01.02.2026

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Norbert Zach (r.) mit seinem Großcousin Ullich auf einer emotional besonderen Wanderschaft durch Schlesien. Das kleine Foto zeigt die Brüder Waldemar und Manfred Zach im Jahr 1946
Bilder: Norbert ZachNorbert Zach (r.) mit seinem Großcousin Ullich auf einer emotional besonderen Wanderschaft durch Schlesien. Das kleine Foto zeigt die Brüder Waldemar und Manfred Zach im Jahr 1946

Teil 2

80 Jahre danach: Auf Spuren der Vertriebenen

Norbert Zach und sein Großcousin Ullich liefen die 153 Kilometer des Hermwalder Flüchtlingstrecks erneut ab

Dieter Babbe
01.02.2026

In Luckau, der damaligen Kreisstadt, kamen die verbliebenen vier Familien aus Hermswalde mehr als eine Woche im Scheunenviertel unter, man hatte also endlich mal wieder ein Dach über dem Kopf. Die Schattenseite: Alle hier ankommenden Flüchtlinge wurden gründlich gefilzt – heißt: Sie mussten ihre Uhren und anderen letzten noch vorhandenen Wertgegenstände, auch das restliche Geld, abgeben. Viele Russen trugen an ihren Unterarmen teilweise bereits drei, vier Uhren – egal, sie nahmen einem alles.

Wichtig war außerdem: Die Flüchtlinge wurden aufgefordert, ihre Personaldokumente, wo ja die Stempel mit Hakenkreuzen drauf waren, abzuliefern. Damit galten die Hermswalder zwar als entnazifiziert, brauchten jetzt aber nun neue Ausweise. Tante Agnes und Onkel Gustav besorgten für alle auf dem Treck eine Zuweisung nach Wehnsdorf. Das Papier war für die Gruppe aus Hermswalde wichtig, um sich bei Kontrollen ausweisen zu können und damit sich außerdem die Frauen vor den Übergriffen der Sowjetsoldaten sicherer fühlten.

Nicht überall willkommen
Von Luckau aus machte sich der Treck aus Hermswalde in der letzten Etappe auf den Weg zum anvisierten Ziel: Wehnsdorf. Hier wurden die vier Familien mit den insgesamt zehn Personen von Frau Jetschmann aufgenommen. Geschlafen haben sie in der Scheune, gekocht wurde in der Waschküche. Paul Damm, der, wie schon beschrieben, vorher Hermswalde verlassen hatte und hier untergekommen war, bewirtschaftete die Ackerflächen des Hofes und hatte auch seine Pferde untergestellt. Alle Höfe in Wehnsdorf waren mit Flüchtlingen voll belegt, hier nach Esswaren zu betteln war aussichtslos. Aber der Wassergraben, der über die Wiesen Richtung Großkrausnik verlief und über Kleinkrausnik in den Lugkteich floss, hat für so manchen Hechtbraten gesorgt. Auch das Tellereisen leistete in Wehnsdorf wieder gute Dienste. Im Dorf sind die Flüchtlinge von den „Ureinwohnern“ – wie woanders auch – nicht nur freundlich empfangen worden. So hat ein Wehnsdorfer seinen Hund auf Flüchtlinge gehetzt. Am 1. Mai wurde am Gehöft Müller ein Maibaum aufgestellt und die Vertriebenen führten ihrer Tradition entsprechend einen Bändertanz auf. Der wurde dann aber untersagt, mit der Begründung, diese Tradition habe eine Nazi-Vergangenheit (was so nicht stimmt) und sei verboten.

In den nächsten Tagen wurden die Hermswalder auf andere Höfe im Dorf verteilt. Die Zachs wurden zunächst bei Kiels, später bei Käbes untergebracht. Doch nicht für lange. Gleich nach der Ankunft in Wehnsdorf lernte die verwitwete Frieda Rißmann den Junggesellen Helmut Wolschke aus Kleinkrausnik kennen. Nur ein paar Wochen später, am 1. September, heirateten beide, sodass die Familie Zach auf den Hof von Helmut Wolschke zog.

Hier endet zugleicht die Geschichte vom Treck aus Hermswalde. Doch hier beginnt auch die Familiengeschichte von Norbert Zach – mit einem Kuriosum: Sein Vater Manfred, der als Zehnjähriger mit im Treck war, heiratete später seine Frau Magdalene, die ebenfalls Flüchtling war und aus einem nur etwa 30 Kilometer von Hermswalde entfernten Dorf im Schlesischen stammte, beide haben sich aber erst in Kleinkrausnik kennengelernt.

Auf geht's auf Wanderschaft
Ausgestattet mit all diesem Wissen um die Geschichte der Hermswalder und ihrer Flucht gen Westen machte sich Norbert Zach nun an die Vorbereitung seines langen Fußmarsches. Weil er nicht alleine wandern will, fragt er bei seinem Großcousin Ullich Zach an, der in der Familie als ein Extrem- und Ausdauersportler bekannt ist, ob er ihn begleiten würde. „Der ist schon quer durch Europa von Süditalien bis zum Nordkap gewandert. Er war gleich begeistert und sagte zu“, freute sich Norbert. Und während Ullich am liebsten mit Zelt, Schlafsack und Handwagen losziehen will, zieht es Norbert vor, Schlafstellen vorzubuchen.

Der Schwager bringt beide mit dem Auto bis nach Hermswalde in der Woiwodschaft Lebus, etwa 35 Kilometer westlich von Grünberg [Zielona Góra], wo die Wanderung am 11. Juni 2025 begann. In dem kleinen Dorf mit etwa 350 Einwohnern gibt es den Bauernhof der Familie Zach noch. „Allerdings ist das frühere alte Wohnhaus abgerissen und der Stall zum Wohnhaus ausgebaut worden“, erklärt Norbert. Die Zachs hatten damals Schweine und Kühe im Stall und etwa acht Hektar Land um den Hof. „Zu einem Kontakt mit den polnischen Bewohnern ist es leider nicht gekommen. Schon bei vorherigen Besuchen war man uns gegenüber eher sehr reserviert.“

Vom Friedhof neben der Kirche, auf dem vor Kriegsende viele deutsche Soldaten beigesetzt wurden, sind nur noch Spuren von Fundamenten erhalten geblieben. Bei der sechstägigen Tour wanderten Norbert und Ullich durch jene Orte, durch die auch der Treck einst gezogen war. „Wir haben, wie der Treck, möglichst Nebenwege benutzt, weil damals die Hauptstraßen mit Militärkolonnen verstopft waren“, erzählt Norbert bei der Beschreibung der Route.

Blasen am Fuß
„Wir sind, je länger die Reise ging, immer ruhiger geworden. Uns ist mit zunehmender Anstrengung bewusst geworden, was mein Urgroßvater mit seinen 65 Jahren und den Kindern durchmachen musste. Aus der angestammten Heimat, von Haus und Hof vertrieben, jeden Tag die Sorge, wo schlafen wir, wo bekommen wir Essen her, was wird uns die Zukunft bringen? Da sind die beiden Wanderer vergleichsweise komfortabel gereist: Übernachten in Hotels oder Pensionen, essen in Gaststätten. Und dennoch begann dann der sieben Kilo schwere Rucksack bei über 30 Grad Hitze an den Schultern zu drücken. Und am letzten Tag noch bekam Norbert am großen Zeh eine große Blase. Kein Wunder: An den sechs Tagen haben beide insgesamt 153 Fußkilometer zurückgelegt.

Für Norbert war dieser strapaziöse Fußmarsch ein Beweis dafür, „dass ich noch nicht zum alten Eisen gehöre. Ich habe vom Gewicht her nicht abgenommen, weil wir unterwegs gut gegessen haben, aber an Kondition zugenommen.“ Ihm wurde unterwegs noch bewusster, dass dieser Treck die Folge eines schrecklichen Krieges war, unter dem auch unschuldige Menschen leiden mussten. „Und heute sprechen wir schon wieder davon, kriegstauglich zu werden. Ein neuer Krieg würde wieder viele und vielleicht noch mehr Opfer kosten, auch Flüchtlinge, die ihr Hab und Gut, ihre Heimat, ihre Angehörigen verlieren“.

„Sorgt darum dafür, dass es nie wieder Krieg gibt“, ist der Appell, den Norbert Zach an die Politiker dieser Welt sendet.


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