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Für den Kleinkrausniker Norbert Zach war der Fußmarsch ein Abenteuer – für seine Vorfahren real erlebtes Grauen
Norbert Zach aus Kleinkrausnik war sein Leben lang viel auf Achse. Viele Jahrzehnte als Fernmeldetechniker bei der Deutschen Reichs- und später Bundesbahn auf der Schiene, seit seinem Ruhestand vor allem aber mit seinen zweirädrigen Oldtimern. Mit den Motorrädern macht er nicht nur Spritz-, sondern auch längere Touren durch schöne Landschaften und zu historischen Stätten. Am längsten war er mit seiner ETS und begleitet von Freunden von Kleinkrausnik bis nach Danzig und zurück an der ostdeutschen Ostseeküste entlang über Küstrin und Seelow wieder bis zu seinem Heimatdorf unterwegs – insgesamt mehr als 2.600 Kilometer. Dabei kam ihm eine kuriose neue Idee: eine Reise in die Vergangenheit – und zwar zu Fuß zu den Wurzeln seiner Familie.
Urkundlich nachgewiesen sind die Zachs ab mindestens 1842 in dem kleinen Dörfchen Hermswalde im damaligen Kreis Krossen in der Neumark, noch zu Brandenburg gehörend, ansässig. Das änderte sich im Schicksalsjahr 1945 von heute auf morgen, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und die Rote Armee die deutsche Wehrmacht nach Westen zurückdrängte. Viele Familien flüchteten schon vor dem Einmarsch der Russen, manche aber auch erst später.
Im achtzigsten Jahr nach dem Ende des schrecklichen Krieges kam Norbert Zach daher auf die Idee, den Treck, den sein Vater und Urgroßvater mit anderen Einwohnern aus Hermswalde gingen, nachzuwandern. „Ich wollte ein stückweit nachempfinden, welchen beschwerlichen Weg meine Vorfahren auf sich nehmen mussten, als sie gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen“, berichtet Zach.
Für den 68-Jährigen kein spontanes Abenteuer – denn schon im Jahr davor bereitete er sich körperlich auf diesen langen Fußmarsch vor. „Seit Dezember 2024 war ich praktisch beinahe jeden Tag drei, vier Stunden zu Fuß auf Wanderwegen rund um Kleinkrausnik und zu den Nachbardörfern unterwegs – zusammen etwa 800 Testkilometer, um mich konditionell für den langen Marsch von Hermswalde, dem heutigen Chocicz, bis nach Kleinkrausnik fitzumachen“, berichtet er.
Zu seinen Vorbereitungen gehörte aber auch eine gründliche Recherche der Vorkommnisse in den letzten Kriegstagen in Hermswalde, über den Treck und welchen Weg dieser in Richtung Westen nahm. Dabei ist ihm Helmut Leschke aus Fürstlich-Drehna eine große Hilfe. Als Siebenjähriger war der heute 87-Jährige mit im Treck dabei und kann sich noch an viele Details und Erlebnisse erinnern.
Er erzählte zunächst von den Zuständen in den letzten Kriegswochen im Dorf. Ostern 1944 in Hermswalde eingeschult, war im August für den jungen Helmut schon wieder Schluss mit Schule. Das Gebäude wurde als Lazarett gebraucht. Die Verwundeten hatte man über den nahen Feldflugplatz eingeflogen. Viele starben und wurden gleich neben der Kirche in Massengräbern bestattet. Das passierte meist nachts, weil die Hermswalder nicht beunruhigt werden sollten. Dennoch bekam man natürlich mit, was da im Dorf passierte. Und viele ältere Hermswalder waren in Sorge: „Wenn das so weiter geht, bleibt für uns auf dem Friedhof kein Platz mehr!“, hieß es in der Bevölkerung.
Leschke erzählte weiter: „Die ersten Vorboten von Flucht und Vertreibung machten sich bereits im August 1944 im Dorf bemerkbar. Da kamen die ersten Trecks aus Ostpreußen nach Hermswalde, sie wollten weiter nach Westen ziehen. Für die Einheimischen galt zu der Zeit der Befehl von Gauleiter Emil Stürtz, dass kein Bewohner seinen Ort und sein Grundstück verlassen durfte. Doch der Hermswalder Paul Damm, auf dessen Hof auch Ostpreußen untergebracht waren, schloss sich diesem Treck an, als er nach ein bis zwei Wochen Aufenthalt in Hermswalde weiterzog. Damm ist dann bis nach Wehnsdorf mitgezogen und dort bei Familie Jetschmann untergekommen, wo er auf dem Hof bei den Arbeiten mithalf. Das hatte sich bei den Hermswaldern und auch bei uns herumgesprochen.“
Plötzliche Umbenennung
Andere Familien im Dorf, berichtet Leschke, wie die Davids, die Gutsches, Roickes und auch die Zachs flohen nicht vor der heranrückenden Sowjetarmee, sondern haben weiter auf ihren Höfen das Vieh gefüttert und die Felder bestellt. „Wir hatten auch Angst vor den Russen, sind vor ihrem Einmarsch ins Dorf in den Wald geflüchtet, wo wir ein, zwei Nächte blieben. Doch dann gingen wir wieder ins Dorf zurück“, erzählt Leschke.
Aber bereits im März 1945 begannen die sowjetischen Militärbehörden die Verwaltung an polnische Behörden zu übergeben. Mit als erstes wurden die deutschen Orts- und Straßennamen ins Polnische umbenannt – aus Hermsdorf wurde auf einmal Chocicz. Per Dekret verloren die verbliebenen Deutschen sämtliche Rechte und mussten auf ihren eigenen Höfen wie Zwangsarbeiter schuften. Die Kartoffeln waren Ende Mai/Anfang Juni gesteckt, als dann am 15. Juni 1945 – noch vor dem Potsdamer Abkommen – durch die polnische Verwaltung die Zwangsvertreibung begann.
Es kam der Befehl an die deutschstämmigen Hermswalder, innerhalb von Stunden das Dorf verlassen zu müssen. Die Familien Leschke, Mutter Frieda mit dem siebenjährigen Sohn Helmut, die Familien Zach mit Reinhold Zach (65), Frieda Rißmann (35), verwitwet, geborene Zach, Manfred (10, Norberts späterer Vater) und sein Bruder Waldemar (7 Jahre), weiterhin Familie Gustav und Agnes David, Familie Rudi Roicke mit fünf Personen, Selma Gutsche mit ihrem erst 18 Monate alten Sohn Dieter schlossen sich dem Treck an – insgesamt etwa 15 Personen. Der Treck hatte das Ziel Wehnsdorf bei Luckau, wo Paul Damm bereits ein neues Zuhause gefunden hatte. „Paul wird schon für eine Bleibe für uns sorgen“, war man sich im Treck ziemlich sicher.
Gefährliche Heimatliebe
Der 92-jährige Gustav David weigerte sich allerdings als Einziger im Dorf, dem Befehl der polnischen Miliz zu folgen. Leschke erinnerte sich noch genau an seine Worte: „Sollen sie mich lieber erschießen, aber ich verlasse das Haus nicht, in dem ich geboren wurde, hier will ich auch sterben.“ David musste dann trotz seines Mutes und seiner Heimatliebe sein Grundstück verlassen, wurde in einem einzeln stehenden Haus außerhalb von Hermswalde untergebracht. Das Rote Kreuz brachte ihn dann 1946 oder 1947 mit der Bahn nach Wehnsdorf.
Auf ihrer Flucht mussten die Hermswalder eine ganze Reihe von üblen Schikanen erleiden. Der schlimmste Vorfall passierte bereits bei der ersten Etappe auf dem 25 Kilometer langen Weg bis nach Pförten, einem Ort, der heute Brody heißt. „Auf der gesamten Strecke ist unser Treck von polnischen Reitern begleitet worden. Man erkundete dabei schon, was bei uns zu holen war. In Pförten sind wir dann bereits erwartet worden. Denn hier wurden wir völlig ausgeplündert. Unsere Familien, die bis dahin noch mit Pferdegespannen unterwegs waren, mussten die Tiere zurücklassen. Ab dann ging die Flucht nur noch zu Fuß mit Handwagen und Koffern weiter, die allerdings auch gründlich durchsucht wurden. Alles, was den Polen brauchbar erschien, wurde den Flüchtlingen weggenommen“, beschreibt Leschke die Situation – er nennt es einen Akt der „Entnazifizierung“.
Eine Episode hat sich ihm bis heute wie eingebrannt: „Meine Mutter ging noch einmal zum Pferdegespann zurück und suchte nach dem Hochzeitsgeschenk ihrer Eltern – ein zwölfteiliges Essbesteck aus Silber. Sie fand das Besteck und nahm es an sich. Das sahen die polnischen Milizionäre und schlugen mit der Reitpeitsche auf meine Mutter ein. Sie wurde im Gesicht getroffen und blutete, als sie – ohne Besteck – zurückgekehrt war.“
Am nächsten Tag ging die Flucht weiter nach Forst. Der junge Helmut wurde hier wie woanders auch immer vorgeschickt, um Essbares zu besorgen. Man wusste, dass die Russen in der Regel gut zu den Kindern waren und ihnen meistens nichts Böses taten. Doch die Essenbeschaffung klappte in Forst nicht, weil hier zu viele Flüchtlinge waren. Die Hermswalder zogen weiter, an Cottbus vorbei nach Maust, wie schon am Tag zuvor wieder ein 25 Kilometer langer Fußmarsch. In Maust ist Rudi Roicke geblieben, seine Großeltern waren schon sehr alt und konnten die Strapazen auf dem Treck nicht weiter ertragen. Die fünfköpfige Familie musste sich dort ein Zimmer teilen, aber das war ihr letztendlich auch egal. Hauptsache Ruhe.
Ein Jäger als Glücksfall
Leschke erinnerte sich auch noch: In Maust gab es damals ein Aluminiumwerk. Hier konnten die Flüchtlinge und Vertriebenen Löffel, Teller und ein Kochgeschirr erhalten – (über-)lebenswichtig für die Flüchtlinge. Onkel Gustav David war für den Treck von besonderer Bedeutung. Als Jäger in Hermswalde verstand er es, an den Teichen Enteneier zu sammeln und Fische ohne eine Angel zu fangen. „Uns blieb ein Rätsel, wie er das gemacht hat.“
Nach dem mehrtägigen Aufenthalt in Maust bekam die gesamte Gruppe die Krätze, eine durch Milben ansteckende furchtbare Hautkrankheit. Erst später in Luckau wurden die Gepeinigten mit Löwenzahnmilch eingerieben, was nur bedingt half. Selma Gutsche ging mit ihrem erst 18 Monate alten Sohn Dieter ins Luckauer Krankenhaus, wo neben den sowjetischen Militärs nur noch Kinder behandelt wurden. Hier bekam Selma eine Salbe, die der ganzen Gruppe half.
Übernachtet hat der Treck auf der Flucht oft in der freien Natur, unter dem weiten Himmel und in der Nähe von Teichen und Gräben. Hier war für den Jäger die Chance größer, etwas Essbares zu finden. Und er hatte auch hin und wieder mal Glück.
Auf kindlicher Betteltour
Als der stetig kleiner gewordene Treck vor Vetschau ein leer stehendes Gehöft vorfand, das man leider vergeblich vom Keller bis zum Boden nach Essbarem untersuchte, so fand man doch wenigstens ein Tellereisen, mit dem Gustav umzugehen wusste. Doch erst nach ein paar Tagen ging ein Hase in die Falle, der eine ganz besondere Abwechslung auf dem mageren Speiseplan der Gruppe war. Die drei Jungs Helmut, Manfred und Waldemar wurden immer zum Betteln durch die Dörfer geschickt. Sie klapperten mit ihren Kochgeschirren fast jedes Gehöft ab und baten um Milch vor allem für den kleinen Dieter, aber auch um Mehl und Kartoffeln. Aus Mitleid bekamen sie letztendlich fast immer etwas, mit dem Agnes David eine Mehlsuppe mit Wasser oder manchmal sogar mit Milch kochen konnte.
Teil 2 in der PAZ am 30.1.2026