15.02.2026

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Politiker aller Couleur verstecken sich aus Angst und Orientierungslosigkeit hinter einer Mauer
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Wenn aus Grenzen Mauern werden

Wo diese Wälle – physisch oder mental – errichtet werden, wird nicht mehr überzeugt, sondern strikt getrennt; und dort wird auch nicht mehr begründet, sondern abgewehrt. Deshalb ersetzt nur wahre Freiheit Mauern wirklich

Christian Rudnitzki
15.02.2026

In der öffentlichen Debatte werden inzwischen Szenarien ausgesprochen, die lange als außerhalb des politisch Sagbaren galten. So hat Deutschlands derzeitiger Vorzeige-Philosoph Richard David Precht jüngst erklärt, er halte es für denkbar, dass Alice Weidel in absehbarer Zeit das Kanzleramt erreicht. Entscheidend ist weniger das Szenario selbst als die Haltung, aus der es formuliert wird: der Vorrang der Wahrhaftigkeit des Denkens vor parteipolitischer Loyalität – und vor dem, was man angeblich nicht denken – und erst recht nicht sagen darf. Precht begründet seine Annahme mit einer strukturellen Diagnose: Deutschland sei politisch gelähmt, weitgehend reformunfähig; er vergleicht das Land mit „einem rostigen Tanker, der auf eine Sandbank gelaufen ist“. Aus dieser Lähmung leitet er eine Machtoption ab: Wenn die AfD stärkste Kraft würde, könnte die Mehrheitsarithmetik eine Kooperation erzwingen – womöglich erst nach Verschiebungen innerhalb der Union.

Prechts Verständnis von Öffentlichkeit ist demokratisch im besten Sinne: Es verzichtet auf Denktabus, akzeptiert Widerspruch und nimmt persönliche Angreifbarkeit in Kauf. Ähnlich positioniert sich Autor Henryk M. Broder, der – aus einem anderen intellektuellen Milieu kommend – sein Unbehagen über die Verengung gegenwärtiger Debatten ebenso klar markiert und auf der Eigenständigkeit seiner Einschätzung beharrt: nicht auf ihrer Richtigkeit, sondern auf dem Recht, sie zu begründen – und auszusprechen. Gerade in Übergangszeiten sind solche Stimmen zentral. Sie verteidigen nicht Beliebigkeit, sondern die Voraussetzung jeder freien Ordnung: freies Denken.

Hier rückt ein Bauwerk in den Blick – die Mauer, genauer: die Denkmauer, heute geläufiger als sogenannte Brandmauer. Was in der aktuellen Debatte sichtbar wird, ist daher kein bloßer Tabubruch, sondern ein Bruch im Denken. Die Brandmauer wird nicht zwingend frontal angegriffen oder moralisch skandalisiert – sie wird schlicht nicht mehr als unverrückbare Realität behandelt. Und damit ist eine Schwelle überschritten. Mauern fallen, weil man aufhört, sie zu akzeptieren und an ihre Notwendigkeit zu glauben.

Das ist nur zu verstehen, wenn man den Unterschied zwischen Grenze und Mauer sauber hält. Grenzen sind legitime Instrumente der Selbstbegrenzung. Sie ordnen Zuständigkeiten, Rechte und Pflichten und machen Konflikte bearbeitbar. Eine Grenze sagt nicht: „Du bist unerwünscht“, sondern: „Hier endet mein Anspruch, dort beginnt ein anderer.“ Gerade deshalb sind Grenzen begründungsbedürftig, überprüfbar und revidierbar. Und sie sind unbedingt zu verteidigen, wenn sie überschritten werden. Das nennt man Grenzsicherung. Gesetze wirken genauso: Dass Mord ein Straftatbestand ist, markiert eine klare Grenze – rational begründet, allgemein verbindlich, jederzeit rechtlich überprüfbar. Und daher klar und zwingend sanktionierbar.

Mauern sind etwas grundsätzlich anderes. Sie entstehen dort, wo Grenze nicht mehr als Maß verstanden wird, sondern als Ersatz für fehlende innere Klärung. Eine Mauer ist Grenze plus Aufrüstung: Beton und Stacheldraht – oder, in modernen Demokratien, Tabus, Bannformeln und institutionalisierte Blockaden. Genau das, was im politischen Betrieb rund um die Brandmauer versucht wird: Wo Mauern errichtet werden, wird nicht mehr überzeugt, sondern getrennt; nicht mehr begründet, sondern abgewehrt. Eine Grenze kippt zur Mauer, wenn der Bannstrahl an die Stelle von Argumenten tritt; wenn Maßnahmen als alternativlos quasi heiliggesprochen und der sachlichen Prüfung entzogen werden; wenn nicht mehr Risikobegrenzung, sondern Delegitimierung von Positionen oder Personen dominiert; und wenn der sprachliche Raum verengt wird – konkret: wenn Klartext sozial sanktioniert und durch codierte Rede ersetzt wird.

Die deutsche Teilung liefert dafür das präziseste historische Beispiel. Die Berliner Mauer war kein Zeichen der Stärke der DDR, sondern das offene Eingeständnis politischer Schwäche. Sie wurde nicht errichtet, weil die Deutsche Demokratische Republik akut bedroht war, sondern weil sie politisch und gesellschaftlich nicht konkurrenzfähig war. Die entscheidende Wirkung zielte nach innen: Viele Menschen wollten weg. Die Mauer ersetzte Überzeugung durch Zwang – und erklärte diesen Zwang zur Vernunft. In Wahrheit wurde ein Ausnahmezustand zur Dauerlösung erklärt und Schwäche zur Notwendigkeit umgedeutet. Die Mauer war das sichtbarste Zeichen des Scheiterns eines ganzen Systems.

Der Preis für Mauern ist hoch
Daraus folgt eine Einsicht von praktischer Tragweite: Attraktivität – konkret: Freiheit – ersetzt Mauern. Wo ein Gemeinwesen als Lebens-, Rechts- und Ordnungsmodell überzeugt, entsteht Steuerungsfähigkeit. Zuwanderung, Zugehörigkeit oder Kooperation lassen sich dann über klare Regeln, transparente Verfahren und begründete Auswahl organisieren. Mauern werden notwendig, wo diese innere Attraktivität schwindet – oder nicht mehr plausibel vermittelt werden kann.

Damit ist auch der Punkt erreicht, an dem es politisch konkret wird. Mauern sind regelmäßig Ausdruck von Begründungsschwäche – und der Unfähigkeit, Dissens auszuhalten. Wenn Mauern aus Schwäche entstehen, stellt sich die nächste Frage: Was kosten Mauern – und warum zahlen Gesellschaften diesen Preis immer wieder? Die Brandmauer ist kein abstraktes Prinzip, sondern ein konkreter politischer Kostenfaktor. Und im parteipolitischen Betrieb trifft sie vor allem die Union – weil sie als Partei(en) der Mitte zugleich Stabilität garantieren und Konflikte austragen müsste.

l Der erste Preis ist sprachlich. Wo Zustimmung, Kooperation oder auch nur punktuelle Übereinstimmung mit der AfD tabuisiert sind, wird Klartext unmöglich. Positionen werden umformuliert, entschärft, verkleidet. Es entstehen Ausweichrhetorik und semantische Verrenkungen. Das kostet Glaubwürdigkeit und – entscheidend – Wahrheit. Eine Volkspartei verliert dann nicht primär wegen falscher Inhalte an Substanz, sondern weil sie ihre zentralen Themen nicht mehr verständlich benennen kann. Wer dauerhaft in einem sprachlichen Ausnahmezustand operiert, verliert am Ende zwangsläufig sogar die Klarheit über das eigene Denken.

l Der zweite Preis ist eher politisch. Eine Mauer erzwingt permanente Selbstverkleinerung. Manche legitime konservative Positionen lassen sich kaum noch ausformulieren, ohne sofort in Verdachtsnähe zu geraten. Daraus entsteht ein strukturelles Dilemma: Hält man an der Mauer fest, verliert man Profil; versucht man, Profil zu gewinnen, riskiert man Sanktionen.

l Der dritte Preis ist strategisch. Wer sich selbst blockiert, blockiert seine Zukunftsoptionen. So reduziert eine Mauer Handlungsspielräume, verengt Koalitionslogiken und macht Politik reaktiv. Es wird nicht mehr aus eigener Stärke gehandelt, sondern aus Angst vor Grenzverletzungen – oder präziser: vor den eigenen „Mauerschützen“. Nicht mehr programmatische Klarheit entscheidet, sondern die Frage, was noch gesagt werden darf. Das ist kein Zeichen von Stabilität, sondern Ausdruck innerer Unsicherheit.

An diesem Punkt sind Namen nicht Beiwerk, sondern Teil der Diagnose. Friedrich Merz verwaltet als Parteichef genau diese Selbstbindung der Union – unter realen Mehrheitsverhältnissen und wachsendem Druck. Die Frage ist nicht, ob er „schuld“ ist, sondern ob er erkennt, welchen langfristigen Preis eine Ordnung zahlt, die sich zunehmend über Ausschluss stabilisiert. Und weiter zurückgefragt: Angela Merkel hat nach 1990 nicht „DDR-Ideologie“ in die Bundesrepublik gebracht – aber sie hat, bewusst oder unbewusst, eine politische Form stabilisiert, die DDR-typische Mechaniken berührt: Entpolitisierung von Konflikten, moralische Bannlogik statt Streit der Gründe, ein Regierungsstil, der Entscheidungen gern als Sachzwang rahmte. Wo Politik so in Verwaltung übergeht, schrumpft der Raum des Gestaltbaren. Und wo Gestaltbarkeit schrumpft, werden Mauern attraktiv – nicht aus Souveränität, sondern aus Unsicherheit. Es wäre deshalb nicht überraschend, wenn eine künftige Ordnungskrise der Bundesrepublik auch als Spätfolge dieser Struktur gelesen wird – und Merkel, als Architektin ihrer Epoche, dabei als Mitverantwortliche erscheint: nicht als Hauptursache, aber als eine, die das Land weniger streit- und damit weniger steuerungsfähig gemacht hat.

Welcher gemeinsame Maßstab?
Das Entscheidende ist dabei nicht, ob die Brandmauer „richtig“ oder „falsch“ ist, sondern was sie verrät: den Übergang von Politik als Gestaltung zu Politik als Verwaltung von Risiken. Wo politische Ordnung primär durch Ausschluss stabilisiert werden soll, ist der Raum des Gestaltbaren bereits geschrumpft. Die historische Lehre bleibt daher gültig – gerade ohne Pathos: Mauern stürzen nicht ein, weil sie angegriffen werden. Sie stürzen ein, weil sie innerlich überflüssig geworden sind. Der sichtbare Zusammenbruch folgt dem Verlust innerer Zustimmung, nicht umgekehrt. In diesem Sinn hat Precht einen klaren Instinkt – und formuliert ihn offen.

An Sinnhaftigkeit glauben
Hätte eine Brandmauer Weimar gerettet? Genau diese Frage ist der Prüfstein – und sie entlarvt die Brandmauer-Logik als Ersatzhandlung. Weimar scheiterte nicht daran, dass es zu wenig Ausgrenzung gab. Weimar scheiterte an innerer Erosion, an einem Verlust gemeinsamer Maßstäbe, an delegitimierten Institutionen, an Eliten, die sich nicht mehr auf eine tragfähige Ordnung verpflichten konnten – und an Bürgern, die den Sinn dieser Ordnung nicht mehr glaubten. Wo Legitimität kollabiert, werden Brandmauern zur Kulisse: Man stellt Absperrbänder auf, während die Substanz bröckelt.

Institutionen halten nur, solange Bürger und Eliten an ihre Sinnhaftigkeit glauben. Wird dieser Glaube durch Dauerkrisen, moralische Ersatzreligionen, Koalitionsarithmetik oder Ermüdung ausgehöhlt, verschiebt sich das Zentrum der Politik: weg von Begründung und Zustimmung, hin zu Druck und Angst. Dann zählen weniger Argumente als Markierung von Gegnern, Schließung von Räumen, Erzwingung von Loyalität. Gewalt – offen oder strukturell – tritt an die Stelle vernünftiger Aushandlung. Darum lautet der Prüfstein: Welchen Maßstab tragen wir gemeinsam? Welche innere Klärung stiftet Legitimität – so, dass Grenzen wieder als Maß wirken können. Bleibt diese Frage unbeantwortet, ist jede Brandmauer vor allem eines: ein Signal von Unsicherheit.

Mauern ersetzen nicht Orientierung
Die Geschichte kennt viele Mauern – und kaum eine, die dauerhaft Schutz geboten hätten. Der römische Limes gegen die Germanen markierte eine Grenze, hielt aber den inneren Zerfall Roms nicht auf. Die Chinesische Mauer verschlang über Jahrhunderte immense Ressourcen, Menschenleben und Arbeitskraft, ohne China vor Invasionen, Fremdherrschaft oder innerer Implosion zu bewahren. Auch Sperranlagen können Gewalt nicht verhindern, wenn politische Klarheit, strategische Wachsamkeit und innere Ordnung fehlen. Mauern mögen Zeit kaufen – Orientierung ersetzen sie nicht.

Es fällt schwer, überhaupt eine Mauer zu nennen, die auf Dauer wirklich Sinn gehabt und Schutz gewährt hat. Doch eine Ausnahme gibt es – allerdings in einem völlig anderen Sinn: die alte Tempelmauer in Jerusalem, die Klagemauer (Western Wall).

 Sie ist nämlich keine Schutzmauer, und auch keine Abwehrarchitektur, ebenso keine Grenzanlage. Sie ist eine reine Erinnerungsmauer. An ihr wird Verlust betrauert: das Vergangene, das Gescheiterte, das, was nicht zu halten war. Ihre Ehrlichkeit liegt darin, nichts mehr zu behaupten, was nicht haltbar ist.

Gerade westliche Politiker – und besonders die deutschen – täten gut daran, sich daran zu erinnern. Bestimmte Entwicklungen sind ohne Umkehr im christlichen Sinn nicht aufzuhalten: ohne innere Neuorientierung, ohne Wahrheit über das Eigene, ohne die Bereitschaft, Verantwortung neu zu tragen. Geschichte ist in diesem Punkt erbarmungslos. Sie lässt sich weder durch taktisches Zögern noch durch semantische Verrenkungen oder moralische Sperranlagen überlisten.

Doch dazu braucht es klare Grenzen. Aber ganz bestimmt keine Mauern.


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