09.01.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Von der Einmündung Besselstraße in den Steindammer Wall aus gesehen: Die Neue Anatomie Königsberg zur Zeit der Fertigstellung 1934
Bild: Bildarchiv OstpreußenVon der Einmündung Besselstraße in den Steindammer Wall aus gesehen: Die Neue Anatomie Königsberg zur Zeit der Fertigstellung 1934

Preußen

Wie der Freistaat in Königsberg baute

Die Organisation des Baus und der Verwaltung preußischer Staatsbauten in Ostpreußens Hauptstadt

Ingo Sommer
08.01.2026

Die preußische Bauverwaltung geht auf den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. zurück, der 1723 in den Provinzen Baudepartements einrichtete und ein Baureglement erließ. 1770 etablierte Friedrich der Große ein zentrales Oberbaudepartement in Berlin. Danach organisierte der oberste preußische Baubeamte Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) in seiner Dienstzeit 1810 bis 1841 ein straffes Staatsbauwesen, das alle Bereiche von Architektur, aber auch Kunst und Baumeisterausbildung umfasste. 100 Jahre später verfügte der Freistaat Preußen mit seinen 13 Provinzen über insgesamt knapp 200 Preußische Hochbauämter mit zusammen 1.500 Baubeamten und -angestellten. Jeder dritte von ihnen hatte ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule und eine zusätzliche Baubeamtenausbildung in Berlin absolviert. Sie entwarfen, planten und bauten: Gebäude für Justiz, Polizei, Domänen, Staatsarchive, staatliche Schulen, Staatstheater, Akademien, Hochschulen, Universitäten, Forschungsinstitute, staatliche Schlösser und Museen sowie Dienstgebäude für Forstverwaltung, Wasserbauverwaltung, Regierung, Ministerien und Landratsämter. Obendrein Kirchen, soweit unter fiskalischem Patronat.

1.500 Baubeamte und -angestellte
In Königsberg führte der Regierungspräsident als Mittelinstanz Aufsicht über das Staatsbauwesen. Er residierte ab 1881 gemeinsam mit dem Oberpräsidenten für Ostpreußen in einem opulenten Neorenaissance-Bau in der Mitteltragheimer Straße. Der Bedeutung des Gebäudes entsprechend waren die Entwürfe in Berlin von Baudirektor Karl Friedrich Endell von der Bauabteilung des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten gefertigt worden. Seit Schinkel wurden alle einigermaßen bedeutsamen Staatsbauten von höheren und höchsten Baubeamten in Berlin entworfen. Für Königsberg beispielsweise: Albertus-Universität (August Stüler 1844–1862), Medizinische Universitätsklinik (1895), Ostpreußische Landschaft (Max Leidich 1901–1903), Polizeipräsidium (Oskar Launer/Eduard Fürstenau 1912–1914), Eichamt (Oskar Delius 1912), Land- und Amtsgericht (Eduard Saal 1913–1917), Hufengymnasium (Oskar Delius 1913–1915). In den 1920er Jahren bestanden in Königsberg, das 1933 bereits 316.000 Einwohner zählte, mehrere Preußische Hochbauämter: Königsberg-Mitte, -Ost, -Süd und Königsberg-Schloss, zeitweise zusätzlich das Universitätsbauamt. Sie wurden 1931 in Staatshochbauämter umbenannt. Ihnen oblagen Bauleitung und Überwachung der Berliner Entwürfe. Bei besonderen Bezügen wurden auch freie Architekten oder Hochschullehrer mit Entwürfen beauftragt wie bei der Baugewerkschule (Eugen von Czihak 1897) oder der Kunstakademie (Friedrich Lahrs 1910–1916).

Königsberg bedurfte in den 1920er Jahren wegen der abgeschnittenen Lage jeder Hilfe aus Berlin. Ab 1918 fanden daher Ostpreußenkonferenzen statt, 1920 wurde dort sogar eine eigene Ostpreußenstelle beim Reichs- und Staatsministerium gegründet. Auch das preußische Staatsbauwesen wurde eingesetzt, um den Standortnachteil Königsbergs aufzuwiegen. Wiederum entwarfen Berliner Ministerial-Baubeamte beispielsweise die sachlich-ornamentreduzierte Erweiterung des Hufen-Oberlyzeums (Konrad Dammeier 1922–1924), den hanseatisch monumentalen Klinkerbau der Burgschule (Gustav Kaßbaum 1926–1927), die nüchtern-funktionale Erweiterung von Land- und Amtsgericht (Georg Lesser 1927–1931), den eigenwilligen Ziegelbau der Evangelischen Kreuzkirche (Arthur Kickton 1930–1933) oder die kompromisslos moderne Handelshochschule (Hans Malwitz 1930). Die Staatsarchitektur wurde sichtbar moderner, wenigstens aber gemäßigt modern: Ein wirkliches Umsteuern zum Neuen Bauen fand erst 1928 statt, als Martin Kießling im Finanzministerium Bauabteilungsleiter und Ministerialdirektor wurde. Das belegen die Königsberger Bauten Kreuzkirche und Handelshochschule.

Als der in Ostpreußen geborene Hans Malwitz (1891–1987), zuständiger Referent für Hochschulbauten im Berliner Finanzministerium, 1928 die Planung der vorgenannten Handelshochschule begann, sah er auf dem Grundstück acht gereihte, funktional platzierte Trakte vor. Aber es musste gespart werden. Übrig blieben drei kubisch-strenge Putzbauten: bis zu drei Geschossen hoch und mit gleichmäßigen Fensterreihungen durchzogen. Malwitz plante auch die Neubauten der TH Berlin und in der NS-Zeit die Wehrwissenschaftliche Fakultät. In Münster dirigierte er später das Nachkriegsuniversitätsbauwesen.

Neben den genannten Ministerialbaubeamten in Berlin waren in den Ortsbaudienststellen, den Königsberger Hochbauämtern wahrscheinlich ein Dutzend höhere Baubeamte tätig. Aus der Reihe der höheren Baubeamten sind zu nennen: Baurat Knappe, Richard Dethlefsen, E. Genzmer, Alfred Henrich, Erwin Holtz, Georg Jaeckel, Ernst Klehmet, Siegfried Kraatz, Karl Meyer, Kurt Rautenberg etc. Unter ihnen ragt der in Tilsit geborene Robert Liebenthal (1884–1961) heraus.

Liebenthal war 1924 nach Dienstverwendungen in Berlin, Potsdam, Frankfurt an der Oder und Goldap Leiter des Universitätsbauamtes geworden. Sein schmucklos kantiger Neubau des Staatsarchivs (1929/1930) ist eine unübertroffene eigenständige Meisterleistung der preußischen Bauverwaltung: Der sechsgeschossige, 60 Meter lange Magazintrakt am Hansaring ist durch ein gläsernes Treppenhaus als Gelenk mit dem massiven Bürotrakt an der Salzastrasse verbunden. Der Stahlskelettbau verfügt nach Norden über eine geschosshohe Verglasung. Er gilt als bedeutsamster Archivneubau der Weimarer Republik. Auch wenn man hin und wieder das Gegenteil liest, hat er mit dem Bauhaus in Dessau nichts zu tun. Das gilt auch für den modernen Erweiterungsbau der Albertus-Universität (1924–1927), der ja bereits ein Jahr vor den Dessauer Bauhaus-Gebäuden von Liebenthal entworfen wurde. Auch der Neubau der Neuen Anatomie Königsberg (1930–1934) am Steindammer Wall gehörte zu seinem Arbeitsbereich: Ein dreigeschossiger weißer Putzbau mit einem herausgehoben halbrundem Hörsaaltrakt. Das eindrucksvollste Beispiel Neuen Bauens in Ostpreußen überhaupt. Es ist glücklicherweise erhalten und restauriert worden.

Bedürftigkeit nach Hilfe aus Berlin
Preußische Staatsbauten im weiteren Sinne waren auch Bauten der Provinzialverwaltungen. Sie waren für zugewiesene Aufgaben zuständig, die mit Straßenbau, Wirtschaft, Sozialpolitik und Kulturpflege zu tun hatten. Die preußischen Baubeamten hießen hier Landesbauräte, Provinzialbauräte, Provinzialkonservatoren etc. Ostpreußische Zentrale war das Landeshaus in Königsberg (C.W.G. Krah 1878).

Reichsbauten in Königsberg waren beispielsweise das Zollverwaltungsgebäude (1924) am Hafen, das Landesfinanzamt (Friedrich Lahrs 1928), das Arbeitsamt (1928–1931) an der Friedrich-Ebert-Straße: die beiden letzteren voluminöse Ziegelgebäude von expressionistischem, aber auch modernem Aussehen.

Die Königsberger Zentralen von Oberpostdirektion (1916) und Reichsbahndirektion (1920) wurden durch eigene Bauabteilungen realisiert und zeigten vorwiegend konservative Architekturauffassungen. Erst in den späten 1920er Jahren kam es zu moderneren Postämtern, Telegrafenämtern sowie Bahnhöfen.

Die Reichsbank (vormals Preußische Bank) modernisierte 1926 bis 1928 ihre Königsberger Hauptstelle am Schlossplatz nach Planungen von Reichsbank-Baudirektor Heinrich Wolff.

Garnison-Bauämter, Standort-Bauämter, Festungsbaugruppen etc. verfügten über eigene Baubeamte und pflegten eine traditionelle Architekturauffassung. Königsberg galt als größte Garnison der Weimarer Republik. Nennenswerte Militärbauten jedoch entstanden in den 1920er Jahren nicht.

Prof Dr. Ingo Sommer ist Autor der Monographie „Preußische Moderne: Vom Ende der Pracht und einer neuen Baukunst 1918–1933“, Quellen und Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, Band 59, Duncker & Humblot, Berlin 2024.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS