31.03.2025

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
1978 ist Hans Rosenthal (Florian Lukas) auf dem Höhepunkt seiner Karriere mit seinem erfolgreichen Ratespiel „Dalli Dalli“
Bild: ZDF/Ella Knorz1978 ist Hans Rosenthal (Florian Lukas) auf dem Höhepunkt seiner Karriere mit seinem erfolgreichen Ratespiel „Dalli Dalli“

Hans Rosenthal

Zwei Leben in Deutschland – nun auch als Fernsehfilm

Anlässlich von dessen 100. Geburtstag am 2. April würdigt das ZDF den Holocaust-Überlebenden „Dalli Dalli“-Moderator und Berliner mit einem Biodrama und einer nachfolgenden Dokumentation

Angela Meyer-Barg
28.03.2025

Es gibt Sätze, die sind Kult, egal, welches Jahr gerade geschrieben wird: „Sie sind der Meinung, das war – Spitze!“ gehört dazu. Ergänzt durch das Bild eines in die Luft springenden Moderators, dessen hochgerissener Arm mit dem ausgestreckten Zeigefinger zum Standbild gefriert. Hans Rosenthal hatte den Sprung erfunden, er war sein Markenzeichen. Bis zu seinem frühen Tod gehörte er mit dem Quiz „Dalli, Dalli“ zu den beliebtesten Entertainern des deutschen Fernsehens. Welch ungeheure Bürde auf dem schmächtigen Mann lastete, ahnte wohl niemand. Deutschland und seine Unterhaltungskünstler waren Meister des Verdrängens.

Am 2. April wäre der Berliner Quizmaster 100 Jahre alt geworden. Der ZDF-Film mit klassischer eineinhalbstündiger Spielfilmlänge „Rosenthal“ (7. April, 20.15 Uhr, gefolgt ab 21.45 Uhr von der Doku „Hans Rosenthal – zwei Leben in Deutschland“) beleuchtet erstmals die Bruchstelle, als die heile Welt Risse zeigte. Und er enthüllt die satte Ignoranz, in der sich das aufstrebende Land eingerichtet hatte – die ZDF-Granden inklusive.

Deutschland Ende der 1970er: Helga Feddersen und Didi Hallervorden juchzen „Du, die Wanne ist voll“, Werner Höfer und seine Frühschoppen-Gäste qualmen und heben Sonntag für Sonntag die Bembel, die braune Vergangenheit des Gastgebers ist noch unbekannt, genauso wie die Begriffe „Trauma“ oder „posttraumatische Belastungsstörung“. Dass ausgerechnet der beliebte Quiz-Moderator jüdischen Glaubens ein schwer Traumatisierter war – wer wollte das schon wissen? Er selbst wohl am allerwenigsten. Unterhalten wollte er, geliebt werden, und das funktionierte doch sehr erfolgreich.

Fernsehfilm am 7. April ab 20.15 Uhr
Der Film allerdings bewegt sich unaufhaltsam auf eine Krise zu, die selbst ein „Hänschen“ Rosenthal, herausragend verkörpert von Florian Lukas, nicht ignorieren kann. Am 9. November 1978 soll in der Kölner Synagoge erstmals der sogenannten Reichskristallnacht gedacht werden. Genau 40 Jahre ist es her, als Nationalsozialisten am 9. November 1938 in einer Orgie der Gewalt jüdische Geschäfte zerstörten und Synagogen niederbrannten. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt wird in Köln sprechen, Hans Rosenthal ist als Ehrengast geladen. Für ihn ein furchtbares Dilemma: Der Holocaust-Überlebende soll ausgerechnet an jenem Tag die 75. Ausgabe von „Dalli Dalli“ moderieren. Live, wie immer. Er bittet darum, die Sendung zu verschieben. Der Programmdirektor, den Cognacschwenker in der Hand, ist völlig entgeistert. Reichskristallnacht? Ist das nicht sehr lange her? Der Pflichtmensch Rosenthal zieht seine Sendung durch. Allerdings setzt er ein Zeichen, tritt im schwarzen Anzug auf, mit schwarzem Binder. Gespielt werden an diesem Abend nur Opernarien. „Wir würden dem Anliegen des Gedenktages nichts Gutes tun, wenn wir eine Sendung wie ,Dalli Dalli' ausfallen ließen“, wird der damalige ZDF-Intendant Dieter Stolte später verlautbaren. Trotzdem: Die heitere Amüsiermaschine Fernsehen ist ins Stocken geraten. Ein Jahr später wird die US-amerikanische Serie „Holocaust“ mit Meryl Streep ausgestrahlt, in der den Deutschen vorgeführt wird, was in ihrem Land unter vieler Augen geschah.

Und Rosenthal? Der Film zeigt ihn im Ferienhaus auf Föhr und zu Hause am Küchentisch, wo ihm seine Ehefrau Traudl, gespielt von Silke Bodenbender, sein Lieblingsgericht serviert: Schnitzel mit Gurken-Kartoffelsalat. Geradezu eine Karikatur deutscher Eigenschaften liefert dieser Überlebende mit seinem Fleiß, seiner Akribie, seiner Selbstausbeutung. Birgit und Gert nennt er seine Kinder. Gert nach seinem jüngeren Bruder, der deportiert und 1942 in einem Wald bei Riga erschossen wurde. In Rückblenden wird gezeigt, wie dieser scheinbar so unbeschwerte Publikumsliebling überlebte: die Eltern früh gestorben, ganz allein auf sich gestellt, mit seinem Bruder in einem Waisenhaus untergebracht. Mit 17 muss der Ältere die Anstalt verlassen. Aber wo soll er unterkommen? Hans Rosenthal verdankt sein Leben dem Mut einer Berlinerin, einer lockeren Bekannten seiner Großmutter, die ihn in ihrer Gartenlaube in Berlin-Lichtenberg versteckt. Als seine Beschützerin Ida Jauch kurz vor Kriegsende stirbt, nehmen deren Freundinnen den Heranwachsenden in ihre Obhut. Tageslicht sieht er nur, wenn die Menschen in Bunkern Schutz suchen und er kurz Luft schnappen kann. „Ich dachte, es würde vielleicht sechs Wochen dauern. Wenn ich gewusst hätte, dass ich mich zwei Jahre lang verstecken muss, hätte ich wohl nicht durchgehalten“, sagt Rosenthal in der nachfolgenden Doku. Der Überlebende, bei Kriegsende ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung, fängt als Volontär beim Berliner Rundfunk an, arbeitet sich bienenfleißig nach oben. Später wechselt er zum Rias, entwickelt Ratespiele wie „Wer fragt, gewinnt“ und „Allein gegen alle“, avanciert zum Unterhaltungschef. Rastlosigkeit wird sein Leben bestimmen. „Die Urlaube mit meinem Vater waren toll“, sagt sein Sohn Gert, der Rechtsanwalt wurde. „Sonst habe ich ihn nicht oft gesehen.“

Doku am 7. April ab 21.45 Uhr
Die Vergangenheit kocht noch einmal hoch, als in Bad Hersfeld Veteranen der SS geehrt werden sollen. Rosenthal nutzt seine Popularität für einen flammenden Appell: „Herr Bürgermeister, noch haben sie die Gelegenheit, diese Ehrung ganz schnell abzusagen“, sagt er vor laufenden Kameras. Die folgende Demo von über 8000 Menschen, die sich durch Bad Hersfeld zieht, wirkt wie ein Fanal.

Mit Anfang 60 erkrankt der Moderator schwer. Als er Ende 1986 den „Telestar“ für sein Lebenswerk erhält, wird er noch einmal betonen, was ihm, dem einst Geächteten, so wichtig war. „Ich merke, dass ich heute Abend zu Ihnen gehöre, das erfüllt mich mit großer Freude.“ Wenige Monate später erliegt er seiner Krebserkrankung.

Ida Jauch, die den gehetzten Waisenjungen in ihrer Gartenlaube versteckte und ihre kargen Notrationen mit ihm teilte, wird Jahre später in der Gedenkstätte Yad Vachem in Jerusalem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Sie und ihre couragierten Freundinnen, wird Rosenthal in seinen Memoiren „Zwei Leben in Deutschland“ schreiben, machten ihm Mut, in Deutschland seinen Weg zu finden.

Der Fernsehfilm und die Dokumentation sowie die „Dalli Dalli“-Folge vom 9. November 1978 sind schon jetzt im Internet in der Audiothek des ZDF zu sehen: www.zdf.de/filme/rosenthal-movie-100 


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS