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Thilo Sarrazin, „Wir schaffen das. Erläuterungen zum politischen Wunschdenken“, Langen-Müller-Verlag München 2021, gebunden, 180 Seiten, 20 Euro
Thilo Sarrazin, „Wir schaffen das. Erläuterungen zum politischen Wunschdenken“, Langen-Müller-Verlag München 2021, gebunden, 180 Seiten, 20 Euro

Für Sie gelesen

Utopien der Ära Merkel

Bernd Kallina
05.02.2022

Wenn Thilo Sarrazin zur Feder greift und ein neues Buch vorstellt, hören die Bürger des Landes interessiert zu. Der maßgebliche Teil unseres politisch-medialen Komplexes wendet sich verärgert ab oder verfällt in dröhnendes Schweigen. Jetzt hat der Erfolgsautor, vor allem bekannt geworden durch seinen Top-Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ vor über zehn Jahren, wieder literarisch „zugeschlagen“. Sein jüngstes Werk titelt: „Wir schaffen das. Erläuterungen zum politischen Wunschdenken“. Erneut liest er unserer sogenannten politischen Elite, die jedoch mehr eng verschränkte Netzwerker-Schicht als Elite im positiven Sinne darstellt, gehörig die Leviten.

Angela Merkels gleichlautender politischer Aufruf, mit dem sie im Herbst 2015 ihre Entscheidung zur illegalen Grenzöffnung für Millionen sogenannter Flüchtlinge verteidigte, steht für Sarrazin symbolisch für die Richtung und das Scheitern anderer großer Fehlentscheidungen ihrer 16-jährigen Regierungszeit. Merkels Brüche, Wendungen und ihre sich allmählich vollziehende Kursänderung sind für Sarrazin häufig typisch für gescheiterte politische Prozesse. Utopie und völlig unrealistisches Wunschdenken sind jedoch nur zwei Seiten der vielen Aspekte von Politik. Das „Politische“ wirkt nämlich in sämtliche Lebensbereiche hinein, und Sarrazin handelt sie anschaulich in fünf Kapiteln ab, als da sind „Das Moralische, das Menschliche, das Handeln in der Politik und Zusammenhänge von Politik und Gesellschaft, alles beobachtbar in den Segmenten von Nation, Weltgesellschaft, Medien, schlicht: überall.“

Die ins Auge springende und katastrophale Fehlentscheidung Merkels zur Grenzöffnung steht nämlich nicht allein für das vorhersehbare und offenkundige Scheitern ihrer Politik. Sarrazin listet auch andere große Fehlentscheidungen ihrer Regierungszeit auf. Es sind dies:

– „Der 2009 einsetzende Übergang von der Währungsunion zur Schuldenunion durch Beugung des Maastricht-Vertrags von 1991 und Bruch des Stabilitätspaktes von 1998.

– Die Gefährdung der deutschen Klimaziele durch den 2011 eingeleiteten, unüberlegten und bedingungslosen Totalausstieg aus der Kernenergie, während weltweit weiterhin und verstärkt auf Atomkraft gesetzt wird.

– Die 2021 zu registrierende hohe Gefährdung einer schnellen und erfolgreichen Impfkampagne durch europapolitische Korrektheit bei der sich dadurch bedingten Impfstoffbeschaffung.“

Auf diese Vielfalt geht Sarrazin in seinem flüssig geschriebenen Essay ein und stellt Zusammenhänge her zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen unrealistischen Zielen und machbaren konkreten Alternativen in der Politik. Er behandelt also die Kunst erfolgreicher Politik, von den theoretischen Grundpfeilern über den Gegensatz von Verantwortungs- und Gesinnungsethik (Max Weber) bis zum Verhältnis von Macht und Opportunismus.



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