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Dem deutschen herz droht ein Infarkt aufgrund von akutem Reformstau
Bild: ShutterstockDem deutschen herz droht ein Infarkt aufgrund von akutem Reformstau

Nie war Führung wichtiger

Der blockierte Riese in der Mitte

Wie lange noch will die Politik ihre Wähler täuschen und sedieren? Dabei wissen die Bürger längst, wie die Wahrheit aussieht, und warten auf Lösungen

Jens Eichler
04.02.2026

Deutschland treibt. Nicht voran, nicht zurück, sondern richtungslos. Ein politisches Geisterschiff, dessen Maschinen zwar noch laufen, dessen Brücke jedoch unbesetzt scheint. Die Lichter brennen, die Seekarten liegen offen auf dem Tisch – doch niemand greift zum Steuerrad. Währenddessen wird den Passagieren schlecht. Nicht aus Unwissenheit über die Lage, sondern aus der bitteren Erkenntnis, dass man sehr genau weiß, was eigentlich zu tun wäre – und es dennoch unterlässt.

Diese Form der politischen Lähmung ist kein Schicksal, keine Laune der Geschichte und kein Resultat äußerer Zwänge. Sie ist hausgemacht. Deutschland ist nicht Opfer widriger Umstände, sondern Patient aus eigenem Verschulden.

Dabei ist die Diagnose eindeutig: Das Land leidet nicht an einem Mangel an Ressourcen, nicht an fehlender wirtschaftlicher Substanz und auch nicht an Ideenarmut im engeren Sinne. Was fehlt, ist etwas sehr viel Fundamentaleres: Gestaltungswille. Mut. Führung. Und vor allem die Bereitschaft, kurzfristige politische Kosten zugunsten langfristiger Stabilität und Handlungsfähigkeit in Kauf zu nehmen.

Die politische Klasse dieses Landes hat sich in eine paradoxe Lage manövriert. Sie fürchtet den Wähler mehr, als sie ihm vertraut. Reformen unterbleiben nicht, weil sie unmöglich wären, sondern weil sie unbequem sind. Weil sie Widerstände hervorrufen könnten. Weil sie bestehende Besitzstände antasten. Weil die Verantwortlichen erklären müssten, dass Wohlstand nicht garantiert, Sicherheit nicht selbstverständlich und notwendiger Fortschritt nicht kostenlos ist.

Diese Angst vor dem Wähler ist der eigentliche Skandal. Denn sie zeugt von einem zutiefst paternalistischen Politikverständnis. Man traut den Bürgern weder Einsicht noch Verantwortungsbewusstsein zu. Stattdessen betreibt man Symptombekämpfung, verteilt Beruhigungspillen, verschiebt Probleme in die Zukunft – und hofft, dass die nächste Wahl schneller kommt als die nächste Krise. So ist Deutschland erneut zum „kranken Mann Europas“ geworden. Nicht, weil es zu wenig kann, sondern weil es zu wenig will.

Dabei wäre gerade jetzt in Europa Führung gefragt – und Deutschland wäre der einzige Kandidat, eigentlich. Europa befindet sich in einer Phase strategischer Unordnung. Frankreich ist wirtschaftlich geschwächt und innenpolitisch blockiert. Großbritannien hat sich selbst aus dem europäischen Machtgefüge verabschiedet und ringt mit den Folgen. Italien zeigt Reformwillen, doch seine strukturellen Grenzen sind offensichtlich. Polen ist geopolitisch exponiert und wirtschaftlich wie politisch zu klein, um eine kontinentale Führungsrolle zu übernehmen.

Es bleibt nur Deutschland. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Das bevölkerungsreichste Land der EU. Der natürliche Anker Europas. Doch dieser Anker treibt selbst.

Deutschland wäre prädestiniert, Europa Stabilität, Richtung und strategische Autonomie zu geben – wirtschaftlich, sicherheitspolitisch, industriepolitisch. Doch dafür müsste es zuerst sich selbst ordnen. Stattdessen lähmen innere Konflikte, Koalitionsarithmetik, banale Lobbyinteressen und eine schwächliche Kultur des kleinsten gemeinsamen Nenners jede größere Bewegung.

Der Einfluss organisierter Interessen ist dabei nur ein Teil des Problems. Schwerer wiegt der geistige Zustand des politischen Systems. Es mangelt an Persönlichkeiten mit Format, an Führungskräften, die bereit sind, Verantwortung zu tragen, statt sie bloß halbherzig, aber dennoch mit großem, lautem Trara zu verwalten. An Politikern, die Zukunft gestalten wollen, statt wenig ambitioniert zu moderieren. Es fehlt an echtem Idealismus für die eigene Sache – für den Staat, für die Nation, für die Idee eines starken, souveränen Europas.

Die Angst vor den politischen Rändern verstärkt diese Schwäche zusätzlich. Statt aus eigener Stärke heraus zu führen, reagiert man defensiv, taktisch, kurzfristig. Man definiert Politik zunehmend als Schadensbegrenzung: bloß keine Fehler machen, bloß niemanden verärgern, bloß keine Angriffsflächen bieten. Das Ergebnis ist Stillstand – und dieser Stillstand nährt genau jene Kräfte, die man zu fürchten vorgibt. Jeder weiß: Stillstand ist Rückschritt!

Das Infarkt-Dilemma Deutschlands besteht also darin, dass das Land seine Krankheit kennt, aber die Therapie verweigert. Man weiß um die Notwendigkeit von Strukturreformen in Wirtschaft, Sozialstaat, Migration, Bildung und Verteidigung. Man weiß, dass Leistungsanreize gestärkt, staatliche Überdehnung zurückgeführt und Prioritäten neu gesetzt werden müssen. Und dennoch handelt man nicht. Die Lösung liegt daher weniger in neuen Programmen als in einem mentalen Kurswechsel. Deutschland braucht wieder eine Politik, die erklärt statt beschwichtigt. Die fordert statt beruhigt. Die führt statt folgt.

Reformen dürfen nicht länger als Zumutung, sondern müssen als Ausdruck von Aufbruch begriffen werden. Führung bedeutet nicht, populär zu sein, sondern realistisch. Wer Europa stabilisieren will, muss bereit sein, innenpolitisch unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Wer Autonomie gegenüber den USA fordert, muss bereit sein, militärisch, wirtschaftlich und technologisch mehr Verantwortung zu übernehmen. Wer Wohlstand sichern will, muss Leistung wieder als gesellschaftlichen Wert verteidigen. Deutschland kann diese Rolle ausfüllen. Aber nur, wenn es aufhört, sich selbst zu lähmen. Der Patient braucht keinen weiteren Beruhigungstee, sondern eine ehrliche Diagnose – und eine schmerzhafte, aber heilsame Behandlung.

Noch ist es nicht zu spät. Doch das Zeitfenster schließt sich. Führungsloses Treiben mag eine Weile gut gehen. Irgendwann jedoch läuft jedes Geisterschiff auf Grund – auch das deutsche.


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Kommentare

Kersti Wolnow am 09.02.26, 11:30 Uhr

Dürfen deutsche Politiker machen, was gut für uns Deutsche wäre und machen seit Adenauer alle Politiker genau das Gegenteil? An Zufall glaube ich nicht mehr, wenn ich an den Konrad Adenauers Schwager Mcloy und den verlorenen Krieg denke, der geführt wurde, weil durch Tauschhandel die globalen Casinospieler nicht mehr mitverdienen konnten, man lese Gerd Schultze-Rhonhof.

Rolf Lindner am 07.02.26, 20:14 Uhr

180 °

Vor Zeiten war Herrschaft gefährlich,
wollte man sich ihrer entledigen,
damals war sie jedoch so ehrlich,
tat nichts Gegenteiliges predigen,
bis sie sich Sozialismus nannte,
gar mit Demokratie verbrämt,
was man von ihr vorher nicht kannte,
basalen Lugs sie sich nicht schämt.
Wenn sie sich heute dreht und wendet,
um die Erkenntnis zu vermeiden,
dass Lügen immer einmal endet,
müssen die Lügner doppelt leiden,
denn sie können dem nicht entrinnen,
dem Niedergang, den sie geschaffen,
und können ihn auch nicht gewinnen,
den Köpfekampf mit ihren Waffen.
Ja, anfangs folgen ihnen viele,
denken, das geht immer so weiter,
wissen nicht, es sind mehr im Spiele,
wenige, die sind doch gescheiter.
Dann läuft's 'ne Weile irgendwie,
doch häufen sich die Brüche.
Bleiben von der Demokratie
am Ende nur noch hohle Sprüche,
wird sie in "uns're" umbenannt,
das heißt, sie gilt nicht mehr für alle,
nicht für jene, die es begreifen,
das System steckt in einer Falle,
die als Sackgasse ist bekannt,
aus der entrinnt man nicht durch Keifen,
nicht Medien, die am Boden krauchen,
helfen, auch keine Polizei,
hundertachtzig Grad wir brauchen,
ihr Lügner, sonst ist es vorbei.

Jan Kerzel am 04.02.26, 12:16 Uhr

Mein Name ist Kassandra. Oder wie Edmund Stoiber so schön sagte: gelesen, gelacht, gelocht.
Reformen. In der Bundesrepublik wird es keine grundlegenden Strukturreformen geben. Das System ist interessenmäßig durch die Parteienherrschaft komplett ausbalanciert. Änderungen sind begrenzt möglich, allerdings überwiegend zulasten der Bevölkerung. Zudem ist die Folge meist eine zunehmende Regulierung des sozialen und ökonomischen Zusammenlebens. Direkte Demokratie, individuelle Freiheit und eigenständige ökonomische Lebensgestaltung sind nicht im Programm vorgesehen., eigentlich verpönt. Der Etatismus ist allumfassend. Aber das System lebt mit großer Zustimmung. Es scheint also einen Wesenskern zu repräsentieren.
Führungsrolle in Europa. Hier möge die Gnade des Herrn walten. Durch Frau von der Leyen dürfen wir bereits einen kräftigen Vorgeschmack einer bundesdeutschen Führungsrolle erleben und genießen. Bei aller Freude, das Hauptgericht lassen wir aber besser aus. Dankenswerterweise besteht wahrnehmbar auch bei den anderen EU-Mitgliedern kein Bedarf an einer bundesdeutschen Führungsrolle. Es würde sich nach meiner Einschätzung sogar ein erheblicher Widerstand aufbauen. Eine Zahlungsführerschaft nimmt man nolens volens in Kauf. Aber das war es dann. Gut so. Die Bundesrepublik ist und bleibt selbstverständlich relevant, inklusive ihrer Begrenzungen. Dies ist für die Bundesbürger und die EU-Bürger sicherlich kein Nachteil.

Gregor Scharf am 04.02.26, 12:13 Uhr

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um die Wirtschaft generell neu auszurichten. Das deutsche Exportmodell hat ausgedient und wurde von der Zeit überholt. Es hat sich dabei auch selbst zerlegt, indem das Know-how mitsamt den Werksverlegungen das Land verlassen hat. Man muss sich klarmachen und eingestehen, dass eine marktwirtschaftliche Ausrichtung absolut nicht konkurrenzfähig sein kann zum Staatskapitalismus Chinas. Die können und werden immer preiswerter produzieren, weil sie jederzeit Arbeitssklaven rekrutieren, die am Existenzminimum dahinvegetieren. Wettbewerb ist somit nur intern möglich.
Der Wettbewerbsgedanke gehört ebenfalls in die Mottenkiste, weil er zu viele Ressourcen verschlingt. Wenn das europäische Modell noch eine Chance haben will, bedarf es der Produktions- und Aufgabenteilung länderübergreifend. Wer braucht zwanzig Autohersteller mit tausend verschiedenen Modellvarianten und dem gleichen Antrieb, wovon die Hälfte schon aussieht wie Schrott? Das zieht sich durch über Energieanlagen bis zur Medizintechnik. Die besten, langlebigsten und wartungsfreundlichsten Produkte sollten nur noch hergestellt werden. Die Denkweise, „Was lange hält, bringt kein Geld.“, muss gestoppt werden. Es bedarf einer Wirtschaftsethik wie sie einmal war. Dabei bildet die Landwirtschaft die Basis und nicht die Industrie.

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