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Wie es zur Entstehung von Pippi Langstrumpf kam – Ein filmischer Blick auf die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren
Kaum eine Autorin hat die Kinderliteratur so sehr geprägt wie Astrid Lindgren. Der schleswig-holsteineischer Regisseur Wilfried Hauke widmet ihr jetzt die Filmdokumentation „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“, die am 22. Januar in die Kinos kommt. Der Film erzählt mit szenischen Bildern aus der Sicht von Astrid Lindgren und ihrer Tochter Karin, ihrer Enkelin Annika und ihrem Großenkel Johan anhand der Kriegstagebücher die wahre Geschichte hinter dem Erfolg der Weltautorin.
Mit seinem Film öffnet Hauke ein bislang kaum bekanntes Kapitel im Leben der schwedischen Kinderbuchautorin. Im Zentrum steht nicht die Schöpferin von Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter oder Emil aus Lönneberga, sondern eine Frau, die während des Zweiten Weltkriegs mit scharfem Blick und großer Anteilnahme Tagebuch führte – ein schriftliches Vermächtnis der Jahre von 1939 bis 1945, das erst 2015 veröffentlicht wurde und nun die Grundlage für Haukes Film bildet.
Als der Regisseur Lindgrens erst spät veröffentlichte Kriegstagebücher zum ersten Mal las, war er von der „Wucht dieser ganz anderen Stimme“ tief beeindruckt. Anstelle der heiteren Erfinderin kindlicher Freiheitsphantasien fand er eine Beobachterin des Weltgeschehens, die Propaganda entlarvte, Diktatoren analysierte und ihre Empörung ungefiltert notierte. „Ich habe ein völlig neues Bild hinter der Ikone als Kinderbuchautorin bekommen“, sagt er.
Lindgren (1907–2002) verbrachte eine behütete Kindheit auf dem Pfarrhof Näs im schwedischen Småland – jene idyllische Welt, die später als Inspiration für Klassiker wie „Wir Kinder aus Bullerbü“ dienen sollte. Mit 18 Jahren wurde sie unverheiratet schwanger, was im damaligen Schweden einen Skandal darstellte und sie dazu zwang, ihre ländliche Heimat zu verlassen. In Stockholm absolvierte sie eine Ausbildung zur Sekretärin und musste ihren Sohn Lars zunächst in einer Pflegefamilie in Kopenhagen unterbringen. Erst nach der Heirat mit Sture Lindgren im Jahr 1931 fand sie die Stabilität, ihren Sohn zu sich zu holen. 1934 wurde die Tochter Karin geboren – und für sie erfand Lindgren im Winter 1941 die Figur der Pippi Langstrumpf.
Genau hier setzt Haukes Dokumentation an und blickt hinter die Fassade dieser Erfolgsgeschichte. Die Arbeit am Film erwies sich als überraschend anspruchsvoll – nicht zuletzt, weil die Lindgren-Familie anfangs skeptisch war. Die erste Anfrage wurde abgelehnt. „Da war kein Interesse, über die Tagebücher etwas zu machen.“ Erst als die neu gegründete Astrid Lindgren Company – geleitet unter anderem von Lindgrens Enkelin Annika und Urenkel Johan Palmberg – den Wert einer solchen filmischen Annäherung erkannte, wurde das Projekt möglich. Entscheidend war für die Familie, dass diese Tagebücher „eine Facette zeigen, die das öffentliche Bild Astrid Lindgrens ergänzt“.
Hauke nähert sich Lindgren mit größtem Respekt. Um Voyeurismus zu vermeiden, vereinbarte er mit den Nachfahren, „ausschließlich den Text des Tagebuchs“ zu verwenden. Private Aspekte, die außerhalb der Aufzeichnungen liegen, bleiben bewusst ausgespart. „Mir war wichtig, die Würde dieser Person zu wahren, denn sie erzählt ja unseren Film.“
Die Umsetzung verbindet dokumentarische und szenische Elemente. Ein besonders berührender Moment der Doku ist es, wenn die drei Generationen der Familie Lindgren – Tochter, Enkelin und Urenkel - gemeinsam jenen Korb mit den 17 Original-Manuskripten öffnen, der jahrzehntelang fast unberührt in einem Wäscheschrank in Lindgrens Schlafzimmer verborgen lag. Gemeinsam lesen und reflektieren sie die scharfsinnigen, oft erschütternden Analysen ihrer Vorfahrin.
Lindgrens Stimme
Schauspielerin Sofia Pekkari verleiht der jungen Astrid Lindgren eine Stimme und körperliche Präsenz. Hauke beschreibt diesen Ansatz als gestalterisches Abenteuer: „Es war nicht von Anfang an klar, dass wir diesen Weg gehen würden. Aber es hat sich richtig angefühlt, Astrids Worten einen Körper zu geben.“
Der Film zeigt eindrücklich, wie sehr Kriegserfahrung und literarische Fantasie miteinander verschränkt sind. Eine der zentralen Thesen lautet, dass ohne die düstere Kriegszeit keine Pippi Langstrumpf entstanden wäre. Während Lindgren akribisch den weltpolitischen Wahnsinn dokumentierte, erzählte sie ihrer oft kranken Tochter Karin zu Hause erste Pippi-Geschichten.
„Ohne den Zweiten Weltkrieg und ohne das Tagebuch hätte es Pippi nicht gegeben“, ist sich Hauke sicher. Für den Filmemacher ist klar: Pippi Langstrumpf war kein bloßer Eskapismus, sondern ein bewusstes „Gegengewicht zu Hitler und Stalin“. Die anarchische Kraft des Mädchens mit den roten Zöpfen entsprang Lindgrens tiefem Wunsch nach Freiheit und Respekt in einer Zeit der totalitären Unterdrückung. Hauke lässt Lindgren so auch als frühe Feministin und engagierte Humanistin lebendig werden, die sich weigerte, angesichts von Unrecht zu schweigen. Als Astrid Lindgren Ende 1945 das Tagebuch schließt, hält sie die erste gedruckte Ausgabe von „Pippi Langstrumpf“ in Händen.
Relevanz erhält die Dokumentation auch durch die Brücke in die Gegenwart. Lindgrens scharfe Beobachtungen, ihre Warnungen vor Diktatoren, Lügen und Propaganda wirken frappierend aktuell. „Wir sind alle ein bisschen Astrid Lindgren“, sagt Hauke. „Wir müssten es jedenfalls sein. Denn wir dürfen diese Ängste nicht unterdrücken, sondern müssen Unrecht als Unrecht benennen.“ Das Tagebuch, sagt er, zeige eine Frau, „die eine tiefe humanistische Haltung hat und die nicht schweigt“.
Haukes Film verzichtet auf belehrenden Kommentar. Stattdessen lädt er die Zuschauer ein, sich unmittelbar auf Lindgrens Stimme einzulassen. Der Regisseur hofft, dass das Publikum daraus den Mut mitnimmt, Position zu beziehen: „Vielleicht spürt man, wie wichtig es ist, in diesen Zeiten nicht davon abzulassen, die Wahrheit zu sagen.“