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Die deutschen Rahmenbedingungen machen die Produktion von marktfähigem Stahl fast unmöglich – es muss sich viel ändern, sonst droht eine Katastrophe
Die deutsche Stahlindustrie befindet sich in einer schweren Krise. Gesunkene Produktion, aufgeschobene Investitionen und drohende Arbeitsplatzverluste prägen die Lage. In den ersten neun Monaten ging die Rohstahlproduktion gegenüber dem Vorjahr weiter um über zehn Prozent zurück – ein Niveau wie zuletzt während der Finanzkrise 2009. Branchenvertreter warnen, dass ein anhaltender Abschwung die industrielle Substanz Deutschlands gefährdet. Rund 5,5 Millionen Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt an stahlintensiven Wertschöpfungsketten.
Die Stahlhersteller spüren die schwache Nachfrage aus wichtigen Abnehmerbranchen wie der Auto- und Bauindustrie. Zugleich belasten extrem hohe Energiekosten und billig importierter Stahl aus China ihre Wettbewerbsfähigkeit. Vor diesem Hintergrund sprach Bundeskanzler Friedrich Merz von einer „existenzbedrohenden Krise“ der Stahlindustrie und mahnte: „Wir sprechen über das Schicksal einer Schlüsselindustrie.“
Am 6. November kamen auf Einladung von Merz Spitzenvertreter von Unternehmen, Gewerkschaften und Politik zu einem Krisengespräch im Kanzleramt zusammen. Das Treffen sollte ein Signal senden, dass der Staat die Branche nicht ihrem Schicksal überlässt. „Die Zukunft der Stahlindustrie ist eine nationale Gemeinschaftsaufgabe“, betonte Stahl-Präsident Gunnar Groebler. Merz versprach eine große Kraftanstrengung der Regierung, um die heimischen Stahlwerke zu erhalten. Dabei zeigte sich der traditionell marktorientierte CDU-Politiker bereit, in der Handelspolitik umzudenken. Er unterstützt den Vorstoß der EU-Kommission für drastisch verschärfte Importzölle.
„Die Zeiten sind leider vorbei, in denen offene Märkte selbstverständlich richtig waren“, räumte Merz ein – nun müsse man die heimischen Hersteller wirksamer vor staatlich subventionierter Billig-Konkurrenz schützen.
Die vorgeschlagenen EU-Maßnahmen sehen vor, zollfreie Stahlimportmengen erheblich zu reduzieren und alle darüber hinausgehenden Einfuhren mit einem Zollsatz von 50 Prozent zu belegen. Selbst Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil machte klar: „Wir dürfen am Ende nicht die Dummen sein.“ Freier Handel bleibe zwar ein wichtiges Prinzip, so Klingbeil, aber Deutschland dürfe sich nicht einseitig benachteiligen lassen.
Noch weitere Hilfsmaßnahmen wurden beim Stahlgipfel auf den Weg gebracht. So soll ab Januar 2026 ein subventionierter Industriestromtarif gelten, sobald die EU-Kommission grünes Licht gibt. Zudem werden die Netzentgelte für die Stromübertragung gesenkt, um energieintensive Betriebe jetzt zu entlasten.
Mehr Pragmatismus ist notwendig
„Politisch muss jetzt alles darangesetzt werden, einen international wettbewerbsfähigen und langfristig verlässlichen Strompreis zu sichern“, forderte Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Die Stahlunternehmen drängen auf rasche Umsetzung. „Der Industriestrompreis muss schnell kommen – möglichst sofort“, mahnte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU). Angesichts der immensen Transformationskosten betonte die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD): „Wir brauchen einen klaren Fahrplan für wettbewerbsfähige Energiepreise, den Aufbau der Wasserstoff-Infrastruktur und grüne Leitmärkte für grünen Stahl.“ Die Umstellung auf CO₂-armen „grünen Stahl“ erfordert Milliardeninvestitionen in neue Anlagen.
Der Bund fördert bereits erste Projekte, doch solange Wasserstoff knapp und teuer ist, setzt Berlin auf Übergangslösungen. Klingbeil plädiert für mehr Pragmatismus, damit vorerst Erdgas als Brückentechnologie genutzt werden kann, bis ausreichend Wasserstoff verfügbar ist.
Alle Beteiligten waren sich einig, dass nun Tempo gefragt ist. „Der Stahlgipfel darf kein Stuhlkreis werden“, hatte Niedersachsens Regierungschef Olaf Lies (SPD) im Vorfeld gewarnt – es brauche greifbare Ergebnisse. Die Länder mit Stahlstandorten fordern zudem niedrigere Energiepreise und einen wirksamen Handelsschutz für die heimischen Hersteller. Auch ein vollständiger Stopp von Stahlimporten aus Russland steht auf der Agenda: „Man kann keinem Beschäftigten bei uns erklären, dass Europa immer noch den Markt für Putin offenhält“, so Klingbeil. IG Metall und Arbeitgeber mahnten ebenfalls entschlossenes Handeln an. „Die Branche befindet sich im Schockraum“, sagte Jürgen Kerner, Zweiter IG-Metall-Vorsitzender, mit Blick auf einen drohenden Stellenabbau.
„Wertschöpfung, die heute abwandert, holen wir nicht zurück“, warnte Stahlpräsident Groebler – besonders in industriell geprägten Regionen spürten die Menschen bereits große Verunsicherung und Zukunftsangst. Wer den sozialen Frieden erhalten wolle, müsse die industrielle Basis des Landes sichern.