Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Wie lange noch will die Politik ihre Wähler täuschen und sedieren? Dabei wissen die Bürger längst, wie die Wahrheit aussieht, und warten auf Lösungen
Deutschland treibt. Nicht voran, nicht zurück, sondern richtungslos. Ein politisches Geisterschiff, dessen Maschinen zwar noch laufen, dessen Brücke jedoch unbesetzt scheint. Die Lichter brennen, die Seekarten liegen offen auf dem Tisch – doch niemand greift zum Steuerrad. Währenddessen wird den Passagieren schlecht. Nicht aus Unwissenheit über die Lage, sondern aus der bitteren Erkenntnis, dass man sehr genau weiß, was eigentlich zu tun wäre – und es dennoch unterlässt.
Diese Form der politischen Lähmung ist kein Schicksal, keine Laune der Geschichte und kein Resultat äußerer Zwänge. Sie ist hausgemacht. Deutschland ist nicht Opfer widriger Umstände, sondern Patient aus eigenem Verschulden.
Dabei ist die Diagnose eindeutig: Das Land leidet nicht an einem Mangel an Ressourcen, nicht an fehlender wirtschaftlicher Substanz und auch nicht an Ideenarmut im engeren Sinne. Was fehlt, ist etwas sehr viel Fundamentaleres: Gestaltungswille. Mut. Führung. Und vor allem die Bereitschaft, kurzfristige politische Kosten zugunsten langfristiger Stabilität und Handlungsfähigkeit in Kauf zu nehmen.
Die politische Klasse dieses Landes hat sich in eine paradoxe Lage manövriert. Sie fürchtet den Wähler mehr, als sie ihm vertraut. Reformen unterbleiben nicht, weil sie unmöglich wären, sondern weil sie unbequem sind. Weil sie Widerstände hervorrufen könnten. Weil sie bestehende Besitzstände antasten. Weil die Verantwortlichen erklären müssten, dass Wohlstand nicht garantiert, Sicherheit nicht selbstverständlich und notwendiger Fortschritt nicht kostenlos ist.
Diese Angst vor dem Wähler ist der eigentliche Skandal. Denn sie zeugt von einem zutiefst paternalistischen Politikverständnis. Man traut den Bürgern weder Einsicht noch Verantwortungsbewusstsein zu. Stattdessen betreibt man Symptombekämpfung, verteilt Beruhigungspillen, verschiebt Probleme in die Zukunft – und hofft, dass die nächste Wahl schneller kommt als die nächste Krise. So ist Deutschland erneut zum „kranken Mann Europas“ geworden. Nicht, weil es zu wenig kann, sondern weil es zu wenig will.
Dabei wäre gerade jetzt in Europa Führung gefragt – und Deutschland wäre der einzige Kandidat, eigentlich. Europa befindet sich in einer Phase strategischer Unordnung. Frankreich ist wirtschaftlich geschwächt und innenpolitisch blockiert. Großbritannien hat sich selbst aus dem europäischen Machtgefüge verabschiedet und ringt mit den Folgen. Italien zeigt Reformwillen, doch seine strukturellen Grenzen sind offensichtlich. Polen ist geopolitisch exponiert und wirtschaftlich wie politisch zu klein, um eine kontinentale Führungsrolle zu übernehmen.
Es bleibt nur Deutschland. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Das bevölkerungsreichste Land der EU. Der natürliche Anker Europas. Doch dieser Anker treibt selbst.
Deutschland wäre prädestiniert, Europa Stabilität, Richtung und strategische Autonomie zu geben – wirtschaftlich, sicherheitspolitisch, industriepolitisch. Doch dafür müsste es zuerst sich selbst ordnen. Stattdessen lähmen innere Konflikte, Koalitionsarithmetik, banale Lobbyinteressen und eine schwächliche Kultur des kleinsten gemeinsamen Nenners jede größere Bewegung.
Der Einfluss organisierter Interessen ist dabei nur ein Teil des Problems. Schwerer wiegt der geistige Zustand des politischen Systems. Es mangelt an Persönlichkeiten mit Format, an Führungskräften, die bereit sind, Verantwortung zu tragen, statt sie bloß halbherzig, aber dennoch mit großem, lautem Trara zu verwalten. An Politikern, die Zukunft gestalten wollen, statt wenig ambitioniert zu moderieren. Es fehlt an echtem Idealismus für die eigene Sache – für den Staat, für die Nation, für die Idee eines starken, souveränen Europas.
Die Angst vor den politischen Rändern verstärkt diese Schwäche zusätzlich. Statt aus eigener Stärke heraus zu führen, reagiert man defensiv, taktisch, kurzfristig. Man definiert Politik zunehmend als Schadensbegrenzung: bloß keine Fehler machen, bloß niemanden verärgern, bloß keine Angriffsflächen bieten. Das Ergebnis ist Stillstand – und dieser Stillstand nährt genau jene Kräfte, die man zu fürchten vorgibt. Jeder weiß: Stillstand ist Rückschritt!
Das Infarkt-Dilemma Deutschlands besteht also darin, dass das Land seine Krankheit kennt, aber die Therapie verweigert. Man weiß um die Notwendigkeit von Strukturreformen in Wirtschaft, Sozialstaat, Migration, Bildung und Verteidigung. Man weiß, dass Leistungsanreize gestärkt, staatliche Überdehnung zurückgeführt und Prioritäten neu gesetzt werden müssen. Und dennoch handelt man nicht. Die Lösung liegt daher weniger in neuen Programmen als in einem mentalen Kurswechsel. Deutschland braucht wieder eine Politik, die erklärt statt beschwichtigt. Die fordert statt beruhigt. Die führt statt folgt.
Reformen dürfen nicht länger als Zumutung, sondern müssen als Ausdruck von Aufbruch begriffen werden. Führung bedeutet nicht, populär zu sein, sondern realistisch. Wer Europa stabilisieren will, muss bereit sein, innenpolitisch unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Wer Autonomie gegenüber den USA fordert, muss bereit sein, militärisch, wirtschaftlich und technologisch mehr Verantwortung zu übernehmen. Wer Wohlstand sichern will, muss Leistung wieder als gesellschaftlichen Wert verteidigen. Deutschland kann diese Rolle ausfüllen. Aber nur, wenn es aufhört, sich selbst zu lähmen. Der Patient braucht keinen weiteren Beruhigungstee, sondern eine ehrliche Diagnose – und eine schmerzhafte, aber heilsame Behandlung.
Noch ist es nicht zu spät. Doch das Zeitfenster schließt sich. Führungsloses Treiben mag eine Weile gut gehen. Irgendwann jedoch läuft jedes Geisterschiff auf Grund – auch das deutsche.