30.08.2025

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Gelsenkirchen vor den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges: Gut zu erkennen sind die im Stadtzentrum sich gegenüberstehenden  großen Gotteshäuser beider Konfessionen, die katholische Propsteikirche St. Augustinus (r.) und die evangelische Altstadtkirche (
Bild: picture allianceGelsenkirchen vor den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges: Gut zu erkennen sind die im Stadtzentrum sich gegenüberstehenden großen Gotteshäuser beider Konfessionen, die katholische Propsteikirche St. Augustinus (r.) und die evangelische Altstadtkirche (

Königreich Preußen

Wie Gelsenkirchen masurisch wurde

Ostpreußische Zuwanderer: Erwartungen, Erfahrungen, Integration und warum sie „richtig Deutsch“ lernen sollten – 1. Teil

Dieter Chilla
30.08.2025

Das Wort „Masuren“ ist zu einem mythischen Begriff geworden. Allein die Abfolge der Selbstlaute „a“ und „u“ schmeichelt dem menschlichen Ohr. Die Landschaft Masuren liegt weit im Osten, mehr als tausend Kilometer von Gelsenkirchen entfernt. Doch gerade diese Bevölkerungsgruppe aus dem entlegenen südlichen Ostpreußen stellte einen prägenden Anteil an der Gelsenkirchener Bevölkerung. Sie kamen aus einer der entlegensten Waldregionen des damaligen Deutschen Reichs.

Als Gelsenkirchen nach den napoleonischen Kriegen zusammen mit dem Rheinland und Westfalen im Zuge der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress Preußen zugeschlagen wurde, war es noch ein Dorf. Um 1819 hatte es nicht mehr als 505 Einwohner. Im Zuge der Industrialisierung stieg dann die Einwohnerzahl durch Zuzug und kommunale Neugliederungen derart stark an, dass die Stadt 1903 zur Großstadt ernannt wurde. Nach den Eingemeindungen von Buer und Horst sowie dem Zustrom von Flüchtlingen – zu einem großen Teil auch aus Ostpreußen – erreichte Gelsenkirchen 1959 die historisch höchste Einwohnerzahl von fast 400.000 Personen. 1949 stellte der spätere Gelsenkirchener Verwaltungsdirektor Bernhard Kolkenbrock in einer Untersuchung fest, dass ungefähr zwei Drittel der damaligen Einwohner aus dem Kreis Ortelsburg und den masurischen Nachbarkreisen stammten. Zeitweise trug die Ruhrgebietsstadt sogar den Beinamen „Klein Ortelsburg“. Welche Erfahrungen brachten diese Menschen mit, die in Ostpreußen überwiegend in der Landwirtschaft, in den Forsten gearbeitet hatten? Vor allem: Wie ist ihre vorbildliche Integration innerhalb weniger Jahrzehnte gelungen?

„Klein Ortelsburg“
Mehrere historische Quellen von evangelischen Geistlichen, in der Zeit ab 1890 erstellt, geben uns reichhaltige Informationen zur Identität der Masuren, die ins Ruhrgebiet zogen: Bald nach der Reichsgründung 1871 zogen Werber im Auftrag der Kohlen- und Stahlbarone an der Ruhr in die Dörfer des südlichen Ostpreußens. Ihre Aufgabe war es, junge Menschen für den Umzug ins westfälische Industriegebiet zu gewinnen. Der Bedarf an Arbeitskräften in den Gruben und an den Hochöfen konnte nicht mehr aus Westfalen und den umliegenden Regionen gedeckt werden. Ein erhaltener Werbetext ist in adressatengerechter Weise geschickt konzipiert. Aus ihm lässt sich ablesen, worauf die jungen Menschen um 1900 in Masuren ansprachen. Guter Lohn wurde in Aussicht gestellt: Ein Hauer vor Kohle konnte über fünf Mark verdienen, ein damals deutlich über dem Durchschnitt liegender Arbeiterlohn. Ein eigener Garten zum Gemüseanbau wurde in Aussicht gestellt, ein Konsumladen in der Nähe bot „billige Lebensmittel“. Das Einkommen konnte noch durch die Versorgung von Kostgängern, Neulingen im Bergbau ohne Familie, im eigenen Haushalt erhöht werden. Die Frauen mussten nicht mehr Schwerstarbeit auf dem Feld leisten, sondern durften sich der Familie widmen.

Für junge Leute waren diese Angebote außerordentlich verlockend, zumal von den Weggezogenen aus Westfalen weitgehend bestätigt wurde, dass die Arbeits- und Lebenssituation zwischen Ruhr und Emscher bedeutend besser war als am ostpreußischen Grenzflüsschen Omulef. Dort waren die Grundstücke vielfach durch Realerbteilung parzelliert, sodass zahlreiche Nachgeborene von dem ererbten Besitz kaum leben konnten, sich als Waldarbeiter oder Knechte verdingen mussten. Die Werbeangebote waren so verlockend, dass sich Hunderttausende junger Menschen in den Westen begaben. Nicht bekannt war den angehenden Bergleuten die Gefahr der Erkrankung an einer Quarzstaublunge, die zu langem Siechtum und frühem Tod führen konnte. Die Behörden hatten davon offensichtlich Kenntnis, der kirchliche Aufsichtsbeamte Hermann Pelka erwähnt diese Krankheit in seinem Visitationsbericht von 1898.

Der nunmehr ab den 1870er Jahren einsetzende Zuzug von Masuren ins rheinisch-westfälischen Industriegebiet stellte die evangelische Kirche vor bisher unbekannte, nur schwer zu lösende Herausforderungen. Die Neuankömmlinge aus dem Osten des Königreichs Preußen kamen in den Westen Preußens zwischen Ruhr und Lippe und damit in eine Region, die traditionell katholisch geprägt war. Die ostpreußischen Zuwanderer waren in Bräuchen und Kleidung durch ihre noch vorindustrielle ländliche Heimat beeinflusst, trugen in der Mehrheit als zutiefst überzeugte Protestanten und Pietisten schmucklose, dunkle Kleidung und kommunizierten, wenn sie unter sich waren, in Masurisch, einer heutzutage untergegangenen Mischung aus Altpolnisch und deutschen Elementen. Offensichtlich gab es zahlreiche Mitglieder in den Presbyterien, welche die sprachlichen und kulturellen Eigenheiten der Masuren nicht akzeptierten und schlichtweg forderten, dass die Masuren endlich richtiges Deutsch lernen müssten.

Eine Hinwendung der Masuren zu den überwiegend aus Russisch-Polen oder Oberschlesien zugewanderten Katholiken war undenkbar. Während die Ostpreußen bekennende Anhänger des Königs von Preußen waren und den ausschließlich in deutscher Sprache erteilten Schulunterricht begrüßten, lehnten die Polen Preußen rundweg ab und forderten über viele Jahre hinweg massivst und kontinuierlich, durch zahlreiche Dienstaufsichtsbeschwerden unterstützt, rein polnischen Unterricht in den Schulen des Kohlereviers. Die Masuren selbst bezeichneten sich als „echte Söhne Preußens“. Selbst die Wohnsiedlungen der Masuren und Polen waren voneinander getrennt.

„Echte Söhne Preußens“
Obwohl vor dem Ersten Weltkrieg die Anzahl der Ostpreußen in den Kirchengemeinden Gelsenkirchens die Anzahl der „Hiesigen“ um ein Vielfaches überstieg, versuchte man, sie bei den Wahlen in die Presbyterien mit zahlreichen Manipulationen von Ämtern fernzuhalten. Die Einrichtung neuer Pfarrstellen konnte mit dem Zustrom der Masuren ins Ruhrgebiet kaum Schritt halten. So war die Gelsenkirchener Altstadtkirche um die Jahrhundertwende an Sonntagen mit durchschnittlich 1200 Besuchern regelmäßig überfüllt. Viele Ostpreußen konnten zu diesen riesigen Gemeinden mit häufig wechselnden Pastoren nur schwer eine Beziehung aufbauen und orientierten sich an den extrem pietistisch ausgerichteten Gebetsvereinen (genannt Gromadki, das bedeutet „Häuflein“), die seit Generationen hohe Bindungskraft und Autorität in ihrer Heimat und dann auch im Industriegebiet ausübten. Die Prediger der Gebetsvereine waren gleichzeitig Ansprechpartner in vielen Alltagsfragen. Die Kirchenleitung erkannte diese komplexe Konkurrenzsituation und stationierte ab 1887 Synodalvikare im Ruhrgebiet, die ein theologisches Vollstudium absolviert hatten und als zusätzliche Betreuer ohne Pfarramt in den Gemeinden tätig wurden. Sie wurden vorab im Sammelvikariat Karlshof fortgebildet und hielten sich ein halbes Jahr im südlichen Ostpreußen zum Erlernen der Sprache der Masuren und zum ersten Vertrautwerden mit deren Lebensweise auf. Unterstützt wurden die Synodalvikare in jeder Kirchengemeinde durch zwei bis drei „Koscielniks“ (Kirchenmänner), die aus der Mitte der Gemeinde per Akklamation gewählt waren.

Den 2. Teil lesen Sie in der nächsten Nummer der PAZ.


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