09.08.2020

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Corona-Politik

Am Ende singen alle „Die Gedanken sind frei“

Der bürgerliche Widerstand gegen die Corona-Zwangsmaßnahmen wächst rapide. Wer sind die Menschen, die da protestieren? Zu Besuch bei einer Anti-Lockdown-Kundgebung in Leipzig

Erik Lommatzsch
14.05.2020

Kritik an den einschränkenden Maßnahmen, welche im Zuge der „Corona-Krise" verordnet wurden, ist inzwischen bundesweit zu vernehmen. Nicht nur durch Äußerungen von Einzelpersonen, sondern auch durch eine Reihe von Initiativen und Demonstrationen. Ein dominierendes politisches Spektrum ist nicht auszumachen. Verfolgt man die Äußerungen einzelner Teilnehmer und Redner oder die per mitgebrachtem Plakat erhobenen Forderungen, so findet sich die Schnittmenge im Anprangern der freiheitsbeschränkenden und grundgesetzwidrigen „Corona-Politik" des Bundes und der Länder – die im Übrigen auch von der Opposition hingenommen wurde.

Mit „Widerstand 2020" hat sich eine Vereinigung formiert, die sich als Partei versteht. Am zweiten Sonnabend im Mai fand auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart eine Protestveranstaltung mit wohl etwa 10.000 Teilnehmern statt. Anderswo waren ähnlich stolze Teilnehmerzahlen noch nicht zu verzeichnen, aber es wird kontinuierlich und hartnäckig in vielen Städten demonstriert.

So etwa in Dresden, in Berlin, in Pirna, in Cottbus. Und auch in Leipzig, wo seit Ende April zu Protesten aufgerufen wird. Jede Woche stehen hier zwei Termine an, am Sonnabend an der Nikolaikirche, die während der friedlichen Revolution von 1989 eine große Rolle spielte, und am Dienstag auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz, schräg gegenüber dem Neuen Rathaus. Die Veranstalter legen großen Wert darauf, keiner Gruppierung anzugehören. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass man nicht zur Initiative „Nicht ohne uns!" gehöre, nicht in Verbindung mit der Kirche sei und auch nicht für „Widerstand 2020" stehe.

Aus allen Schichten und Richtungen

Nichtsdestotrotz sei jeder eingeladen, in der genehmigten Demonstrationsstunde ans Mikrofon zu treten. Sehr verschieden sind diejenigen, die das Wort ergreifen. Da sind die junge Mutter von drei Kindern oder der 85-jährige Kantor im Ruhestand, da protestiert die Frau, die vor mehr als 30 Jahren bei den Montagsdemonstrationen mitgemacht hat, neben dem Diplomkaufmann und einem ehemaligen Mitarbeiter des Arbeitsamtes.

Auch das Gesagte ist mitunter arg disparat. Von den einen werden Zusammenhänge hergestellt, die andere nicht überbetont wissen wollen. Nur in einem sind sich alle einig: Die „Corona-Maßnahmen" betrachten alle Demonstranten als Zumutung. An der Nikolaikirche steht ein Rednerpult, eine Deutschlandfahne ist dort aufgemalt, beschriftet mit den Worten „Grundgesetz, Freiheit, Demokratie".

Eine Rednerin exerziert die ersten Verfassungsartikel durch – um zu zeigen, wie viele davon gebrochen worden seien. Eine andere Frau schildert die – inzwischen unter Auflagen aufgehobene – sinnfreie Sperrung der Spielplätze aus der Sicht ihrer kleinen Tochter und sagt, sie möchte ihren Kindern gern sagen: „Ihr könnt euch frei entfalten, in einem Land, das für euch ist." Dies sei leider unmöglich.

Andere Redner verweisen darauf, dass jeden Tag in Deutschland durchschnittlich 2500 Menschen stürben und es vor zwei Jahren 25.000 Grippetote gegeben habe, die für die Regierung nicht von Interesse gewesen seien – woran sich die Frage anschließe, wie man die Verhältnismäßigkeit der massiven Einschränkungen angesichts der Verlaufs und der „Opfer" von „Corona" erklären wolle.

Ein Redner meint, der noch immer anhaltende Glaube an diejenigen, die von Anfang an mit allen Einschätzungen falsch lagen, sei nur noch mit Verzweiflung zu erklären und fordert den Rücktritt der Regierung. Dafür gibt es viel Zustimmung. Die Impfpflicht und der Einfluss von Bill Gates, etwa durch die Finanzierung der WHO, spielen in mehreren Beiträgen eine Rolle. Stets ist in Leipzig ein Redner präsent, der mittels eines Transparents die Folgen des Reichstagsbrandes von 1933 mit denen von Covid-19 vergleicht. Das Wort „Staatsreich" fällt. Er fordert dazu auf, anstatt der verordneten Maske, die er mit einem Knebel assoziiert, lediglich ein Tuch vorzubinden, um zu zeigen, was man von den Anweisungen halte. Man gewöhne sich zu schnell an die Dinge. Meinungsfreiheit, die bedeute, alles sei sagbar, gebe es hierzulande nicht.

Der bundesweit bekannte Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité hat unter den Versammelten keine Freunde. Viel Beifall finden Beiträge wie „Macht die Fernseher aus – und zwar dauerhaft!" Es wird auch gelästert: Hamstern von Toilettenpapier zeige, dass einige Menschen die anale Phase noch nicht überwunden hätten. Teilnehmer prangern die Aussagen von Finanzminister Olaf Scholz (SPD) an, Geld sei unbegrenzt verfügbar, und von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), um die Inflation kümmere man sich später.

Politikersprüche angeprangert

Ein junger Antifa-Aktivist darf auch sprechen, er verfehlt aber das Thema und fordert die Aufnahme der „Flüchtlinge" von den griechischen Inseln, und überhaupt solle niemand herrschen. Er ist der Einzige, der vor dem Mikrofon sein Gesicht bedeckt lässt – was auffällt, da in dem abgegrenzten Veranstalterbereich strengste Mundschutzpflicht herrscht, der jeweilige Redner davon jedoch ausgenommen ist.

Die Polizei ist selbstredend anwesend, sichtlich lustlos fordert sie ab und an zur Abstandsvergrößerung auf. Die Veranstaltung ist auch nicht frei von esoterischen Anklängen, eine Frau lädt zu einer regelmäßigen „Tanzdemo" ein, die sei zwar neulich noch verboten, aber trotzdem nett gewesen. Die Teilnehmerzahl der Dienstagskundgebung hat sich innerhalb von einer Woche auf 500 verdoppelt, was bemerkenswert ist, da kaum geworben wird.

„Die Gedanken sind frei" ist stets das Schlusslied, die allgemeine Textsicherheit lässt allerdings zu wünschen übrig. Ausweislich des Beifalls finden sich wohl die weitaus meisten Teilnehmer in einer der kürzesten Ansprachen wieder: Erinnert wird lediglich an zwei markante Sätze der Revolution von 1989: „Wir sind das Volk" und „Keine Gewalt".



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Kommentare

Siegfried Hermann am 19.05.20, 09:15 Uhr

Das hat gefühlt was von 1989.

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