Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Die überaus fromme Dorothea von Montau landete fast auf dem Scheiterhaufen – und wurde doch noch spät heiliggesprochen
Marienwerder war ein wichtiges Zentrum des Bistums Pomesanien innerhalb des Deutschordensstaates. Hier trafen im Mai 1391 zwei Personen aufeinander, welche die ältere preußische beziehungsweise ostpreußische Geschichte maßgeblich mitprägen sollten – nämlich der Theologe Johannes Marienwerder und die Mystikerin Dorothea von Montau.
Der 1343 geborene Marienwerder verließ seine gleichnamige Heimatstadt, um in Prag zu studieren. Dort wurde er 1373 zum Priester geweiht und 1384 zum Professor für Theologie ernannt. Angesichts der anhaltenden Konflikte zwischen den böhmischen und nichtböhmischen Gelehrten in der „Goldenen Stadt“ kehrte Marienwerder 1387 nach Preußen zurück und avancierte bereits ein Jahr später wegen seiner ungewöhnlichen Gelehrsamkeit zum Dekan des pomesanischen Domkapitels, das den amtierenden Bischof Johannes I. bei dessen Tätigkeit unterstützte. Außerdem trat er dem Deutschen Orden bei.
Dorothea von Montau hingegen wurde im Jahr 1347 in dem Dorf Groß-Montau als Tochter des vermögenden Bauern Willem Swarte geboren. Nachdem sie im Alter von sieben Jahren beinahe einem Unfall zum Opfer gefallen wäre, erlegte sie sich allerlei Kasteiungen und asketische Übungen wie Selbstverbrühungen und extremes Fasten auf. Später heiratete Dorothea – auf Drängen der Eltern – einen vermögenden Danziger Waffenschmied.
Kurz nach der Hochzeit im Jahre 1363 hatte sie allerdings ihre erste Vision, der noch zahlreiche weitere folgen sollten. Während der Ehe gebar Dorothea neun Kinder, von denen bis 1383 acht an der Pest und anderen Krankheiten starben. Daraufhin verkaufte das Paar 1384 seinen gesamten Besitz und ging auf Pilgerreise nach Aachen und Einsiedeln. Anschließend zog es Dorothea 1389/90 allein nach Rom. Währenddessen starb ihr Mann, der immer wieder vergeblich gegen die seiner Ansicht nach viel zu extremen Frömmigkeit seiner Frau angekämpft hatte.
Als Dorotheas Visionen endlich auf Verständnis trafen
Nach Dorotheas Rückkehr empfahl ihr überforderter Beichtvater Nikolaus Hohenstein eine Audienz bei Johannes Marienwerder. Der zeigte als erster Kirchenvertreter uneingeschränktes Verständnis für Dorothea und konnte im Juli 1391 auch gerade noch verhindern, dass sie als Hexe auf dem Scheiterhaufen endete, nachdem von dem Danziger Pfarrer Christian Rose ein Verfahren wegen Ketzerei angestrengt worden war. Erleichtert und verängstigt zugleich folgte schließlich ihre Übersiedlung nach Marienwerder; zuvor ging ihre einzige noch lebende Tochter Gertrud ins Kulmer Benediktinerinnenkloster.
Ein sehnlicher Wunsch: Aus Frömmigkeit eingemauert werden
In der pomesanischen Bischofsstadt schilderte Dorothea, die weder lesen noch schreiben konnte, ihre Visionen in etlichen langen Gesprächen mit Johannes Marienwerder sowie dem Dompropst Johannes Rymann. Die beiden hielten akribisch auf Pergament fest, was sie hörten, woraus eine Vielzahl von Schriften über die christliche Mystikerin resultierte, die unter anderem von der bevorstehenden Höllenfahrt eines Fürsten erzählte, der große Ähnlichkeit mit dem damaligen Deutschordenshochmeister Konrad von Wallenrode aufwies.
Der Theologe Marienwerder verwendete Dorotheas ungewöhnliche Aussagen allerdings zugleich auch zur Untermauerung seiner eigenen reform-theologischen Vorstellungen.
Schließlich fasste er im Einvernehmen mit Rymann und Bischof Johannes, aber sehr zum Missfallen des Hochmeisters, den Entschluss, dem sehnlichsten Wunsch seiner Schutzbefohlenen nachzukommen: Am 2. Mai 1393 wurde Dorothea in eine kleine Klause hinter dem Hauptaltar des 1384 fertiggestellten Doms von Marienwerder eingemauert. Weil der umstrittene Konrad von Wallenrode nur wenige Wochen nach Dorotheas Einschließung qualvoll und ohne vorherige Sterbesakramente das Zeitliche segnete, hielt die Bevölkerung die Klausnerin nun allgemein für begnadet.
Viele in Not befindliche Menschen pilgerten nach Marienwerder, um von Dorothea Beistand zu erflehen, und angeblich vollbrachte sie auch diverse Wunder. Dadurch galt sie bald als Schutzheilige des Ordenslandes sowie des Deutschen Ordens. Allerdings verbrachte Dorothea nur knapp 14 Monate in ihrer Klause, weil sie schon am 25. Juni 1394 im Alter von nur 47 Jahren starb.
Die Heiligsprechung wurden zum langwierigen Prozess
Anschließend unternahm Johannes Marienwerder große Anstrengungen, um eine Heiligsprechung Dorotheas durch den Papst zu erreichen. So stellte er sie in eine Reihe mit Katharina von Siena und Brigitta von Schweden, die sich beide um die damalige Christenheit verdient gemacht hatten. Angesichts dessen ließ Bischof Johannes schon vorsorglich einen Schrein für Dorothea-Reliquien aufstellen. Allerdings stockte der Prozess der Heiligsprechung 1404 aus kirchenpolitischen Gründen, nachdem man bereits über 300 Zeugen zum Leben der Mystikerin angehört hatte. Das verbitterte Johannes Marienwerder derart, dass sein Lebensweg schließlich am 19. September 1417 endete.
75 Jahre später erschien seine in deutscher Sprache abgefasste Biografie Dorotheas, wobei es sich hierbei um das erste in Preußen gedruckte Buch überhaupt handelte.
Die vielen Bemühungen um die ersehnte Heiligsprechung der Klausnerin wurden erst ab 1955 wieder ernsthaft verfolgt. Dann allerdings erklärte Papst Paul VI. Dorothea von Montau endlich und tatsächlich am 26. Juni 1976 offiziell zu einer Heiligen der katholischen Kirche. Ihr Weg war nun nach vielen hundert Jahren endlich segensreich beendet.