der zuallererst auf die der offenen See zugewandte Ostflanke der Insel Rügen traf. Er verheerte das Land von den Kreideklippen bis hinunter nach Mönchgut. Ein Unwetter, das in die Flutgeschichte mit Höchstpegeln von nahezu 2,45 Meter über Normal in Greifswald als sehr schwere Sturmflut einging.
Große Schäden überall
Über Mönchgut hieß es am nächsten Tag im „Stralsunder Tageblatt“: „Der ganze südliche und mittlere Teil der Halbinsel zwischen Middelhagen und Thiessow war in dem Maße überschwemmt, dass die offene See und der Greifswalder Bodden sich die Hand reichten.“ Der sich längst der Küste hinziehende Dünenwall gab der aufgewühlten Wassermacht ebenfalls nach, sodass die dahinter liegenden Ortschaften keinen Schutz fanden und Felder und Wiesen sich in Seen verwandelten.
Die Bewohner erfasste Entsetzen, denn die Flutkatastrophe vom 13. November 1872, bei der im südlichen Ostseeraum 271 Menschen ertranken und tausende ihr Hab und Gut verloren, war in schlimmer Erinnerung geblieben. Im Saßnitzer Hafen sank ein Schiff, und ein daneben liegendes anderes Schiff schob die hoch gehende See einfach auf das Wrack. Vom Kai losgerissen hatten sich die Dampfer „Odin“ und „Nordstern“, um gleich einem Dutzend Fischerbooten ins Nichts der eisigen Silvesternacht zu entschwinden. Saßnitzer Hoteliers beklagten, dass unter dem wüsten Getöse sogar die Spiegel der Salons splitterten.
Die Insel Usedom zerteilte die Flut, wie schon 1872 geschehen. In Swinemünde rollten die Brecher über Dünen und Promenade. Die Königsstraße, über die Königsallee die direkte Verbindung zwischen Strand und Innenstadt, stand auch am nächsten Tag noch wadenhoch unter Wasser.
Auf Sturm folgte Flaute
Wegen der vorgelagerten Insel Rügen genießt Stralsund oft einen gewissen Schutz vor Unbill aus Nordost. Die Silvestervergnügungen gerieten in den Hotels und Gasthäusern richtig in Schwung, als die Nachricht vom bedrohlich steigenden Pegel am Hafen die Feiernden aufschreckte und dorthin eilen ließ.
Bei scharfem Frost und Schneegestürm wuchtete sich das Wasser bereits Bollwerk und Hafenstraße, kippte Fischerboote auf den Fahrdamm und ließen sie liegen, berichtete das „Stralsunder Tageblatt“. Den Dampfer „Delphin“ stemmte das Wasser vor den ungläubigen Blicken der Helfer und Schaulustigen auf die Steinbrücke am Fährdamm, die dem Zusammenbruch nahe war. Beim Versuch zu retten, was sich retten ließ, ging der Sohn von Fischer V. über Bord und ertrank.
Das bei Greifswald liegende Fischerdorf Wieck schnitt die schäumende Flut von der Außenwelt ab. Das Armenhaus stürzte ein, wobei drei Frauen und zwei Kinder starben. Im benachbarten Eldena durchdrang das Wasser eine Scheune, in der ungelöschter Kalk lagerte. Der Baustoff entzündete sich, und so brannte das Gebäude, trotz der Nässe ringsum, komplett nieder.
Unheil über Unheil brachte der Jahreswechsel für die Bewohner der pommerschen Küste. Behörden und Chronisten hatten lange damit zu tun, das gesamte Ausmaß der Schäden aufzunehmen und zu dokumentieren. Einem Sturm folgt aber meistens bald die Flaute, so auch 1905. Nach der Wetterberuhigung nahm der Januar mit leichten bis mäßigen Frösten einen ganz normalen winterlichen Verlauf – so als wäre nichts geschehen.