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Hörfunk

„Achtung! Hier Sendestelle Berlin, Vox-Haus“

Vor 100 Jahren begann der reguläre öffentliche, allgemein und drahtlos zu empfangene Rundfunk in Deutschland

Jörg Koch
16.07.2023

Im Zeitalter moderner Massenkommunikation ist es kaum noch vorstellbar, dass ein alltägliches Gerät wie der „Radioapparat“ in früheren Tagen eine Rarität darstellte. Noch vor drei Generationen war es ein Ereignis, wenn die gesamte Familie um den Küchentisch beisammensaß und gebannt den Stimmen und Tönen lauschte, die aus dem bestaunten Wunderwerk der Technik erklangen. Das Radio stand für die „neue Zeit“, für eine bislang nicht gekannte Modernität. Heute dagegen ist das Rundfunkprogramm für die meisten Hörer in den Hintergrund getreten, es wird beiläufig gehört und dient, von Nachrichtensendungen abgesehen, vielfach nur als akustische Berieselung.

Pioniere des Funks waren die Ingenieure Hans Bredow und Alexander Meißner, denen es 1917 mit einer Versuchsanordnung von Röhrensender und Empfänger gelungen war, Sprache zu vermitteln. Noch im selben Jahr wurde sogar Grammophonmusik zur Unterhaltung der Soldaten übertragen. So entwickelte sich aus bescheidenen Anfängen ein militärisches Kommunikationsmittel. Zugleich stellten diese erfolgreichen Versuche den Ausgangspunkt für den zivilen Rundfunk in Deutschland dar.

Militärische und zivile Nutzung
Nach dem Ersten Weltkrieg, den Bredow als Leutnant einer Funkertruppe an der Westfront erlebt hatte, wurde er zum Vorsitzenden des Direktoriums der Firma Telefunken ernannt. Doch bereits im Frühjahr 1919 übernahm er als Ministerialdirektor eine Stelle beim Reichspostministerium und baute unter Nutzung der frei gewordenen militärischen Infrastruktur ein Reichsfunknetz auf. Seit April 1921 Staatssekretär für das Telegrafen-, Fernsprech- und Funkwesen, verwendete Bredow in einem Vortrag auf der Hauptversammlung der Weltwirtschaftlichen Gesellschaft am 17. Juli 1921 erstmals öffentlich den Begriff Rundfunk (statt Radio). Nun begann er mit der Organisation des Rundfunkwesens. Bereits wenige Monate zuvor, am 22. Dezember 1920, hatte über den Sender Königs Wusterhausen/Brandenburg die erste Rundfunkübertragung stattgefunden.

1923 gilt als Zäsur in der Rundfunkgeschichte. Mit den Worten „Achtung! Hier Sendestelle Berlin, Vox-Haus, Welle 400 Meter“ begann am 29. Oktober 1923 der reguläre öffentliche, allgemein und drahtlos zu empfangende Rundfunk in Deutschland. Die Teilhabe an Kultur, an einem Konzert oder Vortrag, war nunmehr zu Hause, im privaten Bereich möglich und kostengünstiger.

Nach Berliner Vorbild entstanden sukzessive in den Großstädten des Reiches Hauptsender in Breslau, Frankfurt am Main, Hamburg, Münster beziehungsweise ab 1927 Köln, Königsberg, Leipzig, München und Stuttgart, die zunächst als Aktiengesellschaften organisiert waren. Statt eines zentralen Rundfunkwesens gliederte sich Deutschland in neun Sendebezirke. Bereits hier liegt ein Ansatz für die heutige Regionalisierung des Programms. In den folgenden Jahren wurden zahlreiche Nebensender errichtet.

Nachdem sich der Rundfunk in den späten 1920er Jahren als „Belehrungsinstrument“ etabliert hatte, instrumentalisierte der nationalsozialistische Staat ab 1933 das neue Medium für die politische „Gleichschaltung“ des Volkes. Das Rundfunkhören war fortan nicht mehr eine „Privatangelegenheit jedes Einzelnen“, sondern „eine staatspolitische Pflicht“ für jeden Volksgenossen. Das für die Nationalsozialisten so wichtige Gemeinschaftsgefühl ließ sich mit dem neuen Medium bei hohem Wirkungsgrad und minimalem Aufwand erreichen. Überall im Sendegebiet konnten Millionen Hörer gleichzeitig an den „nationalen Ereignissen“ wie Feiern zum 1. Mai, Reichsparteitagen, Olympischen Spielen teilhaben. Dank der geringen Zeitverzögerung bei der Übermittlung von Tonaufnahmen gab der Rundfunk den Hörern das Gefühl, geradezu dabei zu sein. Vor allem die über den „Volksempfänger“ ausgestrahlte Unterhaltungsmusik war während des Zweiten Weltkrieges „genauso wichtig wie Kanonen und Gewehre“, so Propagandaminister Goebbels.

Zwar war die Niederlage im Mai 1945 total, doch folgte dem Ende des NS-Staates keine lange Funkstille. Ende 1944 hatte es in Deutschland rund 16 Millionen Rundfunkgeräte gegeben, bei Kriegsende waren davon rund drei Millionen unbrauchbar, durch Kriegshandlungen beschädigt oder zerstört. Bei ihrem Einmarsch beschlagnahmten die Alliierten neben Fotoapparaten gerne auch Radiogeräte. Da viele Rundfunkfabriken zerstört waren – rund 80 Prozent der Produzenten hatten sich auf dem Gebiet der späteren DDR befunden –, entstanden kleine Werkstätten, die Geräte instand setzten und selbstgebaute Apparate anboten, so auch der spätere Weltkonzern Grundig. Noch vor der gewohnten Tageszeitung, die zunächst nicht täglich erschien, stellte der Rundfunk die wichtigste Informationsquelle dar.

Zum Radio kam das Fernsehen
Bereits vor dem Aufbau neuer politischer Strukturen hatten sich die Siegermächte der noch vorhandenen Rundfunksender bemächtigt, wussten sie doch, wie wichtig der Rundfunk nun als „Umerziehungsinstrument“ einzusetzen war. So vernahmen am 4. Mai 1945 die Bewohner der Hansestadt die Ansage: „This ist Radio Hamburg, a station of the Allied Military Government. Hier spricht Hamburg, ein Sender der Alliierten Militärregierung.“ Wenige Tage später, am 12. Mai 1945, nahm Radio München als Sender der US-Militärregierung den Betrieb auf. Wiederum einen Tag später sendete unter Aufsicht der sowjetischen Militärverwaltung in Tegel Radio Berlin („Hier spricht Berlin“).

In den 1950er Jahren beflügelte das Radio mit seinen flotten Rhythmen vor allem aus den USA die Jugendlichen zur Rebellion gegen alles Althergebrachte – zumindest in Westdeutschland. Die Verbreitung des Transistorradios machte die außerhäusliche Nutzung des Rundfunkprogramms alltagstauglich. Ab den 1960er Jahren trat dem Radio zunehmend das Fernsehen als große Konkurrenz an die Seite, und zwar in der Bundesrepublik genauso wie in der DDR. Nach der kontinuierlichen Programm- und Angebotserweiterung bot der duale Rundfunk ab Mitte der 1980er Jahre eine ungeahnte Vielfalt. Auch im Zeitalter der Digitalisierung und der Allmacht des Internets hat der Rundfunk für viele weiterhin einen festen Platz im Leben. Er liefert Informationen, er bringt Struktur in den Alltag, und sein Programm gliedert den Tagesablauf.

Dr. Jörg Koch ist Historiker, Heimatforscher und Autor. Er wurde im Jahre 2002 bei Wolfgang von Hippel mit einer Arbeit über „Das Wunschkonzert im NS-Rundfunk“ promoviert. Dieses Jahr erschien seine Monographie „Kino für das Ohr. 100 Jahre Rundfunkgeschichte(n)“, Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 226 Seiten mit 60 Abbildungen, ISBN 978-3-17-043172-0.


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Kommentare

Chris Benthe am 19.07.23, 14:49 Uhr

Radiohören ist heutzutage unerträglich geworden. TV-Konsum ebenso. Die Gleichschaltung vergangener Tage erlebt eine Renaissance.

Kersti Wolnow am 16.07.23, 06:26 Uhr

instrumentalisierte der nationalsozialistische Staat ab 1933 das neue Medium für die politische „Gleichschaltung“ des Volkes.


Die neuen Globalkommunisten machen alles nach, nur ist ihre Ideologie von Normaldenkenden nicht mitzutragen.
Sie haben alles besetzt, die Wissenschaft, die in die Richtung zu forschen hat, die sie vorgeben, die Bildungseinrichtungen, Fernsehen, Zeitungen, Radio, alles gleichgeschaltet. Der Endsieg naht, wir sind bunt, geschlechtslos und fressen Käfer. Irrenhaus.
Man wünscht sich den Kaiser zurück.

Gestern in der Glotze: Vielfältige Kultur (die sie vernichten durch Vermischung und Gleichschaltung)

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