23.10.2021

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Gut verpackt: Der Arc de Triomphe in Paris
Foto: action pressGut verpackt: Der Arc de Triomphe in Paris

Viel deutschen Stoff gegeben

Vollverhüllung in der Modestadt – Am Pariser Triumphbogen hat man posthum ein Kunstprojekt Christos realisiert

Anne Martin
15.10.2021

In diesen Tagen wird der Arc de Triomphe wieder zu dem, was er immer schon war. Ein Siegestor mitten im Verkehrsgewühl. Ein monumentales Hindernis, um das sich die Autos schlängeln und auf sternförmig auslaufende Straßen verteilen, Tausende Tag für Tag. Der verhüllte Triumphbogen – nur noch Erinnerung, und genau das ist gewollt. Was der verstorbene Künstler Christo schuf, sind Augenblicksmomente, ein Fest der Vergänglichkeit. Wer dabei war, hat die vorerst letzte seiner Inszenierungen erlebt – hier ein Rückblick.

Man schlendert entlang der Champs Élysées, vorbei an den großen Mode- und Schnellimbissketten, die sich von Stadt zu Stadt gleichen. Frühherbstliches Licht sprenkelt die Straße, die Blätter sind müde. Und dann taucht er von Ferne zwischen den Bäumen auf, ein Denkmal in Plissee. 50 Meter hoch, 45 Meter breit, 1806 von Napoleon in Auftrag gegeben,
30 Jahre später fertiggestellt, in diesen wenigen Tagen schimmernd wie ein teures Juwel.

Menschentrauben verteilen sich rund um den Triumphbogen, Unvorsichtige eilen über die Straßen, mitten durch den brausenden Verkehr. Die Besucher zücken ihre Kameras, rücken lächelnd für ein Selfie-Foto zusammen. Wie hat Christos Team das bloß geschafft? Immerhin 25.000 Meter Stoffbahnen aus Polypropylen wurden angebracht, verschnürt mit 7000 Metern roter Kordeln, arrangiert in genau kalkulierten Faltenwürfen. Wie kann es sein, dass ein Bau, der von Napoleon als ruhmreiche Erinnerung gedacht war, plötzlich so leicht wirkt? Als wären alle historischen Zuschreibungen wie weggeweht?

Es reicht nicht, nur einmal dorthin zu pilgern. Der verhüllte Arc verwandelt sich mit dem Licht, changiert in wechselnden Farben. Morgens steht er grau da, umtost vom Berufsverkehr. Am schönsten erscheint er im Abendlicht, wenn der Stoff glitzert wie ein Monolith aus Eis. Nachts versinkt er fast im schwarzen Himmel, angestrahlt von den roten Rücklichtern der Autos. Man möchte einfach nur dastehen und staunen. Oder auch assoziieren – über Querverweise in die Kunstgeschichte, wo die Kunst des Faltenwurfs von vielen Malern gefeiert wurde.

Man könnte über die Vergänglichkeit nachdenken, welche die Dinge erst kostbar macht. Oder über das Wunder der Verwandlung, die eine neue Form erschafft, die jegliches Heldenpathos und längst vergangenes Kriegsgeklirr überformt. Unter silbernem Tuch wird alles still, alles wirkt unschuldig und neu.

Paris – ein Spätsommermärchen. Schnell noch ein Gebäck, ein Éclair, im nächsten Café, später ein paar Austern im Restaurant d'Alsace, wo nebenan ein Geiger mit dröhnendem Verstärker spielt. Und immer das Monument im Blick.

Weitere Pläne in der Schublade
Wer anderntags am Ufer der Seine entlangspaziert, sieht kurz hinter Pont Neuf eine Fotoparade von Christos Installationen, aufgereiht auf Stelzen: Natürlich jene Brücke Pont Neuf, die er schon 1985 umwickeln ließ, sodann mit rosa Stoff umrandete Inselchen vor Miami in Florida, bunte Schirme in Japan, den verhüllten Berliner Reichstag von 1995, der noch am ehesten mit der aktuellen Installation vergleichbar ist.

Ach ja, Erinnerungen: Bei den umlagerten „Floating-Piers“ am oberitalienischen Iseosee vor fünf Jahren mochte sich das Gefühl erhabener Andacht nicht recht einstellen, zu groß der Andrang, zu touristisch der Menschenzug über die im See verankerten Stege. Dafür war das Flanieren unter den „Golden Gates“ 2005 im New Yorker Central Park ein fast spirituelles Erlebnis. Vier Jahre nach dem Anschlag auf die Twin Towers, nach der folgenreichen Verwundung einer Stadt und eines Landes, war das ein von sanft wehenden Fahnen in Orange geleiteter Gang. Ein Pilgerpfad des Friedens.

Der Künstler Christo Javacheff, einst als bulgarischer Flüchtling in Paris gestrandet, untergekommen in einer Dachkammer mit Blick auf den Triumphbogen, ist im Mai letzten Jahres gestorben. Elf Jahre nach seiner Frau und Mitarbeiterin Jeanne Claude. Ob beider bereits konzipierte Projekte noch verwirklicht werden, stand lange in Frage. Etwa die schon so lange geplante Mastaba in der Wüste der Vereinigten Arabischen Emirate, errichtet aus Ölfässern – wer weiß, ob das Grabmal je umgesetzt wird? Bei der wegen Corona zunächst verschobenen Verhüllung des Triumphbogens machte sein Team in seinem Sinne weiter. Die akribisch ausgearbeiteten Pläne des Meisters lagen schließlich vor, und die Stadt Paris zeigte sich konziliant, ganz anders als 1995 beim verhüllten Reichstag, wo zuvor im Bundestag erbittert gestritten wurde.

Es ist womöglich ein bisschen verrückt, für ein eingewickeltes Gebäude in die französische Hauptstadt zu reisen. „Schick mal ein Foto von dem Paket“, schreiben die Daheimgebliebenen. „Wo bleibt denn da der Umweltschutz, wohin mit dem Stoff?“, argwöhnen die Zweifler. Und wie echt ist ein Kunstwerk, das posthum realisiert wird? Kann man noch von einem originalen „Rembrandt“ sprechen, wenn der Künstler ein Gemälde skizziert hat, aber seine Schüler es nach seinem Tod ausmalen? Ohne Signatur kein Rembrandt, kein Christo?

Stoff aus Deutschland
Dabei ist alles dokumentiert, etwa Informationen über den Stoff, gefertigt in Greven im Münsterland. Es ist derselbe Stoff übrigens, der für die Verhüllung des Reichstages verwendet wurde. Die roten Kordeln wurden in einer Firma in Lübeck gefertigt, die sonst auf Heißluftballons spezialisiert ist. Natürlich wird alles recycelt. Und natürlich bezahlen die Christos beziehungsweise ihr Team alles selbst. Freiheit sei ihnen wichtig, haben Christo und Jeanne Claude immer betont. Freiheit auch von Geldgebern.

Die Ausstrahlung von Christos Kunst zeigt sich in der Wechselwirkung mit seinen Besuchern. Die strömen zum Platz „L'Etoile Charles de Gaulle“, stehen hinter den Sperren und lächeln. Gehen durch den Tunnel hindurch mitten unter den monumentalen Bogen, neben das Grab des unbekannten Soldaten mit der ewigen Flamme. Streichen mit der Hand über den glitzernden Stoff, fassen die Taue an, recken die Hand mit dem Selfie-Stick fürs Foto. Alles ist erlaubt, alles ist kostenlos, ganz anders als die Kunstbetrachtung etwa im Louvre, wo die berühmte Mona Lisa huldvoll auf Abstand bleibt.

Wer an einem Tag Ende September lange ausharrt, fast bis zum Sonnenuntergang, sieht eine Wolke vorbeisegeln, die einer Figur gleichen könnte, einem Gebilde, das den Arm hebt, als würde es winken. Es ist eben so, dass der Besucher anders hinsieht. Und anders zurückfährt. Im Kopf eine Idee von heiterer Unwiederbringlichkeit. Was ist ein Objekt, das so etwas auslöst, was könnte es sein? Ein Geschenk, das auf jeden Fall.



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