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Arg mitgenommen: Thyssenkrupp
paArg mitgenommen: Thyssenkrupp

Deutschlands Großkonzerne

Anschluss verpasst

Die Coronavirus-bedingte Eintrübung der Wirtschaftsaussichten trifft diverse Großunternehmen in einer ohnehin schon schwierigen Lage

Norman Hanert
12.03.2020

Wegen der anhaltenden Ausbreitung des neuartigen Coronavirus warnen die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vor negativen Folgen für die Weltwirtschaft. Besonders schwer trifft es wie bei den befallenen Patienten auch bei den Großunternehmen jene, die bereits vorgeschädigt sind.

Ein Beispiel ist der Stahlkonzern Thyssenkrupp. Das angeschlagene Unternehmen konnte Ende Februar den erfolgreichen Abschluss eines Kaufvertrags für seine Aufzugssparte melden. Thyssenkrupp ist es gelungen, mit einem aus dem US-Investor Advent, der britische Beteiligungsgesellschaft Cinven und der Essener RAG-Stiftung bestehenden Käuferkonsortium einen beachtlichen Preis auszuhandeln. Die Käufer zahlen an den Essener Konzern 17,2 Milliarden Euro. Das Geld soll in die Umstrukturierung wie die Schuldentilgung fließen und nach Angaben des Unternehmens auch einen Teil der Pensionsverpflichtungen finanzieren.

Trotz der Erfolgsnachricht straften Anleger das Essener Unternehmen ab. Der Aktienkurs von Thyssenkrupp rutschte auf einen historischen Tiefststand. Nach dem Kursverfall hielt es der Thyssenkrupp-Finanzchef Johannes Dietsch offenbar für angebracht, bei den Mitarbeitern um Vertrauen zu werben: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Thyssenkrupp eine gute Zukunft hat, auch ohne das Aufzugsgeschäft", schrieb der Manager an die Mitarbeiter.

Vorgeschädigte sind gefährdeter

Der Konzern, einst aus den deutschen Traditionsunternehmen Krupp, Hoesch und Thyssen hervorgegangen, ist durch hohe Verluste, Schulden und Pensionslasten massiv angeschlagen. Das Essener Unternehmen hat zuletzt nur noch mit Industriekomponenten und dem Werkstoffhandel Geld verdient. Das nun verkaufte Aufzugsgeschäft war die eigentliche Ertragsperle des Konzerns. Der Anlagenbau und die Stahlerzeugung schrieben dagegen Verluste.

Thyssenkrupp ist nicht das einzige deutsche Traditionsunternehmen, das in den letzten Jahren in eine schwierige Lage geraten ist. Die Deutsche Bank und die Commerzbank sind nur noch Schatten ihrer selbst. Auch Siemens war vor 20 Jahren noch eine globale Supermacht, wenn es um Telekommunikationstechnik ging. Bei der aktuellen Diskussion, wer die Technik für den Aufbau des neuen 5G-Mobilfunknetzes liefern soll, spielt der Münchner Konzern aber keine Rolle mehr.

Auch in den Vereinigten Staaten ist eine ähnliche Entwicklung bei großen Traditionsunternehmen zu konstatieren. General Motors, bis 2007 nach Verkaufszahlen immerhin der weltgrößte Automobilhersteller, rutschte 2009 in die Insolvenz und war zeitweise sogar verstaatlicht. Die großen Fluggesellschaften American Airlines, Delta, United und Continental Airlines haben in den USA mittlerweile alle irgendwann Insolvenzverfahren durchlaufen. Derzeit häuft der Siemens-Rivale General Electric Milliardenverluste an und gilt als Sanierungsfall.

Unterschiede zu den USA

Deutliche Unterschiede zwischen Deutschland und den USA werden jedoch im internationalen Vergleich der Börsenkapitalisierung von Großunternehmen deutlich. In der Liste der 100 wertvollsten Unternehmen der Welt haben die großen Ölmultis ihre früheren Spitzenstellungen zwar an Technologieunternehmen und Internetgiganten verloren, dominiert wird die Liste aber immer noch von US-Unternehmen. Ende des vergangenen Jahres rangierten allerdings nur noch zwei deutsche Konzerne, nämlich Siemens und SAP, unter den ersten 100. Im Jahr 2017 konnten sich immerhin noch sechs deutsche Firmen in der Liga der Top 100 platzieren.

Deutlich wird an dieser Entwicklung, dass es dem Wirtschaftssystem der USA wesentlich besser gelungen ist, den schleichenden Bedeutungsverlust der alten Industrien durch den Aufstieg von Unternehmen wie Apple, Facebook, Ebay, Amazon oder der Google-Mutter Alphabet aufzufangen. Die große Stärke des deutschen Wirtschaftssystems sind nach wie vor die vielen „Hidden Champions", die exportstarken Mittelständler, die mit ihren Spezialprodukten Weltmarktführer sind. Die deutsche Politik muss sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Bedeutung des Internets und der Digitalisierung der Wirtschaft lange unterschätzt und die Entwicklung verschlafen habe. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte noch im Jahr 2013, das „Internet ist für uns alle Neuland." Zu diesem Zeitpunkt waren US-Unternehmen wie Amazon und Facebook längst zu globalen Marktführern herangewachsen. Inzwischen ist ihre Marktmacht so groß, dass in den Vereinigten Staaten bereits ernsthaft über ihre Zerschlagung diskutiert wird.



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