13.07.2024

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Politik

Ansichten eines Journalisten

Markus Preiß zieht Rückschlüsse als Pressebeobachter seiner Jahre in Brüssel

Karlheinz Lau
01.07.2024

Markus Preiß leitet seit Anfang Juni das ARD-Hauptstadtstudio in Berlin. 1978 in Thüringen geboren, studierte er Politikwissenschaften und Journalismus. Er begann als „Tagesschau“-Reporter in Köln und Korrespondent in Paris. Er ist ohne Zweifel ein kompetenter Beobachter der politischen Szene.

Preiß gliedert sein Buch „Angezählt. Warum ein schwaches Deutschland Europa schadet“ in zehn Kapitel, die jeweils in einzelne Abschnitte unterteilt sind. Anstelle einer strikten chronologischen Anordnung werden herausragende politische Ereignisse thematisiert, die er als Pressemann behandeln und bearbeiten musste. Zeitlich können die Einführung des Euro 2002 als gemeinsames Zahlungsmittel für zwölf EU-Staaten, aber auch der 24. Februar 2022 als Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine für den Beginn der einzelnen Themenblöcke angesetzt werden. Positiv ist, dass er anfangs Erläuterungen zu seiner Arbeit als Korrespondent in Brüssel sowie zu inneren und äußeren Netzwerken der Beziehungen zwischen Kollegen auf internationaler Ebene gibt.

Ein Korrespondent muss immer in Bewegung sein, um an Informationen und Hintergrundwissen heranzukommen: in Einzelgesprächen, auf Empfängen und Pressekonferenzen, in Interviews, häufig mit Regierungschefs Deutschlands und europäischer Partner. Hier begegnet man Persönlichkeiten wie Angela Merkel, Nicolas Sarkozy, Emmanuel Macron oder Mario Draghi. Preiß unterscheidet zwischen „Kurzzeit-Regierungschefs“ und solchen mit längerer Anwesenheit in Brüssel und damit größerem Einfluss (Merkel, Viktor Orbán, Mark Rutte).

Als Korrespondent der ARD in Brüssel bearbeitete er alle wichtigen Ereignisse in Europa auch mit ihren Auswirkungen auf Deutschlands Stellenwert in der Europäischen Union und im Verhältnis zu den USA. Es waren dies unter anderem der Tod Helmut Kohls, der den Autor tief erschütterte, die Finanzkrise, die Hinwendung Merkels zu Russland und nach dem Abbruch des Gasbezugs die daraus folgende Energiekrise, die Probleme mit Griechenland, die Asylkrise mit der deutschen Willkommenskultur, Corona, Donald Trump als künftiger neuer Präsident der USA, der Zustand der Bundeswehr, Hilfen Deutschlands, der EU und der USA für die Ukraine, die innereuropäischen Probleme mit Frankreich, Polen und Ungarn sowie der Brexit. Daneben findet die Klimakrise immer wieder Erwähnung.

Zu sehr Kommentarcharakter
Dieses gewaltige Arbeitsprogramm, verteilt auf die einzelnen Kapitel, beschreibt Preiß jeweils mit Informationen zum Sachstand, um dann zu kommentieren, wobei er sehr pointiert seine eigene Position einbringt. Das ist legitim, er muss aber berücksichtigen, dass er in seiner Funktion nicht Gestalter der politischen Verhältnisse ist, sondern dass er als intimer Kenner die Aufgabe hat, diese verständlich für den Leser zu vermitteln.

Manche Beiträge wirken wie eigene politische Ratschläge beziehungsweise Kommentierungen, man wähnt sich als Leser eines politischen Teils einer überregionalen Tageszeitung. Als Beispiel kann der Beitrag „China“ genannt werden. Seine eigene politische Position wird im Zuge der Darstellungen immer wieder deutlich: ein angezähltes Deutschland zum Schaden Europas. Er sieht kritisch die zögerliche Haltung des Bundeskanzlers, Deutschland als europäische Führungsmacht darzustellen, auch in bestimmten Bereichen der Unterstützung der Ukraine. Es ist allerdings zu bedauern, dass kein Wort über die deutsche Hilfe für die Ukraine fällt. Hier ist Deutschland Spitzenreiter in Europa.

In der gegenwärtigen Verfassung sieht Preiß Deutschland nicht als die treibende Kraft in Europa, die als Einheit in enger Verbindung mit den USA das Bollwerk gegen Putin und auch China bildet. Trotz zahlreicher nicht gelöster Probleme innerhalb der EU – beispielsweise Mehrheitsentscheidungen oder das Verhältnis zu Frankreich – lobt der Autor die einvernehmliche Position in der Migrations- und Asylpolitik, die im Sommer 2023 in Luxemburg unter entscheidender Initiative Deutschlands zustande kam.

Das Buch ist ein Bericht über die Brüsseler Zeit von Preiß mit seinen persönlichen Meinungen. Tatsächlich bringt es für den an Politik interessierten Leser kaum neue Fakten. Aber das Aufzeigen der Hintergründe der Arbeit eines Journalisten, der Netzwerke sowie der Zusammenarbeit der Kollegen aus den verschiedenen Ländern Europas und aus Übersee muss als Gewinn für den Leser und seine Urteilsfähigkeit angesehen werden. Die Darstellungen sind sehr faktenreich und dicht und erfordern ein hohes Maß an Konzentration. Eine Zeittafel hätte bei der Lektüre geholfen.

Markus Preiß: „Angezählt. Warum ein schwaches Deutschland Europa schadet“, dtv, 2. Auflage München 2024, Taschenbuch, 288 Seiten, 20 Euro


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