13.06.2024

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Königsberg

Auf dem Weg zu einem einheitlichen, ausdifferenzierten Schulsystem

Die Entwicklung des Schulwesens der Hauptstadt Ostpreußens im 19. Jahrhundert war ein langer, hindernisreicher Prozess

Margund Hinz
11.02.2024

Mit der Bildung eines Schulkollegiums 1806 strebte Königsberg eine Vereinheitlichung des Schulwesens an. Die Königliche Regierung legte 1815 fest, dass nur Lehrer einzustellen sind, die ihre Qualifikation durch eine Prüfung belegen können. Nach einem Magistratsbericht von 1821 wurden in allen öffentlichen und Privatschulen insgesamt 5766 Schüler unterrichtet. Einige siebenjährige Kinder blieben jedoch ohne Unterricht. Trotz der vielen Privatanstalten waren die öffentlichen Schulen überfüllt.

Die vom Magistrat beantragten neuen Lehranstalten reichten bei Weitem nicht aus. Zum Jahresende 1827 lernten in den Elementarschulen 1422 Kinder, deren Eltern Schulgeld zahlten. Für 322 Kinder war der Unterricht kostenfrei, weil die Lehrer zur Aufnahme eines Fünftels aller Kinder als Freischüler verpflichtet waren. Ferner besuchten 900 Kinder Lehranstalten, die nicht der Schulaufsicht unterstanden.

Um die Schulanfänger zu einem regelmäßigen Schulbesuch anzuhalten, wurde auf Anordnung des Magistrats an jeder Schule morgens ein Schulbote eingesetzt, der die noch nicht gezahlten Bußgelder für Schulversäumnisse einfordern sollte. Er ließ sich auch die grundlos fehlenden Kinder nennen und suchte sie. So kam es nicht selten vor, dass ein Langschläfer aus dem Bett geholt und zur Schule gebracht wurde. Je mehr die Frequenzen stiegen, umso mehr wurde die Tätigkeit der Schulboten entbehrlich. Daher verringerte sich ihre Anzahl von neun seit 1858 immer mehr. Die Eltern erkannten zunehmend den Wert einer guten Schulausbildung. So kam es immer seltener vor, dass sie ihre Kinder zu gewerbsmäßiger Bettelei anhielten. Schulvorstände trugen maßgeblich dazu bei. Sie traten einmal pro Woche zusammen, um über die Gründe für die Schulversäumnisse zu beraten.

Differenzierung statt Inklusion
Auf Grund der ungleichen Verteilung der Schülerzahlen in und zwischen den Kirchensprengeln von Königsberg richtete die Schuldeputation Bezirke für die Armenschulen ein. Die Kinder sollten die Schulen besuchen, in deren Bezirk sie wohnten. Ausnahmen waren genehmigungspflichtig. Trotz sorgfältiger Begrenzung der Schulbezirke blieb die Anzahl der Schüler anhaltend hoch. Auch bei ihrer gleichmäßigen Verteilung auf die Bezirke kam es zur Überfüllung der Klassen.

Man führte in einigen Schulen Halbtagsunterricht mit 20 bis 24 Stunden pro Woche ein, da es nicht möglich war, die Frequenz in den zu großen Klassen zu senken. Zu der Gründung neuer Schulen fehlten geeignete Schulgebäude. Die Armenschulen wurden 1867 in Volksschulen umbenannt. 1878 gab es in Königsberg 13 Volksschulen mit 83 Klassen und 6101 Schülern. Ab 1886 führten die Leiter der Volksschulen den Titel Rektor.

Neben den Volksschulen gab es in Königsberg Bürger- und Mittelschulen. Diese Lehranstalten gingen zumeist aus den Kirchschulen und privaten Elementarschulen hervor. Letztere wurden ab 1883 in Bürgerschulen umbenannt. Ihr Lehrplan unterschied sich nicht wesentlich von dem der Volksschulen. Der Mittelschullehrplan ging aber über den der Volks- und der Bürgerschule hinaus. So bekamen Mittelschüler in den vier oberen Klassen pro Woche vier Stunden Englischunterricht. Die Mathematik und ferner die Naturwissenschaften nahmen mehr Raum ein.

Für Kinder, die zwei Jahre erfolglos die Volks- oder Mittelschule besucht hatten, eröffnete Königsberg 1885 die erste Hilfsschule mit zwölf Knaben und Mädchen. Die erste Hilfsschullehrerin von Königsberg und Ostpreußen, Emma Rehs, gab zusammen mit ihrer Kollegin E. Witt ein viel beachtetes Lehrwerk heraus. Es war gegliedert in: Artikulationsfibel, Lesefibel und Lesebuch. Das Bestreben, die Kinder an Hilfsschulen derart zu fördern, dass sie wieder an die Volksschule wechseln konnten, hatte in der Zeit von 1901 bis 1903 bei 14 Kindern Erfolg. Später sah man davon ab, da die Hilfsschüler dem Volksschulunterricht nicht ausreichend folgen konnten. Ab 1905 entstanden weitere Hilfsschulen.

Behinderte wurden nicht vergessen
Für Kinder mit Sprachstörungen – meist stotternde Kinder – richtete Königsberg 1889 die ersten Sprechheilkurse unter der Leitung des Lehrers Paul Rogge ein. Dafür befreite man die Kinder vom Unterricht an ihren Schulen. Sechs weitere Kurse dieser Art fanden bis 1893 statt. Sie dauerten je vier bis sieben Monate. Der Magis­trat richtete ein Jahr später für Lehrer einen von Rogge geleiteten Kurs ein, der sie zur Anwendung des geübten Heilverfahrens bei stotternden Schülern befähigte.

Die Königliche Taubstummenanstalt (1818) sowie die Vereins-Taubstummenanstalt (1873) gaben Gehörlosen Unterricht. Die Kinder ohne Schulplatz unterrichtete man im Regierungsbezirk Königsberg meist in den Landschulen mit. Deren Leistungen waren jedoch unzureichend, da es an geeigneten Hilfsmitteln mangelte. Ferner fehlten häufig die Artikulationsübungen und Übungen im Ablesen der Sprache. Ab 1894 wurden sämtliche Schüler der zwei Taubstummenanstalten in der Poliklinik für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten der Albertina untersucht. Die Klinik sorgte für ihre Behandlung. Ferner bot sie auch eine Sprechstunde für die schulpflichtigen Kinder am Nachmittag an.

Der Königsberger Schulplan Wilhelm von Humboldts und der Organisationsplan des Oberbürgermeisters Wilhelm August Heidemann führten zu weitreichenden Reformen im höheren Schulwesen. Als Gymnasien neu eröffnet wurden das Collegium Fridericianum 1810 und die Altstädtische Schule 1811. 1811 wurden die Kneiphöfische Schule und die Löbenichtsche Schule in höhere Bürgerschulen umgewandelt und 1813 die Deutsch-reformierte Schule (Reformierte Burgschule) in eine höhere Stadtschule.

Die Löbenichtsche Schule und die Burgschule als einzige nicht abiturfähige Realanstalten der Stadt profilierten sich besonders durch ihr Sprachenangebot. Die Kneiphöfische Schule erhielt 1831 die Genehmigung zur Einrichtung als Gymnasium. Im Jahr 1874 kam das Königliche Wilhelmsgymnasium hinzu. Das Gymnasium Humboldtscher Prägung mit den Hauptfächern Latein und Griechisch blieb bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts die dominierende auf ein Universitätsstudium vorbereitende Schulform.


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Kommentare

Kersti Wolnow am 12.02.24, 09:28 Uhr

Nein, auch Behinderte hat man nicht vergessen, das ist schön. Wenn man sie getrennt nach ihren Behinderungen beschult, kann man ihnen wirklich helfen. Und heute? Inklusion, hüstel.
Ich werde in meinem Leben nie verstehen, warum die Politik der letzten 30 Jahre und länger das deutsche einst für die ganze Welt vorbildliche Schulsystem systematisch zerstört. Hängt das mit dem bRD-Kolonialstatus der USA zusammen? Sollen wir Deutschen genauso ungebildet werden? Fast ist es geschafft. 10 % wird Elite, den Rest kann man hin- und herschubsen. Den Niedergang kann man nachvollziehen nach den Zielstellungen der verschiedenen Kultuskonferenzen, das fing schon Mitte der 50er Jahre an mit Gesamt(Einheits)schulen, dem Ersatz der Altsprachen durch Englisch, den Rest der Verbrechen an unseren Kindern erspare ich mir. Und es gibt kein Signal zur Veränderung. Mehltau liegt über der brD.

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