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Stolz auf Sohn Krzysztof Federowicz: Vater Federowicz und Übersetzer Hans Gregor Njemz (v. l. n. r.)
Foto: WagnerStolz auf Sohn Krzysztof Federowicz: Vater Federowicz und Übersetzer Hans Gregor Njemz (v. l. n. r.)

Östlich von Oder und NeißE

Weinbau ist die wahre Identität Grünbergs

Der Weinbauer und Autor Krzysztof Federowicz stellte sein neues Buch vor – Kulturerhalt ist sein Motiv

Chris W. Wagner
03.07.2022

„Doch mehr zu trinken solch sauren Wein, müßt' ich ein geborner Schlesier sein“, heißt es im „Schlesischen Zecher“ des Breslauer Dichters August Kopisch (1799–1853). Alte Klischees, meint dazu der Journalist, Schriftsteller und Winzer Krzysztof Fedorowicz: „Das Gleiche hat man vom Bordeaux gesagt. Zu dieser Mär hat schon der Alte Fritz beigetragen. Er mochte nur süße Weine, und als er den Grünberger Wein probierte, verzog er das Gesicht, weil er ihm zu sauer erschien. Aber das war sein Problem“, betont Federowicz.

Auf den Spuren alter Kellereien

Mit 30 Jahren entschied er sich, unter die Winzer zu gehen. „Ich habe viel über die Geschichte Grünbergs gelesen, wanderte auf den Spuren alter Kellereien und fand wild wachsende Reben im Wald neben unserem Haus. Ich fragte mich, wie sie dort hingekommen sind.“ Die Antwort fand Federowicz, dessen Vater Obst anbaute, in historischen Karten. Überall dort, wo heute Wiesen, Wälder oder Plattenbauten die Stadt markieren, sei Wein angebaut worden.

Federowicz wollte, wie die Vorkriegs-Grünberger, auch Wein produzieren. Dafür musste er den Obstgarten seiner Eltern roden. Seit fast 20 Jahren bestellt er nun das Weingut „Winnica Miłosz“ (Kellerei Miłosz) im 15 Kilometer von Grünberg entfernten Loos [Łaz]. Er ist stolz, alte Rebsorten wie Pino Noir, Traminer oder Tauberschwarz, die seit dem 16. Jahrhundert in Grünberg angebaut wurden, zu kultivieren, aber auch Zweigelt oder Dornfelder. Weinbau sei schwere Arbeit, sagt er, aber noch schwieriger scheine ihm manchmal sein Kampf für den Erhalt des Grünberger Kulturerbes.

Zusammen mit Gleichgesinnten gründete er die Kulturstiftung Tłocznia (Weinpresse). Der Verein organisiert Wanderungen auf den Spuren Eduard Seidels, einem der wichtigsten Grünberger Weinhändler, veranstaltet Tage der offenen Keller, dokumentiert alte Gebäude, die bis in unsere Zeit überdauert haben, einst jedoch mit Weinanbau zu tun hatten. „Die Grünberger lebten vom Weinbau, und so hat fast jeder hier Wein produziert. Dies ist die wahre Identität dieser Stadt, die man wiedererlangen sollte oder wenigstens entdecken“, begründet er sein Tun.

Rechtzeitig zum 800. Gründungsjubiläum der Stadt kam nun die deutsche Fassung des Buches „Jenseits des Vergänglichen. Geschichten von Grünberg und seinem Wein“ von Krzysztof Fedorowicz heraus. Und selbstverständlich spielt der Weinbau die fundamentale Rolle im Buch, das der Autor und sein Übersetzter, Hans Gregor Njemz, letzte Woche als erstes der deutschen Leserschaft im Schlesischen Museum zu Görlitz präsentiert.

Aus dem Jenseits in die Gegenwart führt den Leser August Grempler (1793–1869), der den ersten deutschen Sekt nach Champagner-Art produzierte. Federowicz lässt auch Themen wie Hexenprozesse, Pestseuchen, die Auswanderung der Alt-Lutheraner aus der schlesisch-brandenburgischen Grenzregion nach Südaustralien Mitte des 19. Jahrhunderts oder die Vertreibung der Deutschen von 1945 hineinfließen.

„Polen fängt erst hinter Posen an“

Es ist für ihn quasi das Nachholen dessen, was ihm der polnische Unterricht nicht geboten hatte. „Ich hatte immer schon den Eindruck, dass das wahre Polen erst hinter Posen anfängt, aber eigentlich liegt es erst an der Weichsel. Grünberg war nie wirklich polnisch, erst nach 1945“, sagt der 52-Jährige. Durch sein schriftstellerisches und gesellschaftliches Wirken möchte er den heutigen Grünbergern vor Augen führen, „wie viel verloren geht, wenn man von den Wurzeln abgetrennt wird. Erst wenn man sich mit der Geschichte beschäftigt, wachsen die eigenen Wurzeln und werden stärker. Es geht dabei auch darum, sich dort wohl zu fühlen, wo man geboren ist oder lebt“, sagt der Winzer, für den die Rebe eine Metapher für das Unverwüstliche und das Überdauern des Kulturerbes ist.



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