27.11.2020

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Das Commandantenhus in Stralsund wurde 1748-51 errichtet. Von 1950 bis 1990 diente es als Kulturhaus des Militärs. Das Wappen, um 1950 entfernt, wurde 2003 als Nachbildung wieder angebracht
Foto: B. StrammDas Commandantenhus in Stralsund wurde 1748-51 errichtet. Von 1950 bis 1990 diente es als Kulturhaus des Militärs. Das Wappen, um 1950 entfernt, wurde 2003 als Nachbildung wieder angebracht

Reise in die Geschichte

Auf den Spuren der Schweden

Bauten, Denkmäler, Kunst, Literatur und Vineta in Vorpommern entdecken

Brigitte Klesczewski
22.06.2020

Seit dem Jahr 2000 gibt es die 700 Kilometer lange kulturhistorische Route, Schwedenstraße genannt. Sie führt durch Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Im Jahr 2002 wurde der Förderverein Schwedisches Kulturerbe in Pommern gegründet, dessen Ziel es ist, Denkmäler und Begebenheiten aus dieser Zeit zu erforschen und zu bewahren.

Die Schwedenzeit in Deutschland, die besonders in Pommern viele Spuren hinterlassen hat, begann im 30jährigen Krieg 1618 – 1648. Auslöser für diesen Krieg waren Meinungsverschiedenheiten zwischen protestantischen und katholischen Machthabern. Im Jahr 1630 griff Schweden unter König Gustav II. Adolf aktiv in den Krieg ein.

Im Westfälischen Frieden von 1648 erhielt Schweden Vorpommern mit Rügen, das Mündungsgebiet der Oder, Stettin mit einem Streifen östlich der Oder, so wie die Kontrolle über die Mündungen von Weser und Elbe. Schwedisch Pommern blieb, wie im Westfälischen Frieden bestimmt worden war, ein deutsches Land, über dessen Territorium der Schwedenkönig als Herzog im Deutschen Reich militärisch verfügen konnte. Pommern wurde zum Brückenkopf nach Schweden, denn beide Länder lagen an der Ostsee und besaßen gleiches Interesse an der Seefahrt. Deutsche Romantik ging per Schiff nach Schweden. Schwedische Soldaten lernten Kartoffeln zu essen. 50 Familien des schwedischen Adels wie Platen, Klinkowström, Sydow und Schwerin sind pommerschen Ursprungs.

Ab dem Jahr 1720 blieb nur noch Vorpommern bis zur Peene mit Rügen in schwedischer Hand und nannte sich später Neuvorpommern. Hier wurde schon 1806 die Leibeigenschaft aufgehoben. Anklamer erzählen heute noch gern Besuchern ihrer Stadt, dass sie vor mehr als 200 Jahren einmal die längste Brücke der Welt gehabt hätten und zeigen dann auf einen kleinen Übergang über die Peene. Sie wäre nämlich von ihrer Stadt bis nach Schweden gegangen. Zu Altvorpommern wurde demnach das Land von der Oder bis zur Peene mit Stettin.

In den Jahren von 1692 – 1709 wurde Pommern kartiert. Gut für Gut, Hof für Hof und in den Städten Haus für Haus wurden aufgenommen und ihre Nutzflächen kalkuliert. Sogar die sagenhafte Stadt Vineta wurde dabei nicht vergessen. Diese Landvermessung ermöglichte eine Herstellung topographischer Karten und diente der Steuereintreibung. In der Bibliothek der Greifswalder Universität können sie heute noch als Lagerströmsche Matrikel eingesehen werden. Damit war Pommern das erste deutsche Reichsterritorium, das ein modernes Katasteramt besaß.

Zeugnisse schwedischer Baukunst in Vorpommern sind das Hauptgebäude der Greifswalder Universität mit seiner berühmten Aula. Die 1456 gegründete Ernst-Moritz-Arndt-Universität war von 1648–1815 die älteste Universität Schwedens. Vor der Universität steht das Rubenow- Denkmal bestehend aus mehreren Figuren. Hier hält der schwedische König Friedrich I. (1676 – 1751) das Universitätsgebäude in seinem linken Arm.

In dem Reim:
„Bet Kindlein bet,
morgen kommt der Schwed,
morgen kommt der Oxenstierna,
wird den Kindern beten lehren.
Bet Kindlein bet!"

... kommt der schwedische Reichskanzler und Vormund von Gustav II. Adolfs Tochter Christine vor. Er wurde schon 1643 mit dem Klostergut Pudagla und dem Wasserschloss Mellenthin auf Usedom belehnt. Spyker auf Rügen erhielt der legendäre Generalfeldmarschall und spätere Generalgouverneur für Pommern Carl Gustav Wrangel. 1650 ließ er das Feste Haus Spyker erweitern, so dass es seinem schwedischen Schloss Skokloster am Mälar See ähnelte.

Der schwedische Feldmarschall Carl Gustav von Rehnskiöld erbaute das Barockschloss in Griebenow bei Greifswald von 1702 – 1706. Neben diesem Schloss steht eine 12eckige Kapelle, die von seinem Vater Gerd Antoni von Keffenbrinck 1663 errichtet wurde. Er wurde in den schwedischen Adelsstand erhoben und nannte sich danach von Rehnskiöld.

An der Toreinfahrt zum Renaissanceschloss Ludwigsburg erkennt man das Wappen der schwedischen Generalsfamilie Müller von der Lühne 1742. Später lebte hier die Familie von Klinkowström 1776–1810. Der Maler Friedrich August von Klinkowström, ein Freund von Philipp Otto Runge, wurde hier geboren. In diesem alten Schloss entsteht ein Museum unter dem Titel: „Vorpommersche Romantiker" für Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge und Friedrich August Klinkowström.

Das Gemälde „Lebensstufen" von Caspar David Friedrich zeigt einen kleinen Jungen, der eine schwedische Flagge in der Hand hält. Das Bild entstand 1834, also nach der Schwedenzeit und soll wohl an diese Zeit erinnern. Philipp Otto Runge versah ebenfalls eine Federzeichnung des Wolgaster Werftgeländes seines Vaters 1808 mit dieser Fahne. Ein Bild von Friedrich August Klinkowström, eine Kopie des Bildes „Heilige Nacht" von Antonio Allegri Corregio (1491–1534) ist als Altarbild in der Greifswalder Marienkirche zu finden.

In Schlatkow wird in der Schwedenstube der Melkerschule an die Waffenstillstandsverhandlungen zwischen Schweden und napoleonischen Truppen vom Jahr 1807 erinnert.

Mit Hilfe der Schweden wurde 2005 das Wappen schwedischer Löwe, Pommerscher Greif am früheren schwedischen Kommandanturhaus in Stralsund als Nachbildung wieder angebracht.

Gustav II. Adolf blieb unvergessen in Pommern. Seit 1930 steht ein Stein an der Kapelle zu Peenemünde mit folgender Inschrift: „Verzage nicht, du Häuflein klein. Gustav Adolf landete hier Mittsommer 1630." In Wolgast hängt in der Petrikirche ein Gemälde, welches die Einschiffung des Leichnams von Gustav II. Adolf am 15. Juli 1633 zeigt. Am Dom zu Greifswald sieht der Tourist eine Gedenktafel mit Konterfei des Schwedenkönigs. Markanter jedoch ist die Hofgerichtsempore mit königlichen Insignien und Initialen der schwedischen Königin Ulrike Eleonora 1718-1720. Das Tribunalgericht wurde 1803 von Wismar nach Greifswald verlegt.

Im Dom hängt auch ein Porträt von Schlegel, eines Theologieprofessors an der Greifswalder Universität. Er ist 1792 der Verfasser des schwedisch-pommerschen Katechismus gewesen. Während der Schwedenzeit waren Studenten, Professoren und Gelehrte Wanderer in beiden Ländern gewesen. Genannt seien Ernst Moritz Arndt, Johannes Dähnert, David von Reichenbach und Thomas Thorild, dessen Grab in Neuenkirchen bei Greifswald heute noch gepflegt wird.

Auch Orts- und Flurnamen weisen auf die Schwedenzeit, wie z.B. die Gustav-Adolf-Schlucht bei Wolgast, Schwedenstraßen in den Städten oder Schwedenschanzen. Gasthäuser nennen sich „Zum alten Schweden", „Zur Schwedenschanze". Es werden Schwedenplatten oder Schwedenpunsch in Restaurants angeboten. Beliebt ist auch der Julklapp in der Weihnachtszeit.

In die Weltliteratur gelangte Vineta durch die Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf (1858–1940) und Nils Holgerssons Reise mit den Wildgänsen aus dem Jahr 1906. Der aus Pommern stammende Storch Ermenerich reist mit dem Däumling an die pommersche Küste und erzählt ihm die Sage von Vineta, der Stadt auf dem Meeresgrund.

Der allen Pommern bekannte Kinderreim: „Maikäfer flieg ..." wurde bei Graf Hans Boguslaw von Schwerin 1883–1967 zu einer Ballade. Er stammte aus Schwerinsburg bei Ducherow.

Da man in der DDR-Zeit den Namen Pommern nicht sagen sollte, behaupteten die Vorpommern, sie wohnten in Südschweden. Die Bewohner von Hiddensee sollen sogar beantragt haben, aus der DDR entlassen zu werden, um sich wieder Schweden anschließen zu können. „Unter den drei Kronen lässt es sich gut wohnen", ist in Vorpommern nicht in Vergessenheit geraten.
Auch die Schweden sind daran interessiert, das Kulturerbe dieser Jahre in Pommern zu wahren.

Der vollständige Text der Ballade ist sicher nicht jedem bekannt:

Maikäfer fliege
von Hans Boguslaw Graf von Schwerin

Ein blonder Knabe tollte
Im weiten Park umher,
Maikäfer fangen wollte
Der Bub und das war schwer.
Doch endlich war's gelungen;
Er hielt ihn in der Hand.
Bald aber leise surrend
Maikäferchen entschwand.
Da sang die alte Amme
Ein Lied dem Knaben vor;
Das klang ihm wie ein Märchen,
wie fernes Weh im Ohr.

„Maikäfer fliege!
Der Vater ist im Kriege,
die Mutter lebt im Pommernland,
Pommernland ist abgebrannt."

Der Herbstwind durch die Bäume
Des alten Parkes braust,
in einer alten Schlossruine
die Eule einsam haust.

Vor moosbewachs'nem Grabe
ein Greis versonnen steht;
die Hand am Wanderstabe
spricht er ein still Gebet.

Und durch die Edeltannen
Ein Windhauch seufzend zieht;
Als klängen alte Zeiten
Noch einmal auf im Lied.

„Maikäfer fliege!
Der Vater fiel im Kriege,
die Mutter starb im Pommernland,
Pommernland ist abgebrannt!"



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